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Cromme und Pierer : Sie können nicht anders

Mr. Siemens: Heinrich von Pierer Bild: ddp

Gerhard Cromme und Heinrich von Pierer sind rationale Menschen. Doch jetzt müssen „Mr. Corporate Governance“ und „Mr. Siemens“ ihre Emotionen in den Griff bekommen. Das will nicht gelingen.

          6 Min.

          Ja, es ist wahr: Gerhard Cromme hat aufgeräumt mit dem Schmiergeldsystem bei Siemens. Das ist sein Erfolg. Nur genießen kann er ihn nicht. Denn das meiste, was zuletzt über seine Arbeit an der Spitze des Aufsichtsrats von Siemens geschrieben wurde, hält er für Unfug. Manchmal verzweifelt er beinahe daran, dass seine Botschaften nicht überall rein und klar ankommen wollen. Warum nur bekommt er, der Vorreiter der Selbstverpflichtungen der Industrie zur guten Unternehmensführung, der „Mr. Corporate Governance“, nicht bessere Noten für sein Tun bei Siemens? Schließlich muss er doch so handeln, wie er handelt. Das wiederholt er immer wieder. Das Gesetz verlange es von ihm, aber auch sein Selbstverständnis: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Carsten Knop

          Crommes Problem ist, das er die menschliche Komponente unterschätzt, die die Vorgänge von der ersten Minute an hatten. Dem großen Ziel müssen auch alte Freundschaften weichen. Denn der Schmiergeldskandal, in dessen Rahmen in den Jahren zwischen 1999 und 2003 rund 1,3 Milliarden Euro in dunkle Kanäle gelenkt wurden, muss ja nicht nur aufgeklärt werden. Die Verantwortlichen gehören zur Verantwortung gezogen – und das schließt auch den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Heinrich von Pierer mit ein, einen dieser alten Freunde. Zu lange habe Pierer die Schmiergeldpraxis geduldet. Deshalb verlangt der Siemens-Aufsichtsrat unter Crommes Führung Schadensersatz, von Pierer sind es 6 Millionen Euro. Und die Zeit läuft ab: Erklären soll sich Pierer bis Mitte November.

          Den Verdacht indes, es handle sich zwischen Pierer und ihm durchaus auch um eine persönliche Auseinandersetzung zwischen zwei großen alten deutschen Managern, weist Comme selbst weit von sich. Schließlich müsse ein Vergleich nicht ihn befriedigen, sondern die Aktionäre. Die Hauptversammlung müsse darüber befinden. Eine Einigung, die dort durchfalle, sei keine – und dann gebe es ja noch die unzufriedenen Arbeitnehmer, klageerprobte amerikanische Pensionsfonds im Aktionärskreis und so weiter.

          Mr. Corporate Governance: Gerhard Cromme
          Mr. Corporate Governance: Gerhard Cromme : Bild: ddp

          Die Last, den Schmiergeldsumpf bei Siemens auszumisten, das „System“ dahinter, wenn es denn eines gegeben hat, trockenzulegen, ist in Crommes Wahrnehmung wie ein Gottesurteil über ihn gekommen. Er hat um den Auftrag nie gebettelt. Wahr ist aber auch, dass er mit dem ihm eigenen Machtinstinkt und der zugehörigen Eitelkeit ebenso die darin steckenden Profilierungschancen erkannt hat.

          „Das ist alles ganz schlimm. Sie machen sich keine Vorstellung“, sagte er einmal am Tag nach einer Siemens-Hauptversammlung vor knapp zwei Jahren, rührte dann mit dem Löffel in seinem Teeglas und ließ keinen Zweifel daran, dass er der Sache auf den Grund gehen werde. Gedrückt hat er sich ohnehin nie. Nicht vor den Protesten aufgebrachter Stahlarbeiter in Duisburg-Rheinhausen, nicht vor der Auseinandersetzung mit den ehemaligen Granden von Siemens. Im Zweifel ging es gegen den Angeklagten. Das hat der ehemalige Vorstandsvorsitzende Klaus Kleinfeld schmerzlich erfahren. Gegen ihn lag zwar nie etwas vor, aber eine Vertragsverlängerung sollte es zunächst doch nicht geben. Gut, dann ging Kleinfeld eben. Cromme war es recht; er mochte den lauten und viel jüngeren Kleinfeld ohnehin nicht.

          Mit Pierer bekommt das Problem ein prominentes Gesicht

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