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Corona-Krise : VW und Daimler stellen Produktion in Europa weitgehend ein

Ein Bild aus virenfreieren Zeiten: Mitarbeiter schrauben am neuen Volkswagen Golf 8 an einer Produktionslinie im VW Werk in Wolfsburg. Bild: dpa

Nach Peugeot, Fiat Chrysler und Renault stellen nun auch Daimler und der VW-Konzern ihre Produktion in den meisten Werken in Deutschland und Europa ein. In China wurde die Produktion hingegen schon wieder aufgenommen.

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          Die Ankündigung von Volkswagen-Chef zu Beginn der Jahrespressekonferenz des Unternehmens kam wie ein Paukenschlag. „Angesichts der sich aktuell deutlich verschlechternden Absatzlage und der sich abzeichnenden Unsicherheit bei der Teileversorgung unserer Werke wird es an den Standorten unserer Marken unmittelbar auch zu Produktionsunterbrechungen kommen“, sagte er. Das Corona-Virus zwingt damit auch den größten deutschen Automobilhersteller zum Stillstand. Freitag sollen an den meisten Standorten die letzten Schichten gefahren werden.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          „Oberstes Ziel ist es, die Ausbreitung des Coronavirus so stark wie möglich zu verlangsamen“, sagte Diess. Der Konzern bereite eine Produktionsunterbrechung voraussichtlich für zwei Wochen vor. „Wir nehmen vorübergehende Kapazitätsreduzierungen vor und sichern die Logistikketten.“ Das Unternehmen gehe davon aus, dass man die kommende Zeit insbesondere in Deutschland aber mit Kurzarbeitergeld überbrücken könne. Hierzu hatte die Bundesregierung kürzlich Erleichterungen auf den Weg gebracht.

          Aus Stuttgart folgte diese Mitteilung am Abend. Auch Daimler hält in vielen Werken die Bänder an. Ein Großteil der Produktion in Europa werde von dieser Woche an für zunächst zwei Wochen geschlossen, teilte der Konzern mit. Betroffen seien sowohl die Auto- und Transporter- als auch die Nutzfahrzeug-Produktion. Bis zum Ende dieser Woche sollen die Werke heruntergefahren werden. „Mit diesen Maßnahmen leistet das Unternehmen seinen Beitrag, die Belegschaft zu schützen, Infektionsketten zu unterbrechen und die Ausbreitung dieser Pandemie einzudämmen“, hieß es. „Gleichzeitig trägt diese Entscheidung dazu bei, Daimler auf eine Phase vorübergehend niedrigerer Nachfrage vorzubereiten und die Finanzkraft des Unternehmens zu sichern.“

          „Auch wenn sich manche im Vorstand das anders wünschen“

          VW-Chef Diess sagte, 2020 sei ein schwieriges Jahr. „Die Corona-Pandemie stellt uns vor ungekannte operative und finanzielle Herausforderungen.“ Auch bei Volkswagen hatte es in den vergangenen Tagen in deutschen Werken die ersten bestätigten Fälle von Infektionen mit dem Erreger der Lungenkrankheit Covid-19 gegeben. Vorstand und Betriebsrat haben über die Lage beraten und in einem gemeinsamen Schreiben an die Mitarbeiter bereits „ungewohnte und auch unbequeme Entscheidungen“ angekündigt.Die Produktionsunterbrechungen von Freitag an reichen dem Betriebsrat dabei nicht aus. Während Diess seine Entscheidung in Wolfsburg verkündete, wurde ein Brief des Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh und seiner Stellvertreterin Daniela Cavallo an die Belegschaft öffentlich, in dem sie kritisieren, dass erst am Freitag die letzte Schicht laufen soll. „Aus unserer Sicht ist das zu spät!“, schreiben sie. „Wir erwarten jetzt einen geordneten Ausstieg aus der Fertigung.“

          Die Betriebsräte verwiesen darauf, dass in der Produktion die Abstandsempfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) nicht eingehalten werden könnten. „Während überall bei VW Abstandsgebote gelten, arbeiten die Kolleginnen und Kollegen im direkten Bereich Schulter an Schulter an den Fahrzeugen.“ Sie fragten sich, warum sie für ein paar hundert Autos mehr eine Ansteckung riskieren sollten, die sie dann früher oder später nach Hause in ihre Familien tragen. Osterloh und Cavallo warnten vor Panik und sicherten zu, dass „die Krise nicht einseitig zulasten der Beschäftigten geht“. Das gelte – „auch wenn sich manche im Vorstand das anders wünschen“.

          Welche Folgen der Schritt für die Produktion beim größten Autohersteller der Welt hat und wie lange die Maßnahme anhält, war zunächst unklar. Volkswagen hatte bereits die Hygiene- und Abstandsvorschriften verschärft, auch Kantinen sollten geschlossen werden. Dienstreisen wurden eingeschränkt, größere Versammlungen verschoben. „Der Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und deren Angehörigen steht dabei im Fokus“, sagte Diess.

          In China wird wieder auf zwei Schichten hochgefahren

          Er zeigte sich zuversichtlich, dass der mit viel Aufwand geplante Start des ID.3, des ersten reinen Elektromodells der Marke VW, im Sommer durch die Produktionseinschränkungen nicht gefährdet sei. Zwar gebe es auch im VW-Werk im sächsischen Zwickau, in dem der ID gebaut wird, einen „temporären Shutdown“ Das Unternehmen gehe aber weiter vom Anlauf des ID 3 im Sommer aus. Osterloh und Cavallo forderten dagegen auch für Zwickau vom Vorstand eine Lösung und mehr Klarheit – „denn einige im Vorstand wollen ihrer Verantwortung offenbar nicht gerecht werden.“

          Während Corona die europäischen Standorte in die Krise stürzt, zeigte sich der VW-Vorstandschef bei der Entwicklung in China optimistisch. „Dort stabilisiere sich die Situation. „Mittlerweile haben unsere Fertigungsstätten mit wenigen Ausnahmen die Produktion wieder aufgenommen“, sagte Diess. Bereits Ende letzter Woche hieß es, die Werke würden vom Ein-Schicht-Betrieb wieder auf zwei Schichten hochgefahren – vor der Krise waren drei Schichten üblich. Die Auslieferungszahlen stiegen wieder „und beginnen sich langsam zu mobilisieren“, sagte Diess. Das Beispiel China zeige, wie man mit gutem Krisenmanagement auch so eine Krise managen könne.

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          Am Montag hatte schon der Opel-Mutterkonzern PSA mitgeteilt, wegen der Covid-19-Pandemie in den kommenden Tagen 15 Autofabriken in Europa vorübergehend dicht zu machen. In Deutschland sind vom heutigen Dienstag an die Standorte Rüsselsheim und Eisenach betroffen. Außerdem schließen Standorte in Spanien, Frankreich, Portugal, Großbritannien und in der Slowakei. Die Schließungen sollen bis zum 27. März dauern.

          Der Peugeot-Hersteller begründete die Maßnahme damit, dass Zulieferketten unterbrochen seien und derzeit deutlich weniger Autos verkauft würden. Die Gewerkschaft CFDT erklärte ferner, sie habe die Geschäftsführung von PSA zu der Entscheidung gedrängt, weil unter den Beschäftigten „Panik“ herrsche.

          Auch die Autobauer Renault, Fiat Chrysler und der Reifenhersteller Michelin haben Werksschließungen wegen der Corona-Krise angekündigt.

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