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F.A.Z. exklusiv : Hörgeräte-Anbieter Geers zahlt keine Miete mehr

Eine Geers-Hörgeräteakustikerin bearbeit unter einer Lupe ein Hörgerät für Kinder. Bild: dpa

Die Geers-Muttergesellschaft Sonova war zuletzt hochprofitabel und hat viel Eigenkapital. Aber jetzt stürzen die Umsätze ab. Die Vermieter der Hörgeräte-Kette erhalten nun bis auf weiteres kein Geld.

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          Der Hörgeräteanbieter Geers zahlt wegen der Corona-Krise auf unbestimmte Zeit keine Miete mehr für seine gut 650 Fachgeschäfte in Deutschland – auch wenn die meisten für einen Notdienst weiter geöffnet sind. Die Muttergesellschaft Sonova Deutschland kündigte das in einem Brief an Vermieter an, der der F.A.Z. vorliegt. Vermieter Holger Linden mit einer Immobilie in Trier sagte, schon die Miete für April sei nicht eingegangen, obwohl das Geers-Geschäft in seinem Haus nicht geschlossen sei. Normalerweise komme die Zahlung am zweiten oder dritten Bankarbeitstag.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Geers gehört zu den führenden Anbietern in Deutschland neben Kind und Amplifon. Den Gewinn hierzulande weist die börsennotierte schweizerische Muttergesellschaft Sonova nicht aus. Global fiel zuletzt eine Netto-Umsatzrendite von mehr als 16 Prozent an, die Eigenkapitalquote lag bei gut 55 Prozent.

          Nutzt Sonova die Lage aus?

          Sonovas Entscheidung reiht sich in die Ankündigungen von Unternehmen ein, Mietzahlungen wegen der Corona-Krise auszusetzen. Der Sportartikelhersteller Adidas geriet in die Kritik dafür, dass er die April-Miete für seine geschlossenen Läden stunden lassen wollte. Nach öffentlicher Empörung darüber machte er die Entscheidung rückgängig.

          Einzelhändler verzeichnen starke Einbußen, auch Anbieter von Hörgeräten. Die öffentliche Diskussion dreht sich darum, ob ertragsstarke Unternehmen und solche mit solider Eigenkapitaldecke die jetzige Lage ausnutzen. „Die Gruppe verfügt über eine gute Liquiditätslage“, meldete Sonova am 25. März.

          Sonova weist global für das Geschäftsjahr 2018/19 (zu Ende März) die besagten 55 Prozent Eigenkapitalquote aus, knapp 2,8 Milliarden Franken Umsatz und 594 Millionen Franken operatives Ergebnis (Ebita), woraus sich 21 Prozent operative Rendite errechnen. Der Gewinn nach Steuern lag bei 460 Millionen Franken. 2019/20 soll das bereinigte Ebita zugelegt haben, der Umsatz in Ortswährungen um 8 Prozent gestiegen sein.

          Kurzarbeit angemeldet

          Sonova betreibt in Deutschland über die Hauptmarken Geers und Vitakustik mehr als 800 Läden und gehört neben Kind und Amplifon zu den führenden Hörakustikunternehmen. Mehr als 650 Läden davon sind Geers-Geschäfte. Im Markt wird unabhängig von Corona als strategische Problematik des Unternehmens genannt, dass Sonova zugleich Hersteller, Lieferant für Hörgeräteakustik-Läden und Händler ist.

          Nun wird das Unternehmen von den behördlichen Corona-Maßnahmen getroffen. Der Kundenstrom sei eingebrochen, schreibt die Geschäftsführung der Sonova Retail Deutschland GmbH in dem Brief vom 30. März. „Aus diesem Grund mussten wir bereits viele unserer Fachgeschäfte schließen oder mussten unsere Öffnungszeiten massiv einschränken, so dass wir nur noch Notfälle nach vorheriger Terminabsprache versorgen.“ Für die gesamte Organisation sei Kurzarbeit angemeldet.

          Wegen der Umsatzeinbrüche oder Schließung von Fachgeschäften „werden wir die Mieten bis auf weiteres nicht mehr zahlen können“. Ein Sonova-Sprecher bestätigte die Authentizität des Schreibens: Es sei an alle Vermieter geschickt worden, teilte der Sprecher mit, der sich nur schriftlich äußern wollte.

          Die Vermieter sind Bäcker

          Vermieter am Castelnauplatz in Trier ist die Vermietergesellschaft Linden & Linden, über die Holger Linden und sein Bruder das dortige Geers-Geschäft beherbergen. Holger Linden berichtet, dort sei jeden Tag jemand am Ort. Sonova bestätigte das auf Anfrage. Insgesamt habe man etwa 125 Fachgeschäfte komplett geschlossen, alle anderen seien in einem Notfallbetrieb von etwa drei Stunden am Tag geöffnet.

          Linden und sein Bruder betreiben eine Bäckerei, die zehn Filialen beliefert. Sie seien durch die Corona-Maßnahmen selbst stark finanziell belastet und hätten schon mehr als 100.000 Euro an privatem Vermögen nachschießen müssen, sagt er.

          Sonova habe die B&P GmbH & Co. KG „als unseren Partner für alle mietvertragsrelevanten Themen mit dieser Thematik beauftragt“, schreibt die deutsche Geschäftsführung in ihrem Brief weiter. Dieser Dienstleister verwaltet für Filialeinzelhändler das Geschehen in den Immobilien. Auf seiner Internetseite hat er eine eigene Sektion „Coronavirus – Krisenhilfe bei Mietverhandlungen“ eingerichtet. Sonova fordert im Brief die Vermieter auf, sich nicht selbst zu melden. „B&P wird sich in den nächsten Tagen mit Ihnen in Verbindung setzen. Bitte warten Sie die Kontaktaufnahme ab.“

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