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Corona-Krise : Zum Jahresende kommen die Pleiten

Vor der Schließung muss alles raus: Karstadt auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil Bild: Maximilian von Lachner

Die Insolvenzanträge sind historisch niedrig. In einigen Branchen hat die Zahlungsmoral allerdings bedenklich nachgelassen.

          3 Min.

          Den Unternehmen in Deutschland droht zum Jahresende eine Insolvenzwelle. Damit rechnet zumindest die Wirtschaftsauskunftei Creditreform. „Ab dem vierten Quartal wird es zu einem deutlichen Anstieg der Anträge kommen“, sagte deren Hauptgeschäftsführer Volker Ulbricht in einer Videokonferenz der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung in Düsseldorf. Diese Entwicklung sei allerdings positiv zu werten, da zahlungsunfähige Firmen die wirtschaftliche Gesundheit von Geschäftspartnern und Lieferanten gefährdeten.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          „Es ist nicht wünschenswert, dass wir in eine künstlich am Leben gehaltene Zombie-Wirtschaft rutschen“, sagte Ulbricht. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) widersprach allerdings dieser Einschätzung. Solch eine Ansicht wirke auf ihn „wie eine blutleere Lehrbuchspekulation“, erklärte er auf einer Bankenkonferenz in Frankfurt. Es handle sich um eine befristete Maßnahme zur Bekämpfung der Krise. „Wir müssen gucken, dass niemandem die Puste ausgeht, später wirtschaftlich erfolgreich weiterzumachen.“

          „Gehörig schiefgelaufen“

          Das im März erlassene und nun bis Ende dieses Jahres verlängerte Insolvenzaussetzungsgesetz hatte überschuldete und zahlungsunfähige Unternehmen davon befreit, einen Insolvenzantrag zu stellen. Das führte dazu, dass Creditreform im ersten Halbjahr einen Rückgang der Insolvenzanträge von 8 Prozent verzeichnet hat. Im Juli lag die Zahl der Anträge sogar um 30 Prozent unter dem Vorjahreswert. „Das zeigt, dass etwas gehörig schiefgelaufen ist“, sagte Ulbricht. So seien nämlich Unternehmen, die eigentlich auch ohne die Corona-Pandemie in Schwierigkeiten gewesen wären und für die eine Sonderregelung daher nicht gelten solle, irrigerweise davon ausgegangen, dass sie keine Pflicht für einen Insolvenzantrag hätten.

          Die verlängerte Befreiung bis zum Jahresende gilt allerdings nur, wenn ein Unternehmen überschuldet ist – und nicht, wenn es zahlungsunfähig ist, also innerhalb von drei Wochen mehr als 10 Prozent seiner Fälligkeiten nicht bezahlen kann. Mehr als neun von zehn Insolvenzen fallen aber unter genau diesen Insolvenzgrund, weshalb Creditreform von einem Anstieg der Pleiten schon im vierten Quartal ausgeht. Überschuldete Unternehmen stellten zwar auch ein Risiko dar, seien aber noch ausreichend liquide und würden daher ihre Geschäftspartner nicht unmittelbar durch nicht bezahlte Rechnungen mit in die Krise reißen.

          Schlechteres Zahlungsverhalten bei Reisebüros und Hotels

          Gleichzeitig stellt Creditreform vor allem bei Reisebüros, der Hotellerie und dem gesamten Kultur- und Erholungsbereich eine signifikante Verschlechterung des Zahlungsverhaltens fest. Waren es bei den Konzertveranstaltern vor der Pandemie noch 15 Tage, überschreiten sie die Zahlungsziele nun um 28,8 Tage. Auch Reisebüros haben sich auf 29,9 Tage nahezu verdoppelt. „Das ist eklatant“, sagte Ulbricht. Normalerweise verlängere oder verkürze sich das Zahlungsverhalten einer Branche in einem Jahr höchstens um zwei Tage. Eine besondere Verschlechterung im Einzelhandel sei hingegen nicht zu erkennen. Dort hat es mit Unternehmen wie Appelrath&Cüpper oder Galeria Karstadt Kaufhof schon große Insolvenzverfahren gegeben – gerade was Unternehmen mit vielen Mitarbeitern angehe, seien mehr Insolvenzen als im Vorjahr zu beobachten.

          Im Risiko stünden deshalb nun vor allem kleinere, wenig professionell organisierte Unternehmen. Die Warnung des Handelsverbands HDE, dass bis zu 50.000 Händler pleitegehen könnten, teilt Ulbricht formell nicht. „Im Einzelhandel sind Marktaustritte still, da gibt es einen Schlussverkauf, dann wird liquidiert und zugemacht, einen Anstieg förmlicher Insolvenzen sehen wir nicht.“ Als Profiteur der Krise zählt der Online-Handel und E-Commerce, der ohnehin mit neun Tagen recht pünktlich seine Rechnungen beglich, inzwischen innerhalb einer Woche – er konnte den Wert also verbessern.

          Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bestätigen das Bild, das Creditreform von der aktuellen Lage zeichnet. Die Zahl der erledigten Anträge auf Insolvenzgeld, eine Leistung, die an die Arbeitnehmer betroffener Unternehmen ausgezahlt wird, belief sich internen Unterlagen der Behörde zufolge im Juli auf rund 13.000, das waren gut 1000 weniger als vor einem Jahr. Die Ausgaben liegen mit bisher 737 Millionen Euro allerdings deutlich über dem Vorjahr (560 Millionen Euro), was an der höheren Zahl an Insolvenzen von Unternehmen mit vielen Beschäftigten liegen könnte.

          Die Bundesagentur wappnet sich für den Fall, dass es im Winter vermehrt zu Insolvenzen kommen könnte. Daher hat sie vor einiger Zeit schon damit begonnen, Beschäftigte für das Bearbeiten entsprechender Anträge zu schulen. Die Kapazität an Mitarbeitern, die dafür eingesetzt werden, lag Ende August um 62 Prozent über dem üblichen Niveau.

          Wissenschaftler rechnen mit rund 4300 Zombie-Unternehmen

          Unternehmen, die überschuldet sind, müssen bis zum Jahresende keine Insolvenz beantragen, wie das Kabinett gerade beschlossen hatte. Das könnte bald zum Problem werden. Wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) berechnet hat, könnte es bis Ende des Jahres bis zu 4300 „Zombie-Unternehmen“ geben. Im März hatte die Bundesregierung beschlossen, dass ein Teil der Unternehmen nicht verpflichtet ist, Insolvenz anzumelden. Im Mai meldeten dadurch fast 10 Prozent weniger Unternehmen Insolvenz an als im Vorjahr. D

          urch die Verlängerung der Regelung bis zum Jahresende könnte die Insolvenzzahl nach Angaben des IW auf das Gesamtjahr berechnet um etwa 8 Prozent sinken. Es wären dann ungefähr 17 250 Pleiten, ein Tiefstand seit der Jahrtausendwende. Damit steigt die Gefahr von „Zombie-Unternehmen“, die nicht langfristig überlebensfähig sind.

          Berechnungen des IW zusammen mit dem Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken zeigen: Wegen des Wirtschaftseinbruchs im ersten Halbjahr wäre ein Anstieg der Insolvenzzahlen um 15 Prozent zu erwarten – bei schneller Erholung. Wenn die Zahl der Insolvenzen stattdessen um 8 Prozent sinkt, entsteht im Vergleich zum Vorjahr eine Lücke von 23 Prozent oder in etwa 4300 Unternehmen, die weitermachen, obwohl die ökonomische Perspektive fehlt. sips.

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