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Daimler : Dieter Zetsches nicht mehr ganz so heile Welt

Ein Stern mit Kratzern Bild: AP

Die Krise, die alle Autohersteller trifft, verdeckt die Probleme bei einzelnen Konzernen. Daimler produziert - Ölknappheit hin, Klimawandel her - am Markt vorbei. Wie man mit „green luxury“ aus der Krise kommen will, ist nicht ganz klar.

          Das Gefährt wird wie ein Magnet sein. Autobegeisterte werden sich bei der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt um den Mercedes SLS scharen, der mit seinen eleganten Flügeltüren an den legendären Vorgänger aus den fünfziger Jahren erinnert. Mit 571 PS kommt das Auto in weniger als 4 Sekunden von Null auf hundert und kann auf 315 Kilometer pro Stunde beschleunigen.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Das Auto ist aber auch Wasser auf die Mühlen aller Kritiker. Daimler produziere - Ölknappheit hin, Klimawandel her - am Markt vorbei, lautet der Generalvorwurf. Da hilft es wenig, dass der Stuttgarter Konzern schon die grüne Zukunft malt. Von 2013 an soll es den Flügeltürer auch als Elektroauto geben. Und die S-Klasse soll in der Hybrid-Version bald nur noch drei Liter brauchen. „Green luxury“ heißt die Philosophie, der Daimler huldigt: Wer eine Menge Geld für eine Auto mit dem Stern ausgibt, soll dabei ein sauberes Gewissen haben dürfen.

          Die Latte vorsichtshalber niedrig gehängt

          Ob das reicht ist auch im Konzern umstritten. „Wir werden stärker auch im Bereich zwischen 15.000 und 25.000 Euro spielen müssen“, fordert etwa Mercedes-Produktionsvorstand Rainer Schmückle. Und Vorstandschef Dieter Zetsche muss sich auch von seinen Investoren fragen lassen, ob der Konzern wirklich gut aufgestellt ist, etwa von Vertretern des neuen Großaktionärs Abu Dhabi, die kurz vor der IAA in Stuttgart zu Besuch sind.

          „Zetsche verhält sich mittlerweile wie Schrempp in seiner letzten Phase”

          Spätestens wenn sich Ende September der Aufsichtsrat zur Strategiesitzung trifft, wird der Vorstand aufzeigen müssen, wie es nach der Krise weitergehen kann. Zetsche selbst hat vorsichtshalber die Latte niedrig gehängt. „In einzelnen Regionen und Segmenten“ werde die Erholung 2010 einsetzen, sagte er jüngst. Die längerfristige Planung ist auch nicht euphorisch: in fünf bis zehn Jahren sei eine Steigerung des Absatzes auf 1,5 Millionen Fahrzeuge realistisch, so Zetsche. Zur Erinnerung: im vergangenen Jahr verkaufte der Konzern weltweit 1,27 Millionen Fahrzeuge.

          Den Beschäftigten, denen die Durchsetzung jährlicher Produktivitätssteigerungen längst in Fleisch und Blut über gegangen ist, wird dabei flau im Magen: dieses Ziel ist nicht groß genug, um alle Mitarbeiter auszulasten. Zwar hat Daimler als Gegenleistung für ein 2-Milliarden-Euro-Sparprogramm einschließlich Einkommenskürzung den Mitarbeitern in Deutschland Kündigungsschutz bis Mitte 2010 zugesagt, und für langjährige Beschäftigte gilt er sogar bis Ende 2011.

          Doch was ist danach? „Derzeit wursteln wir uns irgendwie durch die Krise und fahren, wie das Management es ausdrückt, auf Sicht“, klagt der Konzernbetriebsratschef Erich Klemm. Die große Perspektive fehlt, und was für jedermann zu sehen ist, macht wenig Hoffnung. Der kantige Geländewagen GLK ist in auffallend hoher Dichte an den Daimler-Standorten zu sehen - ein Indiz dafür, dass Mitarbeiter mangels Kundeninteresse günstige Angebote bekommen.

          Überfordert und gehetzt

          Auch die neue E-Klasse läuft längst nicht so gut, wie man es sich erhofft hatte, dem Vernehmen nach auch wegen des neuen Designs, das so gar nicht mit den bisherigen Modellen harmoniert. Gorden Wagener, seit dem vergangenen Jahr Design-Chef bei Mercedes, steht konzernintern dem Vernehmen nach gehörig unter Beschuss, weil auch die Entwürfe künftiger Modelle nicht auf den großen Wurf hindeuten. Und auch Produktionschef Rainer Schmückle steht in der Kritik, spätestens seit es im Juli zweimal zu spontanen Arbeitsniederlegungen in der E-Klasse-Produktion kam. Die Mitarbeiter fühlten sich überfordert und gehetzt.

          Nur noch 85 Sekunden dauert es bei der neuen E-Klasse, bis das Band sich weiterbewegt und das nächste Auto anrollt, bisher waren es mehr als 100 Sekunden. Das Band wenigstens in der Krise langsamer laufen zu lassen, wie Porsche das tut, kommt für Daimler nicht in Frage. Wer arbeitet, muss richtig ran - was die Stimmung nicht gerade hebt, zumal in Zeiten, da andere Werksteile mangels Nachfrage menschenleer sind.

          Der Betriebsrat habe immer wieder auf die Probleme hingewiesen, erklärt Erich Klemm in der Betriebsratszeitung „Brennpunkt“, aber: „Gelöst wurde nichts, vielleicht, weil in den Planungsstäben inzwischen Personal fehlt, vielleicht aber auch, weil die Werksleitung das entstandene Chaos einfach nicht mehr beherrscht.“ Konzernchef Zetsche bleibt unterdessen auffallend im Hintergrund. Er werde nicht wahrgenommen, weder als öffentliche Figur, noch als Automann, noch als oberster Manager, lautet die Kritik von Führungskräften.

          „Wie Schrempp in seiner letzten Phase“

          Zetsche will das offenbar nicht hören. „Er stand auf und ging“, wird von einem Führungskräftemeeting kolportiert, in dem diese Kritik artikuliert wurde. Anschließend soll er die Führungskräfte angewiesen haben, vor künftigen Treffen ihre Fragen doch schriftlich einzureichen. Er sei beratungsresistent, reagiere cholerisch (beispielsweise auf das bessere Abschneiden des Erzrivalen BMW) und er verbreite Eiseskälte, heißt es. „Zetsche verhält sich mittlerweile wie Schrempp in seiner letzten Phase“, sagt einer, der damals die Launen des gescheiterten Schöpfers der selbst erklärten Welt AG aushalten musste.

          Und auch an der Basis hat Zetsche seinen Bonus verspielt. Als er vor vier Jahren den Posten als Mercedes-Chef (und kurz darauf auch als Konzernchef) antrat, wurde er in Betriebsversammlungen bejubelt, obwohl er keinen Hehl daraus macht, dass er Tausende von Arbeitsplätzen streichen würde. „Das war wie später im Obama-Wahlkampf“, zieht eine Mitarbeiterin die Parallele zur großen Politik, doch ihr Fazit ist ernüchternd: „Jetzt ist der Glanz ab.“

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