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Konzern will noch mehr sparen : Ist Daimler ein Sanierungsfall?

Glanz vergangener Zeiten? Bild: EPA

Die Aktionäre haben viele kritische Fragen – aber Vorstand und Aufsichtsrat geben sich zuversichtlich, auch wenn von „komplexen Aufgaben“ die Rede ist.

          3 Min.

          Dunkle Wolken brauten sich schon zusammen, als Ola Källenius nach der Hauptversammlung voriges Jahr im Mai den Posten des Vorstandschefs von Daimler übernahm. Jetzt aber steckt der Fahrzeugkonzern wie die ganze Branche tief in der Krise, weil die Corona-Pandemie die Probleme der Transformation überlagern: Autos zu verkaufen, war zeitweise überhaupt nicht mehr möglich, die Produktion war ebenfalls weitgehend eingestellt. Im ersten Halbjahr ging der Absatz der Marke Mercedes um 19 Prozent auf 870.000 Autos zurück, teilte Daimler zur diesjährigen Hauptversammlung mit. Daimler erwarte für das zweite Quartal einen Verlust und einen negativen Free-Cash-Flow im Industriegeschäft – sprich: jeden Tag schmilzt das Polster, das der Konzern in guten Zeiten aufgebaut hat.  

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Bedrohlich ist das nicht, erklärte Daimler-Chef Ola Källenius den online zugeschalteten Aktionären. Dank einer schnellen Reaktion habe man die vorhandene Liquidität durch eine 12-Milliarden-Euro-Kreditlinie stärken können. „Wir sind selbständig handlungsfähig – für die kurzfristige Bewältigung der Situation und den langfristigen Kurs“, betonte er: „Das bedeutet auch: Wir stehen zu dem Dividendenvorschlag, den wir vor der Pandemie ausgegeben haben: 90 Cent pro Aktie.“   

          Gleichwohl reagiert Daimler nun mit einem seit langem schon erwarteten „Programm zur Verbesserung der Kostenstruktur“, das alle Bereiche des Unternehmens erfassen soll, wie Aufsichtsratschef Manfred Bischof gleich zu Beginn der Hauptversammlung berichtete. „Der Aufsichtsrat ist sich bewusst, vor welchen komplexen Aufgaben der Vorstand steht“, sagte er und griff eine Formulierung auf, die Ola Källenius schon vor Monaten selbst gewählt hatte, als die Corona-Krise weitgehend noch auf China beschränkt war: der Vorstand habe einen „Sack voll Arbeit“ vor sich. Konkrete Angaben zum Sparprogramm wurden zunächst nicht gemacht, nur dass es eine Verschärfung der bisher schon nicht detailliert beschriebenen Maßnahmen geben soll: „Unsere bisherigen Effizienzziele haben die bevorstehende Transformation abgedeckt, aber nicht eine weltweite Rezession. Deswegen schärfen wir unseren Kurs nach“, so Källenius. Man sei mit den Arbeitnehmervertretern darüber im Gespräch.   

          Rekordabsatz im zweiten Quartal in China

          Vorstand und Aufsichtsrat demonstrierten gleichwohl viel Zuversicht, zumal bei den Verkäufen erste positive Entwicklungen beobachtet werden – etwa in China, wo Mercedes im zweiten Quartal einen Rekordabsatz erzielt hat. „Wir sind vorsichtig optimistisch, dass andere Märkte an diese Entwicklung Schritt für Schritt anknüpfen. Sobald die Nachfrage wieder anzieht, können wir die Produktion schnell und effizient wieder erhöhen“, so Källenius. Und Aufsichtsratschef Manfred Bischoff erklärt Daimler für grundsätzlich zukunftsfähig: „Das Geschäftsmodell von Daimler gepaart mit dem Innovationsgeist, dem Erfahrungsschatz und dem Engagement seiner Mitarbeiter hat alle Voraussetzungen, Mobilität auf das nächste Level zu bringen.“  

          Ola Källenius, der zu seinem Amtsantritt voriges Jahr das auf einen umweltfreundlichen Zuschnitt der Geschäftsaktivitäten gerichtete Programm „Ambition 2039“ veröffentlicht hat, gibt sich am Schluss seiner Ansprache an die Aktionäre geradezu euphorisch: „Die Zukunft von Daimler wird nachhaltig faszinieren, nachhaltig klimaneutral und nicht zuletzt nachhaltig ertragsstark.“ An der Zukunftsfähigkeit von Daimler haben viele Anleger indes erhebliche Zweifel. „Wir blicken zurück auf ein verlorenes Jahr für Daimler und seine Aktionäre. Drei Gewinnwarnungen zeigen das Ausmaß der Krise und die Anfälligkeit des Geschäftsmodells“, urteilt etwa Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, der Fondsgesellschaft der Sparkassen. „In den guten Jahren wurde falsch investiert. Heute müssen wir feststellen, dass Daimler nicht zukunftsfähig ist.“ Das gelte vor allem mit Blick auf die CO2-Emissionen, die bisher weit entfernt von den EU-Vorgaben liegen.  

          „Daimler ist ein Sanierungsfall“

          Drastische Worte wählt auch Janne Werning von Union Investment: „Daimler ist ein Sanierungsfall“, lautet seine Meinung und konsequenterweise verweigert die Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken sowohl dem Vorstand wie auch dem Aufsichtsrat die Entlastung: „Die Altlasten der Ära Zetsche drohen Daimler zu erdrücken.“    

          Ausdrücklich will Janne Werning dieses Abstimmungsverhalten als Weckruf verstanden wissen: „Wir wollen verhindern, dass Herr Zetsche im kommenden Jahr in den Aufsichtsrat zurückkehrt und somit das alte System bei Daimler weitergeführt wird. Ein Weiter so ist für uns keine Option.“ Bevor Dieter Zetsche nach einer Reihe von Rekordjahren nach der Hauptversammlung im vergangenen Jahr als Vorstandschef ausschied, galt es längst als ausgemacht, dass er nach einer Abkühlphase in zwei Jahren zu Daimler zurückkehren und Manfred Bischoff als Aufsichtsratschef beerben würde. Dieser Plan stieß allerdings schon auf Widerstand, als die beiden langjährigen Vertrauten noch auf der Erfolgswelle schwammen. Auch die Deka verweigert dem Aufsichtsrat die Entlastung, weil dieser die Strategie des alten Vorstands zu lange mitgetragen habe. Zudem, so moniert Speich, seien vier von zehn Aufsichtsratsmitgliedern der Kapitalseite als nicht unabhängig einzustufen.    

          Auch wenn sie ihre Fragen zur Hauptversammlung wegen der besonderen Umstände in Corona-Zeiten vorab einreichen mussten, so wollen doch zahlreiche Aktionärsvertreter und Investoren nicht auf die Möglichkeit verzichten, den Darstellungen von Vorstand und Aufsichtsrat ihre Sicht der Dinge entgegen zu setzen. „Wir fordern, dass wir als Aktionäre bei künftigen Hauptversammlungen von Daimler wieder unser volles Frage-, Rede- und Auskunftsrecht bekommen“, erklärt Janne Werning von Union Investment. 

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