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Konzern in der Krise : Lufthansa steht vor härteren Einschnitten

Flugzeug am Schlepper: Lufthansa stehen wohl tiefere Einschnitte bevor. Bild: AFP

Mehr wegfallende Stellen, mehr auszumusternde Flugzeuge – der Konzernchef zeichnet auf einem internen Termin ein düsteres Szenario. Ein Grund sollen auch staatliche Pläne für Reisebeschränkungen sein.

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          22.000 Vollzeitstellen abbauen, 100 Flugzeuge abstoßen – die bekannten Einschnitte für die Deutsche Lufthansa haben schon gewaltig geklungen. Doch auf einer internen Online-Mitarbeiterveranstaltung hat der Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr am Dienstag geäußert, dass diese Schritte nicht reichen dürften, um den Konzern nach der Corona-Pandemie genesen zu lassen. Das wird in Unternehmenskreisen berichtet.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor den nächsten Sitzungen von Vorstand und Aufsichtsrat in der kommenden Woche zeichnet sich nun ab, dass einige tausend Posten mehr wegfallen und rund 30 weitere Flugzeuge aus der Flotte verschwinden könnten. Sogar das vorzeitige Aus für den Airbus-Großflieger A380 im Lufthansa-Konzern ist eine wahrscheinliche Option. Offiziell äußert sich der Konzern nicht zu den Szenarien und verweist darauf, dass es keine neue Beschlusslage gebe.

          Zwei Gründe führen zur skeptischeren Sicht der Lufthansa-Führung. Mittelfristig rechnet man offenbar – angesichts zuletzt steigender Infektionszahlen – mit einer schleppenderen Erholung im Flugverkehr. Und kurzfristig klagt man über einen Buchungseinbruch, seit der Plan der Bundesregierung bekannt ist, von Oktober an Einreisende aus Risikogebieten für mindestens fünf Tage in Zwangsquarantäne zu schicken. Der deutsche Luftfahrtverband BDL hatte schon kritisiert, dass Zwangsquarantänen faktisch wie ein abermaliger Lockdown wirken würden.

          Buchungszahlen „katastrophal“

          Die Buchungszahlen für Oktober soll Spohr vor den Beschäftigten als „katastrophal“ bezeichnet haben. Die Rede ist von 10 Prozent des Vorjahresniveaus. Damit dürfte das ursprüngliche Ziel, zum Jahresende wieder auf 50 Prozent des Vorjahresangebots zu kommen, unerreichbar werden. Für das Gesamtjahr soll Spohr nun einen Wert von 25 Prozent genannt haben, heißt es in Unternehmenskreisen.

          Mit der Klage über die Wirkung von Einschränkungen stand Spohr am Dienstag nicht allein da. Stunden vor seinem Auftritt hatte Easyjet-Chef Johan Lundgren auf einer Online-Veranstaltung des Verbandes Airlines for Europe (A4E) über ein „gewaltiges Durcheinander“ in Europa geklagt. „Wir wissen aus unserem Kundenservice, dass dieses Durcheinander Kunden vom Buchen abhält“, sagte Lundgren mit Blick auf Reisewarnungen und Vorgaben zu Quarantänen für Einreisende, die von EU-Staat zu EU-Staat variieren.

          „Sicherer als Einkaufen“

          „Die Lösung kann nicht sein, dass Airlines immer mehr Schulden machen, um durch die Krise zu kommen“, sagte der Easyjet-Chef. Er fordert daher Anreize, damit sich das Geschäft wieder belebe. „Ansonsten werden wir uns sehr schwer tun auf dem Weg, den wir gehen wollen“, sagte Lundgren in Bezug auf die gesamte Branche.

          Patrick Ky, Chef der europäischen Luftfahrtaufsicht EASA, gab zu Bedenken, dass in der Corona-Krise Personenbeförderung mitunter als Risiko und nicht mehr als Chance gesehen werde. Das führe zu ganz praktischen Problemen – unter anderem wie Piloten ihre Lizenzen erhalten könnten, wenn sie nicht aktiv fliegen. Dabei hätten nach EASA-Angaben zuletzt von rund drei Millionen Passagieren nur 180 im Zusammenhang mit der Pandamie von Flügen ausgeschlossen werden müssen. Sieben Fälle von Passagieren mit Covid-19-Symptomen an Bord seien bekannt geworden. „Das waren 0,2 auf 100.000 Passagiere“, rechnete Ky vor und setzte sogar die These: „Luftfahrt ist sicherer als alle anderen Arten der Personenbeförderung und sicherer als Einkaufen.“

          Mehrere Flugzeugtypen auf Streichliste

          Konkret beziffert hat Spohr das Ausmaß eines möglicherweise vergrößerten Stellenabbaus noch nicht. Medienberichte, denen zufolge bis zu 42.000 Stellen bedroht seien, stimmten aber nicht, die Zahlen seien „viel zu hoch“, wird aus dem Mitarbeitertermin berichtet. Obwohl der Konzern mit einem 9 Milliarden Euro umfassenden staatlichen Hilfspaket gestützt wird, laufen längst Vorbereitungen für Einschnitte. Sogar Konzernteile könnten verkauft werden. Ausgeschlossen hatte Spohr in der Vergangenheit lediglich, die Mehrheit an der Wartungssparte Lufthansa Technik abzugeben. Der Konzern verliert aktuell rund 500 Millionen Euro im Monat. Die Staatshilfe, die auch zurückgezahlt werden muss, gibt somit nur einen Puffer von maximal 18 Monaten, um wirtschaftlich wieder auf Kurs zu kommen.

          Einige Flugzeugbaureihen stehen wohl komplett vor der Ausmusterung – das gilt insbesondere für Langstreckenmodelle mit vier Triebwerken. Sie gelten als weniger effizient im Vergleich zu Jets mit zwei neueren Triebwerken. Flugzeuge vom Modell 747-8 seien die einzigen mit vier Triebwerken, die aus seiner Sicht im Konzern eine Zukunft hätten. Dass er mit der 747-8 nur die jüngere Variante des Jumbos von Boeing erwähnte, gilt als Anzeichen, dass die Tage des A380, der älteren Jumbo-Version 747-400 und für A340-Langstreckenjets gezählt sein könnten. Allerdings verhandelt Lufthansa auch mit Airbus, bestellte A350 mit zwei Treibwerken, die dann nicht gekauft, sondern geleast werden sollen, vorzeitig zu bekommen.

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