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Coronavirus : Die historische Krise der Luftfahrt

Abgestellt: Flugzeuge der Lufthansa stehen auf dem Rollfeld des Frankfurter Flughafens. Bild: dpa

Von Frankfurt starten nur noch drei Lufthansa-Fernflüge am Tag. Die Corona-Krise schlägt auf die Flugzeughersteller durch. „Was die Weltwirtschaft gerade durchmacht, wird eine kleinere Weltwirtschaft zur Folge haben“, sagt der Lufthansa-Chef.

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          Um von einer „historischen Krise“ zu sprechen, musste Lufthansa-Chef Carsten Spohr nicht mal diese Worte aussprechen. Zur Vorlage der Geschäftszahlen erinnerte er an seine Anfänge im Konzern, als Lufthansa von drei- auf vierstellige Flugnummern umstellte, um jeder Verbindung noch eine Zahl zuordnen zu können. „Jetzt kämen wir wieder mit zweistelligen Nummern aus“, beschrieb Spohr das Ausmaß der Corona-Folgen. Der Flugplan habe den Umfang wie im Jahr 1955. Vorerst wird es von Frankfurt aus drei Lufthansa-Fernflüge am Tag geben – nicht zu einem Ort, sondern insgesamt, aus München keinen. Der Gesamtbetrieb ist auf 5 Prozent reduziert, ohne Rückholflüge für Deutsche im Ausland wäre es noch weniger.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          700 Jets bleiben am Boden – und Spohr sagt der internationalen Luftfahrt eine Schrumpfphase voraus: „Ich bin kein Pessimist, aber was die Weltwirtschaft gerade durchmacht, wird eine kleinere Weltwirtschaft zur Folge haben.“ Das trifft Lufthansa, andere Fluggesellschaften der Welt sowie Flugzeughersteller. Für Airbus und Boeing dauerte der Luftfahrt-Boom 16 Jahre, jetzt kommt er wohl zu einem abrupten Ende. Fluggesellschaften werden Anschaffungen neuer Jets hinauszögern. „Jeder spricht mit Airbus und Boeing über die Verschiebung von Auslieferungen“, sagte Lufthansa-Chef Spohr. Eine Aufstockung der Flotte rückt in weite Ferne. „Wir haben eine kleinere Lufthansa-Gruppe vor uns“, so Spohr. Er wolle möglichst alle Mitarbeiter halten, Zugeständnisse von Beschäftigten und Gewerkschaften seien aber nötig. Für den Vorstand wird die Grundvergütung um 20 Prozent gekürzt, für 2019 verzichtet er auf die Auszahlung der Boni.

          „Die Krise wird die Luftfahrt nachhaltig verändern“, ist Spohr überzeugt. Geschäftsreisende, die aktuell intensive Erfahrungen mit Videokonferenzen sammeln, dürften weniger und die Flotten kleiner werden. Kurzfristig muss die Lufthansa Parkplätze für 700 Flugzeuge finden. Der nicht eröffnete Hauptstadtflughafen BER wird dafür genutzt, mit dem Frankfurter Flughafenbetreiber hat man besprochen, dass eine Startbahn zur Stellfläche wird. „Je länger diese Krise andauert, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Zukunft der Luftfahrt ohne staatliche Hilfe nicht gewährleistet werden kann“, sagte Spohr.

          Der Weltluftfahrtverband Iata geht davon aus, dass in drei von vier Gesellschaften die eigenen Mittel nur für drei Monate reichen. Eine Verstaatlichungswelle scheint nicht ausgeschlossen – erst recht, wenn Überbrückungskredite zur Stützung nicht reichten. „Die Diskussion wird auf uns zukommen“, sagte Spohr. „Viele Gesellschaften operieren schon jetzt am Rande der Profitabilität. Wenn hohe Kredite dazu kommen, werden viele von denen keine Chance haben.“

          Italien reverstaatlicht schon Alitalia. Für Deutschland hat die Bundesregierung erklärt, Verstaatlichungen seien nicht ihr Ziel. Aber Lufthansa spricht mit der staatlichen KfW über Liquiditätshilfen, um auf eine längere Notlage vorbereitet zu sein. 2019 hatte der Konzern noch einen bereinigten Gewinn vor Zinsen und Steuern von 2 Milliarden Euro gemacht. Unterm Strich blieben 1,2 Milliarden Euro Überschuss.

          Eine Prognose für 2020 gibt es nicht. Vorerst soll durch Einstellungsstopp und Kurzarbeit kein Euro zu viel aus der Konzernkasse abfließen. „Wir verkaufen aber nicht unsere Flotte“, sagte Finanzvorstand Ulrik Svensson. Lufthansa hält 86 Prozent ihrer Flugzeuge im Eigentum, 87 Prozent davon seien unbelastet. „Der Buchwert der Flugzeuge beträgt 10 Milliarden Euro, die können wir Kreditgebern als Sicherheit stellen“, sagte er. Doch neue Jets benötigt man weniger.

          Airbus reaktiviert eine Sondereinheit von 2008

          Hersteller Airbus hat schon eine „Watch tower“ genannte Einheit reaktiviert, die in der Finanzkrise 2008/2009 zum Zuge kam. Die versucht, mit klammen Fluggesellschaften Lösungen zu finden, Auslieferungen werden verschoben, andere vorgezogen. 2009 bekamen 600 Flugzeuge neue Auslieferungsdaten, sodass die Produktion weiterlief. 2018 kam es wegen Motorenproblemen bei einem Zulieferer drei Monate lang zu keinen Übergaben von A320-Flugzeugen, am Jahresende verzeichnete Airbus dennoch einen Auslieferungsrekord.

          Airbus hat Werke in Frankreich und Spanien geschlossen, doch nur bis zum kommenden Montag, um Vorkehrungen gegen das Coronavirus zu treffen. „Wir versuchen, die Balance zwischen sanitären Anforderungen und der Weiterführung der Produktion zu finden“, sagte ein Sprecher. Das Airbus-Werk in China habe die Arbeit wieder aufgenommen und erhöhe seine Produktion. Man wolle nicht den Weg der Autohersteller gehen, zumal das Unternehmen auf einem riesigen Auftragsberg sitzt.

          Mit großer Aufmerksamkeit beobachtet Airbus die Lage des Rivalen Boeing und verheimlicht nicht, dass Gespräche mit den Regierungen der im Eigentümerkreis vertretenen Länder – vor allem Deutschland und Frankreich – stattfinden. Über den Inhalt gibt es keine Details, dem Vernehmen nach geht es um öffentliche Hilfen.

          Boeing bekommt wohl Staatshilfen

          Boeing sprach sich in dieser Woche für Staatshilfen von mindestens 60 Milliarden Dollar aus, die unter anderem in Form von Kreditgarantien kommen könnten. Etwaige Finanzspritzen kämen nicht nur Boeing selbst, sondern der gesamten Lieferkette zugute, argumentierte der Konzern. Das meiste Geld aus einem Hilfspaket solle für die Bezahlung von Lieferanten eingesetzt werden.

          Der amerikanische Präsident Donald Trump hat sich sehr offen dafür gezeigt, Boeing unter die Arme zu greifen. „Wir müssen Boeing schützen“, sagte er. Boeing zählt zu den größten Unternehmen der verarbeitenden Industrie in Amerika. Die Corona-Krise ist ein weiterer massiver Rückschlag für das Unternehmen, das wegen des seit rund einem Jahr andauernden Flugverbots für sein Modell 737 Max ohnehin in einer schweren Krise steckt. Allein das wird Boeing nach eigener Einschätzung 18,6 Milliarden Dollar kosten.

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