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Folgen des Diesel-Skandals : Nächster Tiefschlag für Daimler

Baden-Württemberg, Stuttgart: Ein Mercedes-Stern dreht sich auf dem Daimler-Werk in Untertürkheim. Die weltweiten Rückrufe und Verfahren im Zusammenhang mit dem Dieselskandal kosten den Autobauer Daimler für 2019 nochmals bis zu 1,5 Milliarden Euro zusätzlich. Bild: dpa

Analysten und Anleger sind nervös: Der Autokonzern muss einen weiteren Milliardenbetrag für Diesel-Altlasten zurückstellen. Und auch die Van-Sparte leidet unter einer ganzen Reihe hausgemachter Schwierigkeiten. Ein Beobachter spricht von „einem traurigen Tag für alle Beteiligten“.

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          Daimler gerät durch die Folgen des Diesel-Skandals offenbar immer weiter unter Druck. Der Fahrzeugkonzern hat im vergangenen Jahr nur noch 5,6 Milliarden Euro Ergebnis erzielt, das ist etwa eine Milliarde Euro weniger als von Analysten erwartet und nur noch rund die Hälfte des Vorjahreswerts, als 11,1 Milliarden Euro Ergebnis vor Steuern und Zinsen ausgewiesen wurden.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Zudem muss Daimler noch einen weiteren Milliardenbetrag für Diesel-Altlasten zurückstellen, „nach vorläufiger Einschätzung“ eine Summe zwischen 1,1 und 1,5 Milliarden Euro. Das sind die vorläufigen Eckdaten für das Jahr 2019, die der Stuttgarter Konzern am Mittwochmorgen veröffentlichte. Der Aktienkurs sackte sofort ab, während gleichzeitig der Aktienindex Dax ein Rekordhoch vermeldete. Zum Handelsschluss gab der deutsche Leitindex 0,3 Prozent nach, während Daimler mit einem Kursrückgang von 2,1 Prozent Schlusslicht im Dax war.

          „Daimler zu bewerten hat mich schon mehrfach sprachlos gemacht, und heute ist ein weiterer trauriger Tag für alle Beteiligten“, fasste der langjährige Daimler-Beobachter Arndt Ellinghorst vom Analysehaus Evercore ISI seine Einschätzung zusammen. Sein Kollege Frank Schwope von der Nord LB sprach von „katastrophalen Vorabzahlen für 2019“, und das, nachdem der Daimler-Vorstandsvorsitzende Ola Källenius gleich am Anfang seiner Amtszeit im vorigen Sommer zweimal innerhalb kürzester Zeit die Gewinnprognosen nach unten korrigiert habe. Schwope gibt allerdings zu bedenken, dass Källenius den Konzern schon in schlechtem Zustand von seinem Vorgänger übernommen habe, dem lange hochgelobten Dieter Zetsche.

          Daimler weist Betrugsvorwürfe zurück

          Als Altlast können definitiv die Folgen des Diesel-Skandals gelten. Dass Daimler jetzt noch keine konkrete Zahl für weitere Rückstellungen nennt, hängt damit zusammen, dass solche Posten erst dann gebildet werden, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Zahlung entsprechend hoch ist – und darüber gibt es innerhalb eines Konzerns zwangsläufig unterschiedliche Erwartungen. Daimler kann sich mit der Einschätzung noch Zeit lassen. Die Bilanzpressekonferenz ist erst am 11.Februar, der Geschäftsbericht wird sogar erst am 21.Februar veröffentlicht.

          Generell weist Daimler alle Betrugsvorwürfe im Zusammenhang mit zu hohen Stickstoffwerten seiner Dieselmotoren zurück und will sich mit allen rechtlichen Mitteln wehren. Ein Bußgeld der Stuttgarter Staatsanwaltschaft in Höhe von 870 Millionen Euro wurde im Vorjahr aber akzeptiert, um das Verfahren abzuschließen. Erheblichen Aufwand verursachten im Jahr 2019 vor allem verschiedene Rückrufe. Insgesamt hat Daimler wegen zu hoher Stickoxid-Abgase drei Millionen Fahrzeuge für ein Software-Update zurückgerufen, davon etwa ein Drittel auf Anordnung des Kraftfahrt-Bundesamts. Dazu zählen auch 260.000 Mercedes-Transporter des Erfolgsmodells Sprinter.

