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Corona und die Luftfahrt : Entscheidet bald der Staat bei der Lufthansa mit?

Abgestellte Flugzeuge der Lufthansa auf der Nordwest Landebahn am Flughafen Frankfurt am Main Bild: Wonge Bergmann

Dass der Staat die Lufthansa stützen muss, scheint unumgänglich. Doch drastische Folgen wird die Krise in jedem Fall haben, wie Konzernchef Carsten Spohr vorrechnet.

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          Die Bitte um Staatshilfe ist aus Sicht der Deutschen Lufthansa dringender geworden. Europas größter Luftfahrtkonzern warnte in einer Mitteilung vor einem „deutlichen Rückgang der Liquidität in den nächsten Wochen“. Der Konzern rechnet nicht mehr damit, den entstehenden Kapitalbedarf mit Mittelaufnahmen am Markt decken zu können. Deshalb könnte in der kommenden Woche ein staatliches Hilfspaket fertig werden, heißt es in Branchenkreisen. In Grundzügen steht es schon. Für Debatten sorgt hinter den Kulissen aber, ob der Staat nach zwei Jahrzehnten wieder als direkter Aktionär an Bord kommen soll. Der Konzern sähe ihn wohl lieber als stillen Teilhaber. Doch in politischen Diskussionen gibt es Stimmen, die nach Hilfen von insgesamt bis zu 10 Milliarden Euro mehr Mitsprachemöglichkeiten des Bundes im Konzern wünschen.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zuletzt war es dem Konzern noch gelungen, am Kapitalmarkt Geld aufzutreiben. Seit Anfang März ist die Summe der flüssigen Mittel nicht gesunken. Lufthansa beziffert sie nun auf 4,4 Milliarden Euro. Doch dieser hohe Wert ist trügerisch. Dass sich die Kasse nicht leerte, lag daran, dass Finanzierungsmaßnahmen im Umfang von 900 Millionen Euro genutzt und kurzfristige Darlehen abgeschlossen wurden, wie Lufthansa mitteilte. Diese Chance sieht man nun nicht mehr. Außerdem machen bezahlte Ticketpreise einen wesentlichen Teil des vorhandenen Geldes aus. Wenn die Flüge nun ausfallen, sind Rückerstattungen unvermeidlich. Konzernchef Carsten Spohr hatte schon vorgerechnet, dass Lufthansa bislang je Stunde ein Million Euro verbrennt. Der Liquiditätsabfluss dürfte sich deutlich beschleunigen. Am Freitag war die Lufthansa-Aktie mit einem Minus von 8 Prozent Dax-Verlierer des Tages.

          Volumen von bis zu 10 Milliarden Euro

          Spohr wandte sich am Freitag abermals mit einer Videobotschaft an die Beschäftigten, um sie auf eine lange Genesungsphase einzustimmen. „Wir kommen voraussichtlich 2023 zurück in ein Gleichgewicht“, sagte er. Die Flotte soll um 100 der aktuell mehr als 700 Flugzeuge schrumpfen. Die Erholung drohe ein Preiskampf zu erschweren. In der Krise rechne er mit um 10 Prozent niedrigeren Einnahmen je Ticket und einer um 10 Prozent sinkenden Auslastung der Flugzeuge. „Nach der Krise werden wir über eine Milliarde Euro pro Jahr für die Rückzahlung der Kredite aufwenden müssen“, sagte er.

          Zunächst soll ein Hilfspaket mit einem Volumen von bis zu 10 Milliarden Euro das Überleben sichern. Lufthansa spricht, ohne Details zu nennen, von „intensiven Verhandlungen“ in Berlin sowie in Österreich, der Schweiz und Belgien, den Heimatländern der Tochtergesellschaften Austrian Airlines, Swiss und Brussels. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters geht es in Deutschland um Mittel aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds des Bundes sowie aus staatlichen KfW-Krediten. Aus dem Fonds könnten bis zu 4 Milliarden Euro kommen. Die Länder der Lufthansa-Tochtergesellschaften könnten bis zu 1,5 Milliarden Euro beisteuern. Aus Branchenkreisen hieß es, die Aufteilung der Positionen sei noch nicht fixiert. Knackpunkt sei, wie das Geld aus dem Stabilisierungsfonds verwendet werden soll. Es könnte für eine stille Beteiligung genutzt werden, die entweder für längere Zeit oder nur bis zur einer Wandlung in reguläre Aktien bestehe.

          10.000 Beschäftigte weniger?

          Ein direkter Einstieg des Staats als Großaktionär ist schwierig. Beschlüsse der Hauptversammlung deckeln das Volumen der Anteilscheine, die der Konzern neu ausgeben darf. Selbst wenn alle neuen Papiere zum aktuellen Aktienkurs an den Bund gingen, würde das Lufthansa nicht mal die Hälfte der zur Diskussion stehenden Mittel aus dem Stabilisierungsfonds bringen. Auch die Tagesordnung für die Hauptversammlung Anfang Mai sieht keine Entscheidung vor, den Weg für eine größere Kapitalerhöhung frei zu machen. Sofern der Bund ein tragendere Rolle bekommen soll, wäre eine weitere außerordentliche Versammlung nötig.

          Lufthansa

          LUFTHANSA

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          Für das erste Quartal, in dem sich die Corona-Krise nur zum Teil niederschlug, wies der Konzern derweil nach vorläufigen Zahlen schon einen bereinigten Verlust vor Zinsen und Steuern von 1,2 Milliarden Euro aus – das Vierfache des Werts aus dem Vorjahr, als die Neujustierung des Billigablegers Eurowings belastete. Wertabschreibungen und nach dem Ölpreisfall ungünstige Kerosin-Terminkontrakte dürften das Ergebnis unterm Strich zusätzlich belasten. Und für das zweite Quartal wird ein „erheblich höherer operativer Verlust“ erwartet. Der Konzernumsatz sank im ersten Quartal nach vorläufigen Zahlen um 18 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro.

          Eine schnelle Rückkehr zum regulären Betrieb ist nicht absehbar. Voraussetzung wäre eine Lockerung der Reisewarnung des Auswärtigen Amts. Doch Außenminister Heiko Maas (SPD) macht wenig Hoffnung. „Es gibt im Moment keinen einzigen Hinweis, der darauf hindeutet, dass man das tun könnte in absehbarer Zeit“, sagte er in der ARD. Der Weltluftfahrtverband Iata rechnet für 2020 mit 103 Millionen Passagieren weniger in Deutschland als vor der Krise. 2019 wurden knapp 248 Millionen gezählt. Der Einbruch könne laut Iata zum Verlust von 480.000 Stellen führen – Lufthansa rechnet für sich mit 10.000 weniger Beschäftigten.

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