https://www.faz.net/-gqe-9y4o3

Regierungsplan für Ausfälle : Kein Geld, nur Gutschein

Festival-Sommer in Gefahr?

Positiv aufgenommen wurde der Plan der Regierung auch unter den Konzertveranstaltern. „Ich freue mich sehr, dass es uns nach dreiwöchiger sehr harter Arbeit gelungen ist, mit der Gutscheinlösung zunächst einmal den schlimmsten Druck aus dem Kessel zu nehmen“, sagte der geschäftsführende Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), Jens Michow, der F.A.Z. Dreiviertel der deutschen Veranstaltungsunternehmen hätten im Falle einer Rückforderung sämtlicher betroffener Kartenkäufer wohl sofort Insolvenz anmelden müssen. Die Gutscheinlösung käme so „an allererster Stelle dem Verbraucher zugute“.

Aus der Veranstaltungsbranche waren zuvor eindringliche Appelle an die Politik zu hören gewesen. Der Geschäftsführer des Veranstalters und Ticketverkäufers CTS Eventim, Klaus-Peter Schulenberg, etwa hatte in der F.A.Z. vor einer Pleitewelle gerade unter kleinen und mittleren Konzertveranstaltern und vor Schaden für die Kulturlandschaft gewarnt. Wie auch der BDKV hatte Schulenberg auf eine Streckung der Rückzahlungspflicht von Tickets für abgesagte Veranstaltungen bis mindestens 30. September 2020 gedrängt.

Unsicherheit bleibt

Für Konzerte fallen im Vorfeld diverse Kosten beispielsweise für Marketing, Anmietung von Technik und die Auftragsvergabe an diverse Partnerunternehmen an. Diese werden zu großem Teil mit den Einnahmen aus dem Ticketverkauf finanziert. Rückerstattungen von verkauften Karten hätten demzufolge die Liquidität von vielen Veranstaltern bedroht.

Vielfach wurde neben den Forderungen an die Politik deshalb an Käufer appelliert, ihr Geld nicht zurückzufordern und so die durch Absagen gebeutelte Branche zu unterstützen. Eventim-Chef Schulenberg hatte allerdings auch auf eine Gutscheinlösung verwiesen, wie sie in Italien schon vor einiger Zeit von der Regierung verabschiedet worden sei.

Gleichwohl bleibt die Unsicherheit über die möglichen Folgen der Corona-Krise für den Sommer. Hier stehen nicht zuletzt im Juni die großen Open Air-Festivals wie Rock am Ring, Southside, Hurricane oder im August das Wacken an. Stand jetzt, ist keine der Veranstaltungen abgesagt. BDKV-Chef Michow sagte, er hoffe, dass Konzert- und Tourneeveranstaltungen bald wieder stattfinden dürften. Schulenberg hatte zuvor schon zumindest Planungssicherheit gefordert: „Eine längerfristige Ansage von Seiten der Behörden bei Festivals wäre wünschenswert, ohne diese haben wir bei Absagen keinen Versicherungsschutz“. Während Rock am Ring von Live Nation für Eventim veranstaltet wird, ist beispielsweise für das Southside oder Hurricane das Unternehmen FKP Scorpio der Veranstalter. Eventim hält die Mehrheit der Anteile an FKP Scorpio.

Kritik von Verbraucherschützern

Mit Blick auf Flugtickets bezeichnete Lufthansa derweil die Anstrengungen des Bundes als „richtig“. Die Gutschein-Lösung sei „sinnvoll und fair“. Sie verschaffe Unternehmen in schwieriger Lage Luft zum Atmen, Kunden könnten zu einem späteren Zeitpunkt ihren Flug antreten oder ihr Geld zurückerhalten. Die geltenden Regeln würden der aktuellen Situation einer globalen Pandemie nicht gerecht. „Sie sind für die Streichung einzelner Flüge gedacht, aber nicht für den Fall, dass fast der ganze Flugverkehr ausfällt“, sagte eine Sprecherin. Fluggesellschaften waren in die Kritik geraten, weil einige schon ohne rechtliche Grundlage dazu übergegangen waren, Erstattungen zu verweigern.

Kritik kam von Verbraucherschützern. „Diese sogenannten Gutscheine sind in Wirklichkeit Zwangskredite der Verbraucher an die Unternehmen, für die sie nicht mal Zinsen erhalten“, sagte der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Klaus Müller. „In der Corona-Krise sind viele Verbraucher genauso dringend auf liquide Mittel angewiesen wie Unternehmen.“ Kunden hätten Vorkassezahlungen in dem Vertrauen geleistet, das Geld bei Absagen zurückzuerhalten.

Lieber wäre dem VZBV ein staatlicher Sonderfonds, der zukünftige Insolvenzen absichere, kurzfristig Liquidität zur Erstattung der Kundengelder ermögliche und von den Reiseunternehmen in den kommenden Jahren refinanziert werde. „Die Liquidität der Reisebranche muss durch einen Fonds ermöglicht werden, nicht durch Kundengelder“, forderte Müller. Viel mehr Zeit wollen die Verbraucherschützer Reiseunternehmen auch nicht geben, um eingenommenes Geld für nun ausfallende Reisen auszuzahlen. Die gesetzliche Frist beträgt bislang 14 Tage, der Rückzahlungszeitpunkt könne bis maximal Ende April ausgedehnt werden, hieß es.

Weitere Themen

Topmeldungen

Rettungskräfte sind nach dem Zugunglück im Einsatz.

Tschechien : Tödliches Zugunglück bei Prag

Ein Nahverkehrszug rammt spät am Abend einen Güterzug, mindestens ein Mensch stirbt und Dutzende werden verletzt. Es ist die zweite derartige Kollision in Tschechien innerhalb einer Woche.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.