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Geplanter Konzernumbau : Daimler will Tesla alt aussehen lassen

Öffentlichkeitswirksam, aber zu flach? Daimler verteidigt seine Dividendenzahlung gegen die Vorwürfe von Aktivisten wie hier in Berlin. Bild: Imago

Im Corona-Jahr 2020 hat der Autokonzern den Gewinn kräftig gesteigert. Gespart wird trotzdem – damit die Transformation noch schneller vorangeht. Kritik gibt es an der Dividendenzahlung.

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          Daimler-Chef Ola Källenius war der Erste aus der Autoindustrie, als er im Jahr 2019 für Mercedes klare CO2-Ziele ausgegeben hat. Doch angesichts des Tempos, das Tesla-Gründer Elon Musk oder VW-Chef Herbert Diess in puncto E-Mobilität vorlegen, wirkt die „Ambition 2039“ nicht mehr so ehrgeizig wie damals. „Allen muss klar sein, dass wir mindestens so schnell sein müssen, wie unsere alten und neuen Wettbewerber“, warnte der scheidende Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff in seiner Ansprache zum Beginn der virtuellen Hauptversammlung von Daimler.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Hamburg.

          Ola Källenius zeigte sich kämpferisch: „Wir haben den Ehrgeiz, das selbstgesteckte Ziel früher zu erreichen“, sagte er in seiner Rede – vertröstete die Aktionäre allerdings zunächst: „Dazu mehr in Kürze.“ Damit folgt Daimler auch den Forderungen von bedeutenden Aktionärsgruppen. So kommentiert etwa Janne Werning von Union Investment mit Blick auf die Lieferketten: „2039 – das ist uns nicht ambitioniert genug.“ Schon für 80 Prozent des Einkaufsvolumens habe Verpflichtungserklärungen, dass bis spätestens bis 2039 auf CO2-neutrale Produkte umgeschwenkt werde, berichtete der Daimler-Chef. „CO2 ist für uns zentrales Kriterium für die Lieferantenauswahl.“ Und, so sein Hinweis: Im EQS werden erstmals CO2-neutral hergestellte Batterien verbaut.

          Flagschiff soll Tesla alt aussehen lassen

          Mit dem EQS, dem neuen elektrischen Flaggschiff, wollen die Stuttgarter auch Tesla alt aussehen lassen, machte Källenius deutlich und präsentierte den Aktionären kurz vor der Weltpremiere Mitte April einige Details zu dem Auto: 770 Kilometer Reichweite, eine Windschlüpfrigkeit wie sonst kein Auto auf der Welt, aber auch Design und künstlicher Intelligenz, die Mercedes-Kunden ein neuartiges Erlebnis bieten sollen. „Die technologische Entwicklung beschleunigt sich. Die Nachfrage steigt. Und wir sind bereit“, sagte Källenius.

          Gut möglich, so machte der Daimler-Chef deutlich, dass sich auch das Ende des Verbrenner-Motors noch beschleunigt. Die Vielfalt an Motoren werde bis 2025 um 40 Prozent zurückgehen, bis 2030 sogar um 70 Prozent. Auf mehrere Aktionärsfragen bekräftigte Källenius aber, dass konventionelle Antriebe Bestandteil des Angebots bleiben, solange dies nötig sei, etwa wegen fehlender Lade-Infrastruktur.

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          Ob Daimler die Transformation überhaupt finanzieren könne oder ob Tesla angesichts der Börsenkurse einen uneinholbaren Vorsprung habe, fragte Marc Tüngler von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Unterschiede sind in der Tat gewaltig. Während die Daimler-Aktie am Tag der Hauptversammlung 76 Euro kostete und sich somit 80 Milliarden Euro Börsenwert errechnen, kam Tesla auf eine Marktkapitalisierung von über 530 Milliarden Euro. Doch Daimler-Finanzvorstand Harald Wilhelm beschwichtigte: Man habe eine Nettoliquidität von 18 Milliarden Euro und einen „hervorragenden Zugang zum Kapitalmarkt“. Bis zum Jahr 2025 werde man mehr als 70 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung sowie in Sachanlagen investieren.

          Wider den „Daimler-Schlendrian“

          Schon in den Eingangsreden hatten sowohl Aufsichtsratschef Bischoff wie auch Vorstandschef Ola Källenius betont, dass Daimler gerade im Corona-Jahr 2020 gezeigt habe, wie gut man auch Krisen überstehen könne. Mit dem Verkauf von 2,8 Millionen Fahrzeugen hat der Konzern einen Umsatz von 154 Milliarden Euro erzielt. Das ist zwar weniger als in den Jahren 2017 bis 2019, allerdings hat Daimler damit ein überraschend gutes operatives Ergebnis von 6,6 Milliarden Euro erzielt, der Free Cashflow im Industriegeschäft erreichte 8,3 Milliarden Euro. Das sei vor allem gelungen, weil man wegen der Pandemie ein straffes Kostenmanagement betrieben habe und sich zudem in der zweiten Jahreshälfte wichtige Automärkte (allen voran China als der größte Markt) schon erholt hätten, berichtete Finanzvorstand Wilhelm auf Fragen in der Hauptversammlung.

