https://www.faz.net/-gqe-8cu04

Im Fokus der Fahnder : Mehr als 100 Millionen Euro Steuerschaden

Der akzeptierte Steuerschaden soll über 135 Millionen Euro betragen. Bild: dpa

Ein Leben lang hat der deutsche Milliardär und Unternehmer Curt Engelhorn keinen Deut auf Konventionen gegeben. Jetzt sieht es so aus, als hätten ihn die Steuerermittler.

          Wenn sich ein vernachlässigter reicher Junge in der Pubertät heimlich die Kleider seiner Stiefmutter anzieht, schminkt, sogar aus der Villa flüchtet, um sich in aller Öffentlichkeit wie ein Mädchen zu fühlen – weil von Mädchen doch all die vermeintlichen männlichen Tugenden nicht verlangt würden, wie er meint – dann ist das eine bemerkenswerte Sache, vor allem eine private. Curt Engelhorn hat diese Szene aber vor zehn Jahren selbst öffentlich gemacht. In seiner Autobiographie „Hefe im Teig“, ein Geschenk an Freunde, Familie und Geschäftspartner aus Anlass seines achtzigsten Geburtstags.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Engelhorn hat in dieser Lebensbeichte niemanden geschont: Seinen Vater nicht („ich mochte ihn nicht “), seine fünf Kinder aus drei Ehen („sie sind nicht so geraten, wie ich sie mir gebacken hätte“), seine drei Exfrauen und Affären („sie war halt da“), seine Verwandtschaft ohnehin. Auch mit sich selbst geht er ins Gericht: das berufliche Wirken verdiene eine gute Note. „Privat“ schreib er, „war es keine Glanzleistung.“

          Ein Leben mit Chauffeur und Kindermädchen

          Curt Engelhorn hat ein Leben gelebt, das genügend Stoff bietet für Gesellschaftsromane und Wirtschaftskrimis. Und es sieht ganz danach aus, als ob es jetzt, mit bald neunzig Jahren, noch einmal spannend wird. Als ob er und seine Kinder gerade noch einmal dem Gefängnis entrinnen werden. Und das kam so: Als Urenkel des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn wächst Curt Engelhorn in den zwanziger und dreißiger Jahren in München auf: Ein Leben mit Chauffeur und Kindermädchen in der höheren Gesellschaft. Einmal macht Hitler auf dem Wohnzimmer-Sofa seine Aufwartung. Doch der Diktator sei auf Ablehnung seiner Mutter gestoßen. Auch er selbst, schließlich ein Anhänger amerikanischer Musik, habe die Nazis abgelehnt.

          Bald zermürbte der Streit der Eltern das Leben in der Villa. Die Mutter, Künstlerin aus Amerika, der Vater, Fabrikant aus Deutschland, trennen sich, als Curt sechs Jahre alt ist, er kommt ins Internat. Später wird er seine Kindheit in Sitzungen mit dem Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich aufarbeiten. Das „Trauma“, wie er es nennt, belastet sein Privatleben. Drei Ehefrauen, zahlreiche Affären und fünf Kinder dauert es, bis er mit seiner vierten Ehefrau zur Ruhe kommt.

          Vom Mittelständler zum Pharmakonzern mit Milliardenumsatz

          Als Vorstandschef und Miteigentümer von Boehringer Mannheim wird Engelhorn zugleich einer der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands – und einer der reichsten Deutschen. Aus dem von seinen ungeliebten Onkeln in Mannheim geführten Mittelständler macht er in wenigen Jahren einen Pharmakonzern, der Milliarden umsetzt.

          Ausgebildet in Amerika, dem geliebten Heimatland seiner Mutter, räumt Engelhorn nach seiner Berufung an die Spitze mit altem Managementdenken auf. Er setzt früh auf Biochemie und Diagnostik und Zukäufe, als Erstem in Europa gelingt ihm die feindliche Übernahme eines amerikanischen Unternehmens. Als er sich aus dem Vorstand an die Spitze der Familienholding Corange zurückzieht, kommt es zu Reibereien zwischen ihm, dem Rest der Familie und dem externen Management.

          Curt Glover Engelhorn ist der Urenkel von Friedrich Engelhorn, dem Gründer der BASF (Archivfoto)

          Im Streit mit der Verwandtschaft verkauft er schließlich Boehringer Mannheim 1997 für 19 Milliarden Mark an den Schweizer Pharmariesen Hoffmann-LaRoche, heute Roche, die bis dato größte Übernahme in Europa überhaupt. Engelhorn stört sich auch im Geschäftsleben nicht an Konventionen. Er verlegt früh den operativen Sitz ins Ausland, die Holding verankert er auf den Bermudas und strickt ein steueroptimiertes, von außen kaum zu durchschauendes Firmengeflecht. Im Kalten Krieg begründet er die Verlagerung mit der Angst vor einem Eindringen der Russen. Willkommener Nebeneffekt: Beim Verkauf von Boehringer wird kein Pfennig Steuer fällig.

          Ziel der Steuerfahndung

          Heute lebt Engelhorn mit seiner vierten Frau meist in Gstaad, er sammelt Kunst und wirkt als Mäzen. Zu all seinen Kinder, schreibt er, habe er wieder ein „herzliches und väterlich-freundschaftliches Verhältnis“. Dazu gehört auch, dass er sie an seinem Vermögen teilhaben lässt. Und diese Geste ausgerechnet könnte ihm an seinem Lebensabend noch aufstoßen. Denn angeblich hat ihn die Steuerfahndung im Visier. Zweien seiner Töchter soll er ein Gestüt in Oberbayern geschenkt haben, eine Villa samt Park am Starnberger See, eine halbe Karibikinsel und Bargeld. Die fällige Schenkungssteuer aber habe er nicht gezahlt, berichtet der „Spiegel“, deshalb seien ihm Steuerfahnder aus Augsburg, dem ehemaligen Wohnort einer Tochter, auf den Fersen. Mehrfach habe es Razzien gegeben, beide Töchter seien nach einer zwischenzeitlichen Verhaftung in die Schweiz übergesiedelt. Im Visier der Behörden steht demnach auch Engelhorns Berater Reinhard Pöllath – zugleich Aufsichtsratschef von Beiersdorf.

          Weder er noch Engelhorn, noch die Steuerbehörden äußern sich dazu. Angeblich soll es eine verschwiegene Einigung geben und kein Gerichtsverfahren. Der „akzeptierte Steuerschaden“ beläuft sich nach Informationen der „Augsburger Allgemeine“ auf 135 Millionen Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Joe Biden : Kandidat aus Notwehr

          Der ehemalige Vizepräsident Joe Biden hat seine Bewerbung für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten angekündigt. Vielen gilt er als Favorit – nun muss er sein inhaltliches Profil schärfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.