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Sehr wenige Insolvenzen : Frankreichs Rekordrettung

Frankreichs Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire Bild: AFP

Trotz Corona müssen im Nachbarland so wenige Unternehmen Insolvenz anmelden wie seit 30 Jahren nicht mehr. Kommt die große Welle einfach nur später?

          3 Min.

          Der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire spricht gerne von der schwersten Wirtschaftskrise seit 1929, wenn er die Folgen der Pandemie beschreibt. Um rund 10 Prozent dürfte Frankreichs Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr eingebrochen sein. Und dennoch hat die Zahl der Unternehmenspleiten den niedrigsten Stand seit mehr als dreißig Jahren erreicht, wie das Beratungsunternehmen Altares berichtet. Etwas mehr als 32.000 Fälle gerichtlich festgestellter Zahlungsunfähigkeit wurden 2020 verzeichnet – rund 40 Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Stand seit 1987.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der Grund sind vor allem die umfangreichen staatlichen Unternehmenshilfen. „Es handelt sich in Wahrheit nur um eine Verschiebung der Insolvenzen“, sagt Eric Chaney, Ökonom am Institut Montaigne, einem Beratungsinstitut. Gleichzeitig spielte eine Rolle, dass die staatlichen Behörden weniger streng waren. Die Einrichtung zum Erhalt der staatlichen Sozialabgaben zeigt in normalen Zeiten viele Unternehmen an, wenn die Zahlungen ausbleiben, nicht aber in diesem Jahr. Im März wurde auch die Pflicht für die Unternehmen aufgehoben, Zahlungsunfähigkeit spätestens nach 45 Tagen zu melden. Im August hat die Regierung die Pflicht jedoch wieder eingeführt, und dennoch schossen die Insolvenzen nicht in die Höhe.

          Die Hilfen bestehen vor allem aus staatlich garantierten Bankkrediten. Rund 700.000 Unternehmen erhielten auf diesem Weg etwa 120 Milliarden Euro. Den Tilgungsaufschub von zunächst einem Jahr hat die Regierung inzwischen um ein weiteres Jahr verlängert. „Für die Banken ist das kein schlechtes Geschäft, denn sie finanzieren sich zu negativen Zinsen. Die Risiken sind begrenzt, weil der Staat die Kredite zu 90 Prozent garantiert“, sagt Chaney.

          „Die größte Pleitewelle könnte ausbleiben“

          Wie groß die Pleitewelle in diesem Jahr ausfällt, ist Gegenstand heftiger Debatten. Der Kreditversicherer Euler Hermes erwartet 2021 eine Zunahme um mehr als 50 Prozent und 2022 ein weiteres Plus von etwa 20 Prozent. Die Regierung will dagegen nicht so pessimistisch sein – ein Jahr vor der heißen Phase des Wahlkampfes für die Präsidentenwahl im Mai 2022 kann sie sich das auch nicht leisten. „Schon für den Oktober hat man die große Pleitewelle vorausgesagt, doch sie kam nicht. Wenn der Aufschwung im zweiten Halbjahr kräftig ausfällt, weil die Franzosen ihre aufgestauten Ersparnisse von 100 Milliarden Euro ausgeben, könnte die große Pleitewelle ausbleiben“, sagt der für den Mittelstand zuständige Staatssekretär Alain Griset. Er sieht die geringen Pleitezahlen auch als Beweis für die gute Rettungsarbeit der Regierung.

          Bild: FAZ-Grafik: fbr.

          So weiß auch niemand, wie viele „Zombie“-Unternehmen heute in Frankreich existieren. Ökonom Chaney glaubt wie viele seiner Kollegen aber nicht, dass die französische Regierung zu viele Unternehmen rette. Denn der Staat habe weder die Mittel noch die Fähigkeiten, heute zu unterscheiden, wer überlebensfähig sei und wer nicht. „Nehmen Sie den Tourismus, niemand weiß, welche Zukunft er hat“, sagt Ökonom Chaney. Mittelfristig müsse Frankreich aber eine Situation wie in Japan oder auch in Italien vermeiden. Dort hören die Banken nicht auf, den Krisenunternehmen Kredite zu geben, weil sie verlustträchtige Abschreibungen scheuen. Das knappe Kapital zur Unterlegung der Kredite fehlt damit für Darlehen an gesunde Unternehmen.

          Die französischen Unternehmen waren schon vor der Pandemie hoch verschuldet. Im ersten Quartal 2020 beliefen sich ihre Gesamtschulden auf mehr als 155 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), meldete die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – gegenüber etwa 60 Prozent in Deutschland oder 78 Prozent in Großbritannien.

          Die französische Regierung will nun sogenannte Beteiligungskredite für kleine und mittelständische Unternehmen einführen. Dabei sollen Banken, Versicherer oder Private-Equity-Unternehmen Kredite mit mindestens acht Jahren Laufzeit vergeben und dafür „Quasi-Eigenkapital“ erhalten, das bilanztechnisch die Verschuldung der Unternehmen nicht erhöht. Der Staat will 35 Prozent dieser Kredite in einer möglichen Gesamthöhe von 20 Milliarden Euro garantieren. Wegen dieses Subventionselements verhandelt Paris derzeit mit der EU-Kommission um die Genehmigung.

          Die öffentlichen Finanzen bleiben unterdessen angespannt: 2020 verdoppelte sich die französische Neuverschuldung auf rund 180 Milliarden Euro. Immerhin ist das weniger als im November erwartet. Das Defizit könnte unter die bisher angesetzten 11,3 Prozent des BIP fallen, berichtet der Minister Olivier Dussopt. Die Schulden Frankreichs sind dabei weiterhin gefragt: In dieser Woche zeichneten Anleger 50 Jahre laufende Staatsanleihen in Höhe von 7 Milliarden Euro. Die Nachfrage war zehnmal so hoch.

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