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Wirtschaftskrimi in Zürich : Credit Suisse entschuldigt sich für Spitzelaktion

Credit-Suisse-Vorstandschef Tidjane Thiam und -Verwaltungsratspräsident Urs Rohner Bild: AFP

Der Beschattungsauftrag eines ehemaligen Vorstandsmitglieds war „falsch und unverhältnismäßig“, teilt ein Bankchef mit. Der Vorstandsvorsitzende Thiam wusste angeblich von nichts. Zudem gibt es in der Affäre den ersten Todesfall.

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          Einer der größten Skandale in der Geschichte der Credit Suisse hat ein vorläufiges Ende gefunden. Der Verwaltungsratspräsident der Schweizer Großbank, Urs Rohner, hat sich offiziell dafür entschuldigt, dass man das ehemalige Vorstandsmitglied Iqbal Khan von Detektiven beschatten ließ. Die Überwachung sei „absolut inakzeptabel“, falsch und unverhältnismäßig gewesen und habe der Reputation der Bank schwer geschadet, sagte Rohner am Dienstagmorgen in einer Pressekonferenz in Zürich. Über das Vorgehen sei man im Verwaltungsrat „erzürnt und betroffen“.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Der Schweizer bestätigte, dass sich ein von der Credit Suisse (CS) als Mittelsmann zwischengeschalteter Sicherheitsspezialist das Leben genommen hat und sprach dessen Familie sein Beileid aus. Der Suizid des Mannes ist der traurige Tiefpunkt in dieser Affäre, die über die CS hinaus den Ruf des gesamten Schweizer Finanzplatzes beschädigt und international für großes Aufsehen gesorgt hat.

          Der 43 Jahre alte Iqbal Khan leitete bis Ende Juni die internationale Vermögensverwaltung der Credit Suisse und heuerte danach beim großen Lokalrivalen UBS an. Das Amt als Co-Chef der UBS-Vermögensverwaltung, die deutlich größer ist als jene der CS, hat der Schweizer mit pakistanischen Wurzeln plangemäß an diesem Dienstag angetreten.

          Verfolger in der Innenstadt

          Vor zwei Wochen bemerkte Khan, dass er offenkundig beschattet wurde. Mitten in der Zürcher Innenstadt stellte er einen seiner Verfolger und fotografierte diesen sowie dessen Autokennzeichen. Khan erstattete Anzeige bei der Polizei, die schnell herausfand, dass eine kleine Sicherheitsfirma namens Investigo mit der Überwachung beauftragt war. Der Auftrag kam von dem Mittelsmann, der in der vergangenen Woche aus dem Leben schied. Ihn hatte die Credit Suisse zwischengeschaltet, um ihre Identität gegenüber den ausführenden Detektiven zu verschleiern.

          Der Suizid erklärt sich vermutlich aus der Verzweiflung des Sicherheitsspezialisten darüber, dass die Überwachungsaktion aufgeflogen und sein Ruf als Kleinunternehmer dahin war. Denkbar ist theoretisch auch, dass er sich unter Druck gefühlt hat. Rohner wollte sich nicht zu den Hintergründen der Tat äußern.

          Nach den Erkenntnissen der Rechtsanwaltskanzlei Homburger, die der CS-Verwaltungsrat damit beauftragt hatte, die Hintergründe in dieser obskuren Bespitzelungsaffäre aufzudecken, hat Pierre-Olivier Bouée, der Chief Operating Officer (COO) der Bank, die Beschattung Ende August in Auftrag gegeben. Dahinter stand die Vermutung, dass Khan wichtige ehemalige Mitarbeiter habe abwerben und zur UBS habe lotsen wollen. Diesen Verdacht hat Khan von Anfang an vehement zurückgewiesen. Die Untersuchung durch Homburger gibt ihm nun eindeutig recht: Es gebe keine Hinweise, dass Khan entgegen seinen Pflichten im Aufhebungsvertrag versucht habe, Mitarbeiter oder Kunden der Credit Suisse abzuwerben, schreibt die Kanzlei.

          Bouée muss gehen

          Rohner streute Asche auf das Haupt der CS und entschuldigte sich „bei Iqbal Khan und seiner Familie“ sowie bei allen Mitarbeitern, Kunden und Aktionären der Bank. Als Konsequenz dieser Vorgänge müssen Bouée sowie der CS-Sicherheitschef Remo Boccali die Bank mit sofortiger Wirkung verlassen.

          Bouée galt als rechte Hand von CS-Vorstandschef Tidjane Thiam. Der Franzose arbeitete bereits seit 20 Jahren mit Thiam zusammen, zunächst bei McKinsey in Paris und später dann bei den Versicherern Aviva und Prudential in London. Als Thiam im Sommer 2015 von Prudential an die Spitze der CS wechselte, nahm er Bouée sogleich mit.

          Trotz der engen Verbindung zu seinem langjährigen Vertrauten hat Thiam angeblich nichts von der Schnüffelaktion gewusst: Es gebe keine Hinweise, dass Thiam und die übrigen Mitglieder von der Konzernleitung über Khans Überwachung informiert worden seien, heißt es in der von der CS herausgegebenen Zusammenfassung des Untersuchungsberichts. Rohner sprach dem Vorstandsvorsitzenden im Namen des gesamten Verwaltungsrats das Vertrauen aus. Thiams Integrität sei nicht angetastet.

          Mails wurden untersucht

          Die Erkenntnis, dass allein Bouée entschieden habe, Khan überwachen zu lassen, beruht zum einen auf dessen eigener Aussage gegenüber den Ermittlern. Zum anderen hat die Kanzlei Homburger Bouées internen Mail- und Datenaustausch mit Thiam untersucht, einschließlich der Whatsapp-Nachrichten, sowie etliche Interviews mit (potentiell) Beteiligten geführt.

          Sie hatte aber keinen Zugriff auf die Akten der Polizei und der Staatsanwaltschaft, die aufgrund von Khans Strafanzeige weiter in der Sache ermittelt. Es sei nicht auszuschließen, dass sich in diesen Akten noch mehr relevante Informationen finden ließen, hieß es in der Pressekonferenz.

          Zudem wurde mitgeteilt, dass Bouée mit seinem Sicherheitschef über den (besonders sicheren) Messaging-Dienst Threema kommuniziert habe. Ein Teil der darüber versandten Botschaften sei gelöscht und damit nicht mehr einsehbar.

          Nicht Teil der Untersuchung war der Streit zwischen Thiam und Khan während einer Cocktail-Party im Januar dieses Jahres. Dabei habe es sich um eine persönliche Angelegenheit gehandelt, sagte Urs Rohner. Gleichwohl belastete die Auseinandersetzung das Arbeitsverhältnis der beiden Manager. Rohner versuchte zu vermitteln, scheiterte jedoch, wie er am Dienstag zugab: Ihm sei klar geworden, dass eine langfristige vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht mehr möglich sein würde. Daher habe er im gegenseitigen Interesse einer Auflösungsvereinbarung mit Khan zugestimmt.

          Rohner beteuerte, dass die Bespitzelung amtierender oder ehemaliger Mitarbeiter nicht zum normalen Geschäftsgebaren der Bank gehöre. „Für die Zukunft schließe ich Überwachungen aus.“ Ein solches Vorgehen widerspreche der Kultur und dem Verhaltenskodex der Credit Suisse.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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