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Sorge um Skisaison : Alpenstreit um Seilbahnregeln

Zum Gipfel mit Impfpass, Maske - und Test: Seilbahn der Zugspitze Bild: obs

Runter geht es auf Skiern. Für die Fahrt hinauf müssen in Bayern Geimpfte einen Test mitbringen, in Österreich nicht – Bahnbetreiber fürchten den „Todesstoß“ im Winter, wenn die Gäste ausweichen.

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          Auf Rot stehe die Krankenhausampel in Bayern, erklärt der Freistaat im Internet. Das gelte schon seit dem 9. November. Rot gilt an bayerischen Bergen auch für geimpfte Skiläufer, wenn sie für den Weg aufwärts vor der Abfahrt keinen aktuellen negativen Corona-Text zur Seilbahn mitbringen. „Das ist der Todesstoß für uns“, heißt es vom Verband Deutscher Seilbahnen (VDS). Von einem „Lockdown durch die Hintertür“, spricht die Organisation. Zwar dürfen die Bahnen weiter fahren und Gäste befördern, doch aus Sicht des VDS gibt es vor Ort nicht ausreichend Testkapazitäten, um zumindest für alle Geimpften und Genesenen die Skiampel auf Grün zu halten.

          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.

          In dem vermeintlichen Lockdown sehen die Bahnbetreiber auch eine Wettbewerbsverzerrung. Verbandspräsident Matthias Stauch bezeichnete die bayerischen Maßnahmen schon als „absolut unverhältnismäßig“. Er fordert 2-G-Regeln ohne Testauflage, also ohne Plus hinter dem 2 G. „Denn sonst fahren Wintersportler stattdessen nach Österreich zum Skifahren.“ Wenige Kilometer weiter hinter der Grenze zwischen Gipfeln und Hängen genügt nämlich der Impfnachweis, um samt Skiern auf den Berg zu kommen. Und in der Schweiz, wo der Urlaub zwar traditionell teurer ist, genügt in Gondeln das Tragen einer Maske.

          Streit um Verhältnismäßigkeit

          Das Rot der Krankenhausampel bedeutet, dass auf bayrischen Intensivstationen mehr als 600 Covid-Patienten liegen, am Nikolaustag waren es 1058. Im Protest um fehlendes grünes Licht für Gäste im Weiß des Schnees steht der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga an der Seite der Seilbahnen und warnt vor einem „immensen Flurschäden“. Man müsse nicht Geimpfte, sondern Ungeimpfte stärker in die Pflicht nehmen.

          Bei Speis' und Trank vor und nach der Abfahrt solle stets 2 G gelten. Doch drinnen ist 2 G Plus Pflicht, auf Außenplätzen gilt 2 G – ohne Plus. Eine Sperrstunde beginnt um 22 Uhr. Schwach erscheint der Trost, dass noch tiefer einschneidende Maßnahmen im Berchtesgadener Land enden, weil die Sieben-Tage-Inzidenz fünf Tage unterhalb von 1000 liegt.

          Die Corona-Regeln am Berg haben einen Alpenstreit ausgelöst. Diesseits der Grenze beklagen Betriebe, dass Auflagen unverhältnismäßig seien. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) argumentierte in Bayrischen Landtag jedoch eben genau mit der Verhältnismäßigkeit, um das Plus zu rechtfertigen. Man habe sich gefragt, ob man Freizeit- und Sportveranstaltungen nicht besser ganz untersagen solle. „Wir haben uns aber wegen der Verhältnismäßigkeit und der Rechte der Geimpften entschieden, 2G zuzulassen, aber eben mit der besonderen Regel plus“, sagte er.

          Deutsche zum Saisonstart in Ischgl

          Jenseits der Grenze im österreichischen Ischgl, dem eine Fülle an Infektionen am Beginn der Pandemie einen lädierten Ruf einbrachte, stand am Wochenende eine sanfte Saisoneröffnung nach langem Stillstand an. Prompt wurden zahlreiche Gäste aus Deutschland gesichtet. Zufrieden ist man aber auch dort mit den geltenden Corona-Regeln nicht. Bars, einst Treffpunkte zum Après-Ski, sind geschlossen. Die Betriebe dort hoffen, dass noch im Dezember aktuelle Lockdown-Maßnahmen fallen. Für die Seilbahn ist aber schon jetzt kein Test nötig. Doch für einen dauerhaft wirtschaftlichen Betrieb kämen zu wenig Gäste. Wie die Bayern auf Österreich deuten, zeigen die auf die Schweiz. Dort genügt in Seilbahnen meist eine Maske um mitzufahren.

          Die deutschen Seilbahnbetreiber warten derweil mit Zahlen auf, warum es aus ihrer Sicht unnötig sei, in ihren Gondeln strenger als im Münchner S-Bahn-Tunnel zu sein. Das Forschungsinstitut EMPA an der Universität Zürich hatte die Luft in drei Gondeltypen untersucht. Ergebnis der Schweizer: „In der kleinsten Kabine wurde die Luft 138-mal pro Stunde ausgetauscht, in der mittleren 180-mal und in der größten nur 42-mal.“ Als corona-untauglich sahen die Forscher große Kabinen bei geöffneten Lüftungsfenstern dennoch nicht an, in einem Eisenbahnwagen fänden nur sieben bis 14 Luftwechsel in der Stunde statt.

          Hinter der Argumentation mit der Lüftungsstatistik steht die Sorge, einen weiteren Winter auf Geschäft verzichten zu müssen. In der vergangenen Saison gab es so viel Schnee wie selten in den vergangenen Jahren, der Betrieb ruhte dennoch weitgehend. Lockerungen im Frühjahr kamen vielfach zu spät, um den Skibetrieb doch noch aufzunehmen. Laut VDS hatten die Betreiber der rund 200 Seilbahnen und der mehr als 1200 Schlepplifte im Winter 2018/2019 knapp 103 Millionen Euro von Fahrgästen eingenommen. Im Winter 2019/2020 war die Saison wegen der beginnenden Pandemie abgebrochen worden, den Seilbahnen blieben Verkehrserlöse von 80 Millionen Euro.

          Für die vergangene Skifahrzeit wird eine Null genannt. Lockerungen im Frühjahr kamen vielfach zu spät, um den Skibetrieb noch anlaufen zu lassen. Als Kontrast werden Zahlen aus der Schweiz bemüht: Die dortige Hotellerie zählte im vergangenen Winter von November bis April mit 9,4 Millionen Übernachtungen nur 26 Prozent weniger, weil Schweizer mehr im Inland buchten.

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