          Schlaglicht auf Transporter-Sparte

          Durch diese zusätzlichen Kosten fällt ein Schlaglicht auf die Transporter-Sparte, die allein für die Hälfte des gesamten Ergebnisrückgangs im Daimler-Konzern verantwortlich ist. Während die Sparte im Jahr 2018 noch mit 300 Millionen Euro Ergebnis vor Zinsen und Steuern eine Mini-Umsatzrendite von 2,3 Prozent auswies, hat sich mittlerweile ein Milliardenverlust angehäuft. Wie viel von den bis zu 1,5 Milliarden Euro „zusätzlichen Aufwendungen für laufende behördliche und gerichtliche Verfahren und Maßnahmen“ für Dieselautos und Dieseltransporter auf die Van-Sparte entfallen, berichtet Daimler zwar nicht.

          Ausdrücklich wird aber in der Pflichtmitteilung darauf verwiesen, dass dadurch „die Umsatzrendite des Geschäftsfelds Mercedes-Benz Vans unter der aktuellen Ergebniserwartung von minus 15 bis minus 17 Prozent“ liegen werde. Schon nach drei Quartalen hatte die kleine Van-Sparte mit 10,5 Milliarden Euro Umsatz einen Verlust vor Zinsen und Steuern von zwei Milliarden Euro erzielt – das ist eine Quote von mehr als minus 19 Prozent.

          Renditeziele in weiter Ferne

          Die Van-Sparte leidet unter einer ganzen Reihe hausgemachter Schwierigkeiten, die nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass Daimler die gemeinsame Produktion von Mercedes-Sprinter und VW-Crafter stoppte. Für einen neuen Transporter baute das Unternehmen ein neues Werk in Charleston, das mit erheblichen Anlaufschwierigkeiten startete, die auch zu Qualitätsmängeln führten. Zudem floppte der Einstieg von Mercedes in das Segment der Pickups.

          Die sogenannte X-Klasse, die mit Hilfe des Partners Nissan entwickelt und produziert wurde, kam in einigen amerikanischen Ländern gar nicht erst in den Verkauf, insgesamt wurde eine nur sehr niedrige fünfstellige Stückzahl abgesetzt. Das Ende dieses Modells wird offiziell immer noch nicht bestätigt. Die 300 Millionen Euro, die jetzt in der Van-Sparte als Einmalposten für „die Überprüfung und Priorisierung des Produktportfolios“ angesetzt sind, dürften aber weitgehend für die Abwicklung der X-Klasse verwendet werden.

          Die mittelfristigen Renditeziele für Daimler sind angesichts der neuen Nachrichten in weitere Ferne gerückt. Auch die Sparte Mercedes-Benz Cars verdiente mit 3,7 Milliarden Euro nur etwa halb so viel wie im Vorjahr, obwohl die Marke mit dem Stern den Absatz auf Rekordniveau hielt. Mit einer Umsatzrendite von 4 Prozent liegt die Autosparte damit hinter den Trucks, deren Chef Martin Daum nach eigenem Bekunden mit den dort erzielten 6 Prozent Umsatzrendite aber auch „ganz und gar nicht zufrieden“ ist.

          Ein Nachschärfen des Sparprogramms, das Daimler-Chef Ola Källenius im November vorgestellt hat, scheint Analysten unumgänglich. Bisher war angekündigt worden, dass die Personalkosten bis Ende 2022 um rund 1,4 Milliarden Euro sinken sollen. Von den gut 300.000 Arbeitsplätzen rund um die Welt soll eine fünfstellige Zahl gestrichen werden. Die deutsche Daimler-Belegschaft ist durch die „Zukunftssicherung 2030“ gegen betriebsbedingte Kündigungen geschützt. Ein großangelegtes Programm für freiwillige Abfindungen gibt es bisher nicht.

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