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Daimler spaltet sich auf : Die Scheidung der Sterne

Daimler Trucks könnte demnächst zu einem eigenständigen Dax-Konzern werden. Bild: dpa

Aus einem Daimler-Stern werden zwei: Ein Auto- und ein Truck-Konzern. Die Aktionärsvertreter setzen den Lastwagen-Chef direkt unter Druck – und warnen vor chinesischen Aktionären.

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          Der Daimler-Konzern spaltet sich auf. Am Freitagnachmittag hat eine außerordentliche Hauptversammlung über die Abspaltung des Lastwagen-Geschäfts bis Ende des Jahres entschieden. Die beiden neuen Konzerne werden sich durch die Trennung künftig stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können. Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass in der Transformation der Fahrzeugindustrie auf unterschiedliche Technologien gesetzt wird. Autokonzerne überall auf der Welt setzen auf batteriebetriebene Elektroautos, im Lastwagen-Geschäft dagegen spielt auch die Brennstoffzelle eine große Rolle.

          Gustav Theile
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Autobereich wird in Mercedes-Benz Group umbenannt und soll künftig unter der Marke Mercedes-Benz auftreten, während die Marke Daimler mit dem Lastwagen-Geschäft verbunden sein soll. Mercedes-Benz hält dabei einen Anteil von 35 Prozent am Truck-Konzern, die anderen 65 Prozent erhalten die bisherigen Aktionäre der Daimler AG. 

          Dieser wird künftig etwa 100.000 Mitarbeiter haben, die Autosparte 170.000. Im ersten Halbjahr machte Daimler mit dem Lastwagen- und Bus-Geschäft einen Umsatz von 18,7 Milliarden Euro, die Autosparte kam auf 55 Milliarden. Der Truck-Bereich erwirtschaftete ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern von 1,9 Milliarden Euro, das Autogeschäft von 7,5 Milliarden Euro. Der bisherige Chef des Daimler-Konzerns Ola Källenius wird den Auto-Konzern führen, der in Mercedes-Benz Group umbenannt wird. Der bisherige Leiter der Lastwagen-Sparte Martin Daum soll dem neuen Truck-Konzern vorstehen.

          Management will zwei separate Innovationsführer schaffen

          Källenius sagte auf der Hauptversammlung, die virtuell und unter Corona-Bedingungen durchgeführt wurde, durch die Trennung setze man das „Potenzial beider Unternehmen frei. Wir wollen zwei unangefochtene Innovationsführer etablieren, die in ihrer Industrie jeweils das Tempo der Transformation vorgeben.“ Daum bezeichnete die Lastwagen-Sparte als „technologisch führenden Hersteller von Trucks und Bussen weltweit“. Man wolle den „Weg zum emissionsfreien Transport mit der Entwicklung von Batterie- und Brennstoffzellen-Fahrzeugen in allen Segmenten beschleunigen“.

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          Daimler rechnet damit, dass der neue Truck-Konzern im ersten Quartal 2022 in den kürzlich erweiterten Dax 40 aufgenommen wird, sodass dort dann zwei Daimler-Aktien vertreten sein werden. Aktionärsvertreter äußerten sich im Vorfeld der Hauptversammlung kritisch. „Die Aufspaltung ist kein Garant für eine Wertsteigerung“, sagte Ingo Speich von der Deka Investment.

          „Die Truck-Sparte hat über Jahrzehnte ein Schattendasein geführt. Für eine Premiummarke sind die Margen viel zu niedrig“, kritisierte er. Das Management der Lastwagen-Sparte habe „jetzt zumindest die Chance nicht nur Premiumprodukte herzustellen, sondern auch ein Premiumunternehmen mit attraktiver Aktienkursentwicklung zu formen.“ Die Nutzfahrzeug-Sparte rücke nun ins Rampenlicht.

          Daimler Truck wird jetzt leichter vergleichbar mit seinen Wettbewerbern

          „Daimler Truck muss sich jetzt an Scania und Volvo Truck messen lassen, die deutlich höhere Margen erzielen“, sagte Janne Werning von Union Investment. In Richtung Truck-Chef Daum sagte er: „Holen Sie Daimler Truck aus dem Dornröschenschlaf!“

          Truck-Chef Daum stellte die Rendite-Ziele und die Ertragskraft des Unternehmens ins Zentrum seiner Rede. Je nach Marktbedingungen wolle das Unternehmen künftig eine Umsatzrendite zwischen 6 und 10 Prozent erzielen. Die Fixkosten sollen dafür bis 2025 um 15 Prozent sinken. Allerdings mache der Chipmangel dem Unternehmen aktuell stark zu schaffen.

          Speich, der bei Deka den Bereich Nachhaltigkeit und Corporate Governance leitet, warnte, dass die Abspaltung Daimler anfälliger mache für Übernahmeversuche. „Wir hoffen nicht, dass der Stern zukünftig nur bei chinesischen Aktionären aufgehen wird.“ Zudem forderte er schnellere Maßnahmen zur CO2-Reduktion. „Nach der Ankündigung, der grünste Lkw-Hersteller werden zu wollen, müssen nun endlich Taten folgen. 60 Prozent Nullemissionsanteil für 2030 sind heute noch in ganz weiter Ferne.“

          Auch darauf ging Daum in seiner Rede ein. Er stand neben einem wasserstoffbetriebenen Lastwagen, der „eigentlich gerade im Dauertest“ ist. Man fokussiere sich dafür auf Batterien und die Brennstoffzelle. „Wir stecken unsere Ressourcen nicht in Sackgassen-Technologien wie Erdgas-Antriebe oder Oberleitungs-Lkw“, sagte Daum und forderte auch von der Politik, dafür „weder Zeit noch Geld zu verschwenden“.

          Die Lade-Infrastruktur entsteht in Partnerschaft mit Shell

          Er zählte dafür eine Reihe von Beispielen auf, wo Daimler schon batteriebetriebene Fahrzeuge im Einsatz hat. Um die Brennstoffzellentechnologie serienreif zu machen, kooperiere Daimler mit Volvo. Die entsprechende Lade-Infrastruktur baue Daimler gemeinsam mit dem Energiekonzern Shell auf.

          Werning kritisierte das Format der Hauptversammlung: „Wir hätten es sehr begrüßt, wenn Daimler sich auch in diesem Jahr dem öffentlichen Dialog mit den Aktionären auf der Hauptversammlung gestellt hätte.“ Er forderte, „dass wir als Aktionäre bei künftigen Hauptversammlungen von Daimler wieder unser volles Frage-, Rede- und Auskunftsrecht bekommen.“

          Källenius und Daum betonten in ihren Reden immer wieder, dass es sich für den Konzern um einen historischen Schritt handle. Darauf, dass der 1. Oktober sogar ein besonderes Jubiläum markierte, gingen sie jedoch nicht ein. Denn die Aufspaltung erfolgte auf den Tag genau 125 Jahre, nachdem Gottlieb Daimler am 1. Oktober 1896 den ersten motorisierten Lastwagen der Welt verkaufte.

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