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Einzelhandel : Security fürs Klopapier

Bitte nacheinander eintreten: Auch den Einlass in Drogeriemärkte regeln jetzt private Sicherheitskräfte. Bild: dpa

In der Corona-Krise greift der Einzelhandel verstärkt auf private Sicherheitskräfte zurück. Sie sollen nicht nur die neuen Hygiene-Regeln überwachen.

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          Hinter der Eingangstür zum Rewe am Offenbacher Marktplatz stehen zwei Männer in Anzug, Krawatte und Latexhandschuhen. Einer von ihnen passt auf, dass die Kunden nur einzeln eintreten, vor der Schiebetür bildet sich am Nachmittag immer wieder eine Schlange von bis zu fünf Personen. Der andere hat die engen Gänge der kleinen Filiale im Blick. „Nur zehn Kunden dürfen sich gerade gleichzeitig im Laden aufhalten“, sagt sein Kollege. „Wir müssen jetzt immer zu zweit sein. Vorher gab es nur eine Schicht ab 18 Uhr, jetzt gibt es zwei Schichten am Tag.“ Security werde hier jetzt während der gesamten Öffnungszeit gebraucht. Nicht alle Kunden würden die neuen Regeln verstehen: „Manche sind auch aggressiv.“

          Auch in einem Offenbacher Drogeriemarkt bietet sich ein ungewohntes Bild: Ein schwarz gekleideter Mann steht hinter den Kassen und beobachtet die Kunden. Sogar „dm“ hat jetzt einen Türsteher.

          In der Corona-Krise greift der Einzelhandel verstärkt auf Sicherheitskräfte zurück. Wo es bisher schon welche gab, werden noch mehr eingestellt. Und viele Geschäfte, für die Security nie ein Thema war, arbeiten jetzt erstmals mit Sicherheitsfirmen zusammen. Sogar vor großen Baumärkten können Kunden jetzt 15 Minuten in der Schlange verbringen, bevor sie reingelassen werden. Auch dort wird die Anzahl der Kunden, die gleichzeitig einkaufen dürfen, begrenzt.

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           Im Offenbacher „toom“-Baumarkt arbeiten auch erst seit wenigen Tagen Wachmänner. Eine automatische Durchsage, die regelmäßig wiederholt wird, unterstützt sie: „Husten und niesen Sie in die Armbeuge“, „fassen Sie nichts an, wenn es nicht unbedingt notwendig ist“, „halten Sie zwei Meter Abstand!““

          „Es geht nicht nur um die Zugangsbeschränkung“

          Eine Anordnung der Stadt Offenbach schreibt vor, dass Warteschlangen an Theken und Kassen vermieden werden sollen. Der Zutritt zu Geschäften solle daher gesteuert werden, auch damit der Abstand von 2 Metern zwischen Personen im ganzen Laden eingehalten werden kann. Die Stadt Frankfurt schreibt sogar genau vor, dass sich pro 20 Quadratmeter nur ein Kunde aufhalten darf. Auch in Nordrhein-Westfalen gilt eine solche Vorschrift: Dort ist ein Kunde auf zehn Quadratmetern zugelassen.

          „Die Kunden nach und nach hereinzulassen, ist nur eine der Aufgaben, die Sicherheitskräfte jetzt übernehmen“, sagt Silke Wollmann vom Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW). „Ganz oft geht es nicht nur um die Zugangsbeschränkung, sondern auch darum, dass beim Streit ums Toilettenpapier jemand eingreift.“

          Gefragt, wieso jetzt auch ihr Drogeriemarkt einen Sicherheitsmann braucht, kommt die Leiterin des Offenbacher „dm“ ebenfalls auf das Kundenverhalten im Laden zu sprechen: „Letzte Woche sind die Leute einfach durchgedreht, meine Mitarbeiterinnen wurden beschimpft.“ Viele Eltern fänden es beispielsweise überhaupt nicht gut, dass es jetzt Kaufbeschränkungen für Windeln gebe.

          Dass Kunden aber gegenüber Verkäufern handgreiflich würden oder im Streit um Waren aneinandergerieten, sei kein Szenario, das sie gehäuft mitbekomme, sagt BDSW-Sprecherin Wollmann. Trotzdem würden vor allem Mitarbeiter mit Sicherheitsunterrichtung, das ist eine 40-stündige IHK-Schulung, und keine einfachen Ordnungskräfte nachgefragt. Es handele sich aber eher um Präventivmaßnahmen.

          Vielleicht wolle man sich auch auf Schlimmeres vorbereiten und habe die Szenen nach dem Hurrikan Katrina noch vor Augen, wo das versäumt worden sei. „Ich habe aber von keinem Unternehmen gehört, dass jetzt Plünderungen erwartet. Das wäre dann auch Sache der Polizei und nicht privater Sicherheitskräfte.“

          Für Kai Falk vom Handelsverband Deutschland (HDE) sind solche Überlegungen ein „Exotenthema“. Ihm sei nur ein Fall bekannt, bei dem es zu einer Rangelei gekommen sei, sonst habe er dazu keine Informationen. „Falls zusätzliches Personal benötigt wird, dann wahrscheinlich, um die zwei Meter Abstand und die sonstigen Hygienevorschriften einzuhalten“, so Falk.

          Viele Mitarbeiter fallen aus

          Eine Sprecherin des Lebensmittel-Discounters Lidl teilt mit, in vielen Filialen gebe es nun „Kundenbetreuer, die für einen geordneten Ablauf und ungestörten Einkauf sorgen sollen“. Diese „Unterstützungsmaßnahme“ werde weiterhin ausgebaut.

          Können die Sicherheitsunternehmen die zusätzliche Nachfrage nach Personal bedienen? Bisher würden insgesamt nicht mehr Sicherheitsleute als vor der Corona-Krise benötigt, sagt Wollmann: „Wegen der vielen abgesagten Veranstaltungen hält es sich ungefähr die Waage.“ Die Sicherheitsfirmen hätten aber ohnehin schon immer Schwierigkeiten, genug Leute einzustellen.

          In der aktuellen Lage wird das erst recht zum Problem, da viele Mitarbeiter ausfallen: In einem Brief an Abgeordnete und Regierung beklagt der BDSW zusammen mit dem Bundesinnungsverband des Gebäudereinigerhandwerks (BIV), dass sich die Zahl der Krankschreibungen vervierfacht habe. Sie fordern, die Krankenkasse solle „ab dem ersten Tag, spätestens nach der ersten Woche“ Krankengeld zahlen, finanziert durch Steuerzuschüsse. Zusammen kommen die von BDSW und BIV vertretenen Branchen auf etwa 900.000 Mitarbeiter.

          „Der derzeitige Krankenstand in der Sicherheitsbranche von ungefähr 30 Prozent ist eine Katastrophe“, sagt Wollmann. Falls demnächst auch an anderer Stelle mehr Sicherheitskräfte benötigt würden, könne sich das Problem noch verstärken: „Vielleicht müssen ja demnächst auch private Sicherheitsleute dabei helfen, Ausgangssperren zu überwachen.“ Nach derzeitiger Gesetzeslage dürften die aber nicht einmal Personalien aufnehmen. Ausgangssperren durchzusetzen, wäre dann immer noch Sache der Polizei.

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