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Curevac-Gründer im Interview : „Wie soll man so die Welt durchimpfen?“

Ingmar Hoerr auf einem Bild aus dem Februar im Schlosslabor Tübingen, das Teil des Museums der Universität ist. Bild: dpa

Die USA halten Grundstoffe zurück, die für die Impfstoffproduktion dringend gebraucht werden, kritisiert Ingmar Hoerr. Die Forderung, Patente freizugeben, hält er für „rein populistisch“.

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          Herr Hoerr, Sie haben starke Worte gewählt in der Debatte zum Patentschutz für Impfstoffe: Es entstehe ein „Gepansche“, wenn jemand die Patente von Biontech, Curevac oder Moderna nutze, ohne die genaue Bauanleitung zu kennen. Vor einer Gefahr für die Gesundheit warnen Sie sogar in einem Beitrag auf Linkedin. Was meinen Sie damit genau?

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Mit Patenten hat man bestenfalls ein grobes Rezept, mit dem man irgendwie versuchen kann, etwas nachzukochen. Das meine ich mit „Gepansche“. Man muss dazu die Patentstrategie der Unternehmen verstehen: Da mit jedem Patent Wissen offengelegt wird, achtet jedes Unternehmen darauf, bestimmte Dinge geheim zu halten und eben gerade nicht zu patentieren. Das bleibt dann internes Wissen. Die Forderung, Patente freizugeben, halte ich daher für rein populistisch.

          „Nachkochen“ bedeutet doch, es würde ein neuer Impfstoff entstehen. Der bräuchte eine Zulassung.

          Eben. Mir ist es schleierhaft, wie das in Kürze gehen könnte. Die erforderlichen klinischen Studien bräuchten wie überall wieder viel Zeit.

          Ist mit den Forderungen vielleicht ohnehin etwas anderes gemeint: nicht, dass der Patentschutz fallen soll, sondern dass das gesamte Produktionswissen freigegeben werden soll?

          Ja, wahrscheinlich. Aber man kann keine Firma zwingen, ihr gesamtes über Jahrzehnte hinweg mühsam erworbenes Wissen einfach mal so offenzulegen. Das hätte fatale Folgen für die gesamte Wissenschaft und die Medizin: Wer sollte in Zukunft noch in die Erforschung neuer Medikamente und Therapien investieren, wenn am Ende ohnehin alle Erkenntnisse verschenkt werden müssen? Ein ganz anderes Problem ist, dass die USA momentan Grundstoffe zurückhalten, die wir für die Impfstoffproduktion dringend brauchen, die unter Verweis auf die nationale Notlage nicht exportiert werden dürfen.

          Wollen Sie damit sagen: Die Tatsache, dass der Curevac-Impfstoff noch nicht auf dem Markt ist, hängt damit zusammen, dass die Zulieferungen aus den USA fehlen?

          Nein. Die Impfstoffe für die laufenden Studien – die Voraussetzung für die Zulassung – sind bereits produziert. Aber weitere hunderte Millionen Impfstoffdosen zu produzieren, das ist eine große Herausforderung.

          Um was geht es dabei?

          Unter anderem fehlen Chemikalien, die man braucht, um die RNA überhaupt herzustellen. Viele Grundstoffe kommen aus den USA.

          Kann das Problem noch gelöst werden vor der Zulassung des Curevac-Impfstoffs?

          Ich hoffe es. Es ist offenbar auch die Bundesregierung eingeschaltet, auch die Europäische Kommission, soweit ich gehört habe. Ich hoffe, dass sich das auf politischem Wege lösen lässt.

          Die Absicht, der ganzen Welt zu helfen, war eine Leitlinie von Curevac, auch im Sinne der Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung, die ja an Curevac beteiligt ist. Ist das kein Widerspruch, wenn nun das Wissen nicht weitergegeben wird?

          Zum einen gibt Curevac das Wissen ja weiter – aber eben nicht wahllos, sondern gezielt an qualifizierte Kooperationspartner. Zum anderen entwickelt Curevac einen Impfstoff, der mit einer extrem niedrigen Dosis auskommt. Dadurch werden auch die Herstellungskosten und letztlich der Preis für die einzelnen Dosen gering gehalten. Auch das kommt Menschen in den armen Ländern zugute. Woran es hakt, ist die Verfügbarkeit. Wie soll man dieses Jahr noch die Welt durchimpfen, wenn Lieferketten reißen, weil nationale Interessen verfolgt werden? Das ist mein Hauptkritikpunkt. Man kann nicht Rohstoffe zurückhalten, um die eigene Nation zu begünstigen und der Rest der Welt geht leer aus.

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