          Die Kostendisziplin müsse jetzt durchgehalten werden, fordert Ingo Speich von der zum Sparkassensektor zählenden Deka Investment: „Das Management muss die Zügel straff halten, damit sich nicht wieder der alte Daimler-Schlendrian einschleicht.“ Genau das ist auch die Haltung des amtierenden Vorstands, machte Daimler-Chef Ola Källenius deutlich: „Auch in Zeiten vollerer Kassen werden wir das Geld nicht mit vollen Händen ausgeben“, versprach er. Die Transformation hin zu dekarbonisierten und digitalisierten Fahrzeugen sei nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch eine wirtschaftliche. So werde man 3000 Software-Ingenieure einstellen, weil Fahrzeugsoftware ein entscheidender Baustein der Strategie sei: „Aber insgesamt müssen und werden wir auch unsere Personalkosten weiter senken.“ Man tue das aber verantwortlich, indem man auf Fluktuation und faire Lösungen setze.

          Kritik an Dividendenzahlung

          Ein Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung wird Daimler indes vielfach abgesprochen, wie schon vor Wochen deutlich wurde, als bekannt wurde, dass der Konzern die Dividende von 90 Cent auf 1,35 Euro erhöhen würde. Das sind – entsprechend langjähriger Übung – 40 Prozent des Gewinns, der 3,39 Euro je Aktie erreichte.

          „Im Ergebnis werden so Steuergelder, die Beschäftigung sichern und Pleiten verhindern sollten, als Gewinnausschüttungen an Aktionäre weitergeleitet“, schrieb beispielhaft Lena Kampen von der Bürgerbewegung Finanzwende, die gemeinsam mit anderen Nichtregierungsorganisationen zu Protesten in Stuttgart und Berlin aufgerufen hatten. Daimler antwortet darauf mit dem Hinweis, dass Kurzarbeitergeld eine Leistung der Sozialversicherung sei, in die das Unternehmen wie auch die Mitarbeiter jahrelang einbezahlt hätten, damit im Fall von Krisen Entlassungen vermieden werden könnten. Selbstverständlich sind wir uns der Diskussionen bewusst“, antwortete Finanzvorstand Harald Wilhelm auf zahlreiche Fragen, die auch von Aktionären zur Höhe der Dividende gestellt wurden – und er verwies auf die internationale und diversifizierte Aktionärsbasis. Zu den Aktionären gehörten auch Privatanleger oder Pensionsfonds, die auf entsprechende Liquiditätsflüsse angewiesen seien.

          Der Beschluss dazu stand nach einer siebenstündigen Hauptversammlung fest: 99,74 Prozent der abstimmenden Aktionäre votierten für den Vorschlag des Vorstands, je Aktie 1,35 Euro auszuschütten. Die Dividende wird nächsten Mittwoch ausgezahlt.  

          Konzernaufspaltung noch in diesem Jahr

          Für Manfred Bischoff ist mit der Hauptversammlung am Mittwoch seine Zeit als Aufsichtsratschef zu Ende gegangen. Der promovierte Volkswirt, der im April 79 Jahre alt wird, hatte das Amt im Jahr 2007 übernommen – mit jener außerordentlichen Hauptversammlung, die den Verkauf von Chrysler besiegelte und aus Daimler-Chrysler wieder Daimler werden ließ. Die nächste außerordentliche Hauptversammlung steht dem Konzern noch in diesem Jahr bevor, dieses Mal geht es um die Aufspaltung in zwei Teile: hier die Luxus-Autos der Marke Mercedes-Benz, dort die weltweit verbreiteten Nutzfahrzeuge in der Daimler Truck AG. Diese Gesellschaft soll noch dieses Jahr an die Frankfurter Börse gebracht werden. „Damit werden wir mehr Wert schaffen können“, stellte Bischoff den Aktionären in Aussicht. Rückblickend wagte er auch eine gewisse Selbstkritik, etwa mit Blick auf die letzten Jahre mit Vorstandschef Dieter Zetsche, als dessen Wachstumsstrategie nicht mehr aufging. „Im Nachhinein sind auch wir schlauer.“

          Zum Nachfolger als Chef des Kontrollgremiums wird der Aufsichtsrat entsprechend dem Beschluss aus dem vorigen Dezember Bernd Pischetsrieder wählen, der seit 2014 dem Daimler-Aufsichtsrat angehört. Was mehrfach in der Hauptversammlung kritisiert wurde: Ein Generationswechsel ist das nicht, denn der Manager mit seiner „ausgleichenden Persönlichkeit“ und  „Erfahrung wie kein anderer“ (Bischoff über Pischetsrieder) ist im Februar schon 73 Jahre alt geworden. Neu in den Aufsichtsrat gewählt wurden mit 97,54 Prozent der gültigen Stimmen Elizabeth Centoni, Strategie-Chefin von Cisco und mit 99,28 Prozent der BASF-Vorstandschef Martin Brudermüller. Der langjährige Shell-Chef Ben van Beurden, gegen den sich kritische Aktionäre ausgesprochen hatten, bekam 99,01 der gültigen Stimmen. 

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