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Daimler-Truck-Chef Martin Daum : Der richtige Weg zum emissionsfreien Transport

  • -Aktualisiert am

Ist sich sicher, wie der Transport nachhaltiger werden kann: Daimler Truck AG-Chef Martin Daum. Bild: dpa

Erdgas und Oberleitungen sind zu komplex. Sie führen in eine Sackgasse. Stattdessen sollten man sich auf Batterie und Brennstoffzelle konzentrieren, findet unser Gastautor Martin Daum.

          3 Min.

          Für den Kampf gegen den Klimawandel stecken sich die politisch Verantwortlichen immer ehrgeizigere Ziele. Die EU will bis 2050 klimaneutral werden und hat die Zwischenziele bis 2030 erheblich verschärft. Deutschland will die Klimaneutralität bereits 2045 erreichen. Und Städte wie Stockholm und Wien oder Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg haben sich das sogar schon für 2040 vorgenommen.

          Klar ist: Die großen europäischen Truck- und Bushersteller stehen voll hinter diesen Zielen. Auch wir sind überzeugt, dass wir den Klimawandel aufhalten müssen. Und auch wir sind der Meinung, dass wir hier keine Zeit zu verlieren haben. Wir sind deshalb entschlossen, unseren Beitrag zu leisten und den Transport emissionsfrei zu machen.

          Eines ist aber ebenfalls klar: Damit diese Klimaziele nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch erreichbar sind, müssen alle Beteiligten jetzt Geschwindigkeit aufnehmen. Und dazu müssen wir uns – in der Politik wie in der Wirtschaft – beim emissionsfreien Transport auf die Technologien konzentrieren, die wirklich zukunftsweisend sind. Denn nur dann können wir unsere Ressourcen und Budgets so wirksam einsetzen, wie dies notwendig ist.

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          Das heißt umgekehrt: Wir dürfen uns nicht verzetteln und weiterhin alle möglichen Entwicklungspfade verfolgen. Erdgas-Antriebe zum Beispiel sind nicht CO2-frei und damit nur eine teure Brückentechnologie. Und Oberleitungen bräuchten eine flächendeckende, europaweite Infrastruktur über Abertausende Kilometer. Die damit verbundenen Planungsverfahren wären hochkomplex, langwierig und mit großer Unsicherheit behaftet. Damit ist diese Technologie praktisch nicht realisierbar. Starre Oberleitungen würden Spediteuren zudem das nehmen, was für sie bei ihren täglichen Transportaufträgen so wichtig ist: Fle­xibilität. Politische Entscheider sollten deshalb keine weiteren Mittel in teure Pilotanlagen investieren. Zeit und Geld sind kostbar und werden an anderer Stelle dringend gebraucht.

          Die wasserstoffbasierte Brennstoffzelle wird die Serienreife bald erreichen

          Damit bin ich bei den beiden Technologien, die für den emissionsfreien Transport tatsächlich zielführend sind, nämlich Batterie und Brennstoffzelle. Die Batterie-Technologie ist inzwischen serienreif, und batterieelektrische Lastwagen und Busse sind auf unseren Straßen schon Tag für Tag im Einsatz. Die wasserstoffbasierte Brennstoffzelle wird die Serienreife in den nächsten Jahren erreichen. Beide Technologien sind lokal komplett CO2-neutral und ergänzen sich bestens – aus zwei Gründen: Erstens wegen der unterschiedlichen Einsatzzwecke von Nutzfahrzeugen, denn hier lautet die Faustformel: Die Batterie ist für geringere Lasten und kürzere Distanzen besser geeignet und die Brennstoffzelle für größere Lasten und längere Distanzen.

          Und zweitens wegen der notwendigen Infrastruktur: Denn wenn sich die Zahl der elektrischen Autos, Lastwagen und Busse auch nur annähernd so rasant entwickelt, wie wir alle das im Sinne der Nachhaltigkeit erhoffen, reichen Batterien hier schon bald nicht mehr aus. Das würde die Strom-Infrastruktur überfordern. Wir brauchen deshalb – für den Transportsektor, aber auch für andere wichtige Branchen – einen Energieträger, mit dem wir grüne Sonnen- oder Windenergie speichern, transportieren und auch importieren können. Genau das ermöglicht Wasserstoff. Kurzum: Wasserstoff hat das Potential, Erdöl als international handelbaren, grünen Energiespeicher abzulösen. Europa braucht eine Wasserstoffwirtschaft.

          Mir ist völlig bewusst: Es ist eher unüblich, dass wir uns als Hersteller öffentlich so klar für einen bestimmten Technologiepfad aussprechen. In der Regel plädieren Unternehmen und Verbände für Technologieoffenheit – sprich: dafür, keine Vorgaben zu machen und den Markt über Erfolg und Misserfolg einzelner Technologien entscheiden zu lassen. So könnten wir natürlich auch in diesem Fall verfahren, und ich bin sicher, dass sich Batterie und Brennstoffzelle auch dann am Ende durchsetzen würden. Das Pro­blem ist nur: Diese Vorgehensweise würde Zeit und Geld kosten, und beides ist knapp.

          Alle müssen an einem Strang ziehen

          Mit Blick auf die ehrgeizigen Klimaziele müssen wir uns für den Transportsektor deshalb von nun an auf Batterie und Brennstoffzelle konzentrieren. Die große Mehrheit der europäischen Truck- und Bushersteller ist hier schon gut unterwegs. Nun muss sich auch die Politik festlegen. Denn nur dann können wir beide Technologien möglichst schnell in den Massenmarkt bringen. Technisch ausgereifte Fahrzeuge allein genügen dafür nämlich nicht. Es braucht auch einen regulatorischen Rahmen, der dafür sorgt, dass CO2-neutrale Lastwagen und Busse mit herkömmlichen Fahrzeugen wettbewerbsfähig werden. Und es braucht vor allem auch eine umfassende Infrastruktur. Anders als bei Oberleitungen ist diese zwar realisierbar, auch europaweit, aber eben nicht von heute auf morgen.

          Gemeinsam mit Energieunternehmen haben Nutzfahrzeughersteller schon einige Projekte gestartet, um den Infra­struktur-Aufbau anzuschieben. Wenn sich alle Beteiligten jetzt auf die wirklich zukunftsweisenden Technologien Batterie und Brennstoffzelle konzentrieren, werden wir auch in diesem Punkt künftig noch schneller vorankommen.

          Martin Daum ist Vorstandsvorsitzender der Daimler Truck AG.

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