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Alexander Armbruster (ala.)

Geely-Kommentar : Türöffner für Daimler

Großes Interesse: Chinesen am Daimler-Stand während einer Automesse in Peking. Bild: Reuters

Ein Chinese wird größter Aktionär des deutschen Autoherstellers Daimler. Grund zur Sorge? Eher nicht.

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          Daimler ist eine deutsche Industrie-Ikone. Das Unternehmen ist ein Paradebeispiel für den wirtschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten: Es stellt ziemlich kontinuierlich technisch anspruchsvolle, begehrte Produkte her (Autos!), vertreibt sie auf der ganzen Welt und verdient damit gutes Geld. Daimlers Kunden sind zufrieden. Die Zigtausenden Angestellten haben Arbeitsplätze, die ihnen ordentliche Gehälter einbringen.

          Droht nun, durch den substantiellen Einstieg eines chinesischen Unternehmers, Gefahr? Warnungen vor ausländischen Übernahmen oder Beteiligungen sind derzeit nicht selten. Es gibt sie in Europa wie in den Vereinigten Staaten – gerade Washington verhindert regelmäßig Firmenkäufe durch nicht-amerikanische Unternehmen, zuletzt sogar die Übernahme einer Nischenbörse in Chicago durch chinesische Bieter. Die öffentlich mitgeteilte Besorgnis lautet dabei meist: Es handele sich um „strategisch wichtige“ Branchen oder „sensible“ Wirtschaftsbereiche von „nationalem Interesse“.

          Konkurrenz der Tech-Konzerne

          Konkret geht es darum, dass ein ausländischer Käufer eben nicht nur Maschinen, Fabrikhallen, Vertriebssysteme und Arbeitsverträge übernimmt, sondern auch Zugang zu Wissen erkauft. Dass ein Unternehmen wie Daimler regelmäßig hohe Gewinne mit Luxusautos macht, liegt auch daran, dass das kompliziert ist, nicht leicht zu lernen und nachzuahmen. Wenn das einfach durch Erwerb, Auseinanderbauen und Analysieren einer S-Klasse ginge – dann gäbe es längst entsprechende Modelle vieler anderer Hersteller, nicht nur in China, dem derzeit wichtigsten deutschen Handelspartner. In der Tat gibt es in der Wirtschaftslehre ein eigenes Feld, das sich damit beschäftigt, wie sich ein international engagiertes Unternehmen verhalten sollte, etwa um Ideenklau zu verhindern. Zum Beispiel die allerwichtigsten Produkte nicht komplett im (entfernten) Ausland herzustellen – erst recht da nicht, wo der Patentschutz nicht gewährleistet und vor Gerichten jederzeit fair einklagbar ist.

          Zugleich muss jede Unternehmensführung stets abwägen. Daimler etwa fertigt die S-Klasse ausschließlich in Deutschland. Anderes Modelle produziert die Stern-Marke teilweise aber auch in China, plant zum Beispiel mit dem chinesischen Unternehmen BAIC, in wenigen Jahren Elektroautos dort zu bauen – für chinesischen Kunden, für den größten Automobilmarkt der Welt, der schon heute der wichtigste einzelne Absatzmarkt für den deutschen Traditionskonzern aus Stuttgart ist. BMW kündigte übrigens am Freitag an, gemeinsam mit dem chinesischen Autokonzern Great Wall einen elektrischen Mini auch in China fertigen zu wollen. Das ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass ein Gemeinschaftsunternehmen für die Führung in Peking nach wie vor in den allermeisten Fällen die Bedingung dafür ist, überhaupt in China produzieren zu dürfen.

          Umgekehrt hat sich nun Li Shufu, der Gründer des chinesischen Autounternehmens Geely, an Daimler beteiligt und ist sogar mit einem Anteil von beinahe 10 Prozent der bedeutendste einzelne Aktionär geworden – noch vor dem Emirat Kuweit und der amerikanischen Fondsgesellschaft Blackrock. Grund zur Sorge ist dieses Engagement nicht. Das zeigt einerseits die offizielle Stellungsnahme aus Stuttgart, wonach Daimler jeden strategisch, das heißt im Klartext: langfristig ausgerichteten, Anteilseigner willkommen heiße. Andererseits passt dazu auch die Ankündigung des Chinesen, dauerhaft engagiert sein zu wollen. Li Shufu, der sich in China von ganz unten nach oben gearbeitet hat, dürfte sogar ein zusätzlicher nützlicher Türöffner sein für Anliegen des Konzerns in der stark vom Staat dominierten Ökonomie. Und schlussendlich reicht ein Anteil von zehn Prozent schlicht und einfach auch nicht, um Grundsatzentscheidungen für die Zukunft Daimlers alleine zu treffen.

          Er wolle „Daimler auf dem Weg zu einem der weltweit führenden Anbieter von Elektromobilität begleiten“, teilte Li Shufu mit. Und noch ein anderes, besonders brisantes Thema sprach er an: „Die Wettbewerber, die uns im 21. Jahrhundert technologisch herausfordern, kommen nicht aus der Automobilindustrie.“

          Mit „uns“ meinte er dabei die Autobranche und bezog sich auf große internationale Technologiekonzern, wie es sie derzeit an der amerikanischen Westküste und in China gibt. Zum Beispiel hat die Google-Schwesterfirma Waymo selbstfahrende Taxis in Aussicht gestellt und testet in ausgewählten Regionen bereits. Sie liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Kooperation zwischen Daimler und Bosch. Die ganze Thematik hat bislang verschiedenste Allianzen hervorgebracht. Dies übrigens auch, weil die Entscheider in den Tech-Konzernen ihrerseits eben nicht komplette Autoproduktionen aufbauen wollen, sondern ebenfalls Geschäftspartner wählen – Waymo arbeitet zum Beispiel mit Fiat Chrysler.

          Alexander Armbruster
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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