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Corporate Governance : Aktionäre, die man kennen sollte

Bitte anschnallen: Lufthansa hatte im Vorfeld der Hauptversammlung mit so mancher Turbolenz zu kämpfen Bild: dpa

Investoren sollen ihre Stimmrechte bewusst wahrnehmen. Dabei helfen ihnen Dienstleister. So mancher Konzern unterschätzt bislang deren Einfluss.

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          Es ist nur ein Gerücht, und es ist etwas fies. Aber angeblich hat es in der Verwaltung der Deutschen Lufthansa vor der Hauptversammlung ein paar wichtige Menschen gegeben, die den Namen „Institutional Shareholder Services“ noch nie gehört hatten. Wenn dem tatsächlich so war, und einiges spricht dafür, wird das deutschen Unternehmen fortan nicht wieder passieren.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Carsten Knop
          Herausgeber.

          Die Folge war nämlich eine beispiellose Volte am Vortag der Hauptversammlung: Erst zog der zu diesem Zeitpunkt noch designierte Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Mayrhuber seine Kandidatur für das Amt zurück, stand am Abend desselben Tages dann aber doch wieder zur Verfügung - und wurde schließlich dann auch gewählt, wenn auch mit einem katastrophalen Wahlergebnis.

          Das amerikanische Unternehmen mit dem Kürzel ISS ist ein sogenannter Stimmrechtsvertreter, ein Analyse- und Beratungsunternehmen, das Großaktionären Empfehlungen für ihr Abstimmverhalten auf Hauptversammlungen gibt. Dabei handelt es sich in der Regel um große Fonds, Pensionskassen oder Versorgungswerke, die diesen Service zunehmend in Anspruch nehmen, um ihre Stimme auf den Hauptversammlungen nicht verfallen zu lassen.

          Tagesordnung wird ausgewertet

          ISS könnte mit 1700 Kunden der bekannteste Anbieter auf dem Markt sein, doch es gibt Wettbewerber, zum Beispiel das in Karlsruhe ansässige Unternehmen Ivox oder die britische Hermes Equity Ownership Services (EOS), hinter der mit dem British Telecom Pension Scheme der größte britische Pensionsfonds steht.

          Das Verfahren, das diese Unternehmen anwenden, funktioniert stets nach demselben Muster: Die Tagesordnung und die entsprechenden Vorschläge der Verwaltung zu den Abstimmungen auf einer Hauptversammlung werden von den Computern von ISS oder Ivox ausgewertet - und mit den entsprechenden Anforderungen verglichen, die die Beratungsunternehmen an die Aktiengesellschaften mit Blick auf ihre Corporate Governance stellen.

          Da kann es darum gehen, wie viele andere Aufsichtsratsmandate die entsprechenden Gremiumsmitglieder haben dürfen, wie lange sie zuvor aus einer aktiven Managementaufgabe im Unternehmen ausgeschieden sein müssen und vieles mehr. Die entsprechenden Empfehlungen von ISS und seinen Wettbewerbern sind vollkommen transparent, nach Ansicht von Branchenkennern aber auch sehr statisch und, so hat es jedenfalls die Lufthansa kritisiert, zu sehr auf den angelsächsischen Wirtschaftsraum ausgerichtet.

          Meinung der Investoren wird berücksichtig

          Der Europa-Chef von ISS, Jean-Nicolas Caprasse, betont, dass man sich an den allgemein geltenden Prinzipien guter Unternehmensführung orientiere. Dabei würden nationale und internationale Regeln sowie die Meinungen von Investoren berücksichtigt. „Unser Stimmverhalten ist auch von regionalen oder lokalen Standards geprägt“, fügt er hinzu. Zudem weist Caprasse darauf hin, dass Kunden, die Analysen und Empfehlungen von ISS beziehen, nicht immer den Empfehlungen folgen, sondern auch selbst ihre Stimmrechte wahrnehmen.

          Das sieht Hermes EOS anders: „Wir erstellen keine Empfehlungen, sondern bilden uns eine eigene Meinung und üben dann selbst die Stimmrechte auch für andere Investoren aus“, sagt Exekutivdirektor Hans-Christoph Hirt. Für Hirt ist es darüber hinaus wichtig, länderspezifische Besonderheiten wie etwa das zweistufige Führungssystem in Deutschland mit Aufsichtsrat und Vorstand zu beachten.

          „Wir haben keine britische oder amerikanische Brille auf“, sagt er. Kritisch betrachtet Hermes EOS die zweijährige Abkühlungsperiode für Vorstandsmitglieder, bevor sie in den Aufsichtsrat wechseln: „Ein erfolgreicher Vorstandsvorsitzender mit geeigneter Persönlichkeit kann nach unserer Meinung sofort in den Aufsichtsrat wechseln - nur nicht gleich als Vorsitzender.“ So stimmte Hermes EOS nach einem Dialog mit dem Unternehmen auf der Lufthansa-Hauptversammlung für Mayrhuber als neuen Aufsichtsratsvorsitzenden.

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