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Fast 16 Millionen Neukunden : Die Welt schaut Netflix

Ein junger Mann meldet sich beim Streaming-Anbieter Netflix an. Bild: dpa

Der Streaming-Anbieter Netflix ist einer der großen Profiteure der Corona-Krise. Im ersten Quartal konnte der Konzern 15,8 Millionen neue Bezahlabos abschließen. Doch die Pandemie bringt ihm auch neue Herausforderungen.

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          Netflix wird in diesen Tagen oft als möglicher Gewinner der Corona-Krise genannt. Viele Menschen sitzen zuhause fest und haben mehr Zeit totzuschlagen als sonst, also könnten sie eher als sonst geneigt sein, Filme und Fernsehshows auf der Videoplattform anzusehen. Diese Theorie hat das Unternehmen jetzt bei der Vorlage seiner Quartalszahlen auf eindrucksvolle Weise bestätigt: Im ersten Quartal hat es 15,8 Millionen neue zahlende Kunden auf der ganzen Welt gewonnen, so viel wie noch nie in seiner Geschichte und weit mehr als von Analysten erwartet. Netflix selbst hatte vor drei Monaten ein Wachstum der Abonnentenzahlen um 7,0 Millionen in Aussicht gestellt. Das Unternehmen ist in allen Regionen der Welt deutlich gewachsen. Selbst auf dem eigentlich schon als recht gesättigt geltenden amerikanischen Heimatmarkt, wo die Kundenzahlen in den Quartalen zuvor kaum noch gestiegen waren, gab es diesmal 2,3 Millionen zusätzliche Abonnenten. Am besten schnitt Netflix in Europa mit fast sieben Millionen neuen Kunden ab.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Der Aktienkurs von Netflix stieg nach Veröffentlichung der Zahlen im nachbörslichen Handel zunächst um mehr als 10 Prozent, im weiteren Verlauf gab er einen großen Teil dieser Gewinne aber wieder ab. Die Netflix-Aktie hat allerdings seit Jahresanfang schon ein Drittel an Wert gewonnen und sich damit viel besser geschlagen als der Gesamtmarkt.

          Die Zahlen sind auch insofern beeindruckend, weil sich das Unternehmen verstärkter Konkurrenz gegenübersieht. Der wohl stärkste neue Wettbewerber ist „Disney+“, der Videodienst des Unterhaltungskonzerns Walt Disney, der im November in den Vereinigten Staaten gestartet ist und den es seit 24. März auch in Deutschland gibt. Disneys neue Plattform hat einen glänzenden Start hingelegt, der Konzern teilte kürzlich mit, 50 Millionen Nutzer gewonnen zu haben. Zu den anderen neuen Konkurrenten gehört auch der Elektronikkonzern Apple mit seinem Dienst „Apple TV+“, der seit November verfügbar ist. Anders als in seinen vergangenen Quartalsberichten sprach Netflix diesmal die Konkurrenz gar nicht an. Vor drei Monaten hatte das Unternehmen zugegeben, der neue Wettbewerb belaste das Geschäft in Amerika, gleichzeitig aber gesagt, im Markt für Videodienste gebe es Platz für viele Anbieter.

          Eigenproduktionen vorübergehend ausgesetzt

          Der neue Quartalsbericht stand ganz im Zeichen der Corona-Pandemie, und Netflix gab sich Mühe, zurückhaltende Töne anzuschlagen und seine Rekordzahlen nicht allzu sehr zu bejubeln. Das Unternehmen sei sich „akut bewusst“, mit einem Angebot, das für ans eigene Zuhause gebundene Menschen eine größere Bedeutung habe, in einer glücklichen Lage zu sein. Netflix hoffe, diese Zeit für seine Abonnenten mit seinen Inhalten „erträglicher“ zu machen.

          Im Januar und Februar hat sich das Geschäft nach Angaben des Unternehmens noch ähnlich entwickelt wie in den vergangenen Jahren, aber mit zunehmenden Ausgangsbeschränkungen im März habe es erheblich an Fahrt aufgenommen. Netflix beschrieb dieses Phänomen aber auch als vorübergehend. „Wir erwarten, dass die Nutzung sinkt und das Wachstum bei den Kundenzahlen nachlässt, wenn das Eingesperrtsein zuhause aufhört, und wir hoffen, dass das bald sein wird.“ Für das zweite Quartal sagte Netflix 7,5 Millionen Neukunden voraus, fügte aber hinzu, dies sei „weitgehend Raterei“. Es sei derzeit schwer abzuschätzen, wann Menschen in verschiedenen Ländern wieder ihrem gewohnten Sozialleben nachgehen können und auch inwiefern sie nach der Aufhebung von Ausgangsbeschränkungen eine „Fernsehpause“ einlegen werden. Das Unternehmen stellt sich aber darauf ein, dass der gegenwärtige Nachfrageschub zum Teil künftiges Wachstum vorzieht. Das heißt, die Entwicklung in der Zukunft könnte schwächer ausfallen als dies ohne das Coronavirus der Fall gewesen wäre.

          Die Pandemie bringt für Netflix auch andere Herausforderungen mit sich. Vor allem die Produktion eigener Filme und Fernsehshows, die für das Unternehmen in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden sind, sei schwer getroffen. Fast überall auf der Welt seien Dreharbeiten vorläufig eingestellt worden. Im Moment gebe es allerdings noch eine „große Pipeline mit Inhalten“, die schon fertig oder zumindest in der Postproduktion seien. Netflix hat kürzlich einen Hilfsfonds im Umfang von 100 Millionen Dollar aufgelegt, der vor allem Mitarbeitern an seinen eigenen Produktionen zugutekommen soll, darunter zum Beispiel Maskenbildner, Fahrer oder Elektriker.

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