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Die Bahn trotzt Corona : Viele Züge, wenig Fahrgäste

12 Uhr mittags und der Bahnhof in Hamburg ist fast ganz leer. Bild: dpa

Ein Großteil der Züge der Bahn fährt weiter, auch wenn viel weniger Menschen Zug fahren. Im Güterverkehr sinkt die Nachfrage ebenfalls – einige neue Kunden gibt es jedoch, nicht nur für den Transport von Nudeln und Klopapier.

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          Die Deutsche Bahn will ihr Angebot zum Transport von Personen und Gütern in der Corona-Krise „so lange, so umfangreich und so stabil wie möglich“ aufrechterhalten. Das hat der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Bahnchef Richard Lutz, am Montag in einer telefonischen Pressekonferenz angekündigt. „Wir halten die Dinge am Laufen“, sagte Lutz. „Es geht um die Mobilität der Menschen, und es geht um die Versorgung der Wirtschaft und der Bevölkerung mit Gütern.“ 

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die Bahn trage dazu bei, internationale Lieferketten abzusichern – nicht nur durch das Befördern von Nudeln und Toilettenpapier. „Im Güterverkehr fahren wir zurzeit alles, was die Kunden möchten“, betonte Lutz. Dabei gelinge es auch, neue Kunden zu gewinnen. Allerdings werde dadurch der Rückgang der Transporte für die Industrie nicht kompensiert. Im Gegensatz zu Lastwagen, die sich an den Grenzen stauen, kämen Güterzüge aber ohne Verzögerungen in die Nachbarländer.

          Viele Züge, wenig Auslastung

          Obwohl auch bei der Bahn die Nachfrage zusammengebrochen ist, sind immer noch sehr viele Züge unterwegs. Im Fernverkehr ist die Zahl der Fahrgäste nach Angaben von Lutz in den vergangenen Wochen auf 10 bis 15 Prozent gesunken, dennoch fahren noch drei Viertel aller ICE- und IC-Züge. Eingestellt habe man wegen der internationalen Reisebeschränkungen die grenzüberschreitenden Züge, die rein touristischen Angebote sowie die schnellen Sprinter-Züge, die vor allem von Geschäftsreisenden genutzt werden.

          Im Nahverkehr fahren – in Absprache mit den Ländern, die die Regionalzüge bestellen – derzeit noch zwei Drittel der Züge des regulären Fahrplans, obwohl auch nur noch rund 15 Prozent der Pendler unterwegs sind. „Wir wollen das Angebot nicht weiter reduzieren, weil wir in dieser Krise eine besondere Verantwortung haben“, sagte Lutz. So wolle die Bahn sicherstellen, dass vor allem jene, die in systemrelevanten Berufen tätig seien, gut zur Arbeit kämen.

          Bahn will kulant sein

          Lutz verwies darauf, dass die Bahn sich kulant zeige, wenn Reisende ihre Fahrten stornieren wollten. Die Umwandlung von Tickets in Gutscheine sei inzwischen auch online möglich. Im Güterverkehr erlasse die Bahn ihren Kunden die Stornogebühr, die sonst bei der Abbestellung von Trassen fällig werde. Inhabern von Geschäften in Bahnhöfen könne die Miete gestundet werden, sagte Lutz weiter.

          Der Bahnchef hatte sich anlässlich der Vorlage der Konzernbilanz 2019 Ende März nicht zum laufenden Geschäft in der Krise äußern können, weil er sich wegen eines Corona-Falls in seiner Umgebung selbst in häusliche Quarantäne begeben musste. Dazu sagte er am Montag, er sei gesund.

          Wie die ganze Gesellschaft sei auch die Bahn vom Corona-Virus nicht verschont. Die Zahl der Krankheits- und Verdachtsfälle weiche aber nicht von der allgemeinen Entwicklung ab. Wenn möglich arbeiteten die Mitarbeiter zuhause. Für Eisenbahner mit Kundenkontakt seien Schutzmaßnahmen getroffen worden, etwa für Fahrkartenkontrollen in den Zügen. Das gelte auch für das Abstandhalten in den Werkstätten. Derzeit gebe es weder Engpässe beim Personal noch bei der Versorgung mit Ersatzteilen.

          Kurzarbeit in der Logistik

          An Kurzarbeit ist, wie Lutz weiter sagte, im Bahnbetrieb derzeit nicht gedacht. Dies sei auch mit den Gewerkschaften EVG und GDL so vereinbart. Er könne dies aber auch nicht grundsätzlich ausschließen, denn niemand könne seriös vorhersagen, wie sich die Situation entwickle. Derweil gibt es Kurzarbeit schon bei der Logistik-Tochtergesellschaft DB Schenker, in der sich der starke Einbruch in der Automobilindustrie schon bemerkbar macht.

          Die Sanierung ihrer Infrastruktur will die Bahn trotz Krise „unbeirrt fortsetzen“, wie Lutz versicherte. Das gelte zum Beispiel für die Erneuerung der Schnellstrecke Mannheim-Stuttgart. „Wir bauen weiter auf Rekordniveau und sind insofern ein organisiertes Konjunkturprogramm.“ Dazu gehöre auch die Instandsetzung von Brücken. Im Einvernehmen mit der Bauindustrie seien nur 30 der bis zu 800 Baustellen täglich abgesagt worden. Sie seien „im Süden der Republik“, die Arbeiten dort seien nur aufgeschoben, sagte Lutz. Auch an der Rekrutierung neuer Mitarbeiter halte der Konzern in den schwierigen Zeiten fest. Einstellungsgespräche würden jetzt online geführt.

          Wie sich die Krise auf die finanzielle Situation der Bahn auswirkt, wollte Lutz nicht beziffern. „Wir haben schwierige Monate vor uns. Corona wird uns hart treffen – vermutlich härter als die Finanzkrise 2008/2009.“ Es werde viel Geld in der Kasse fehlen. Derzeit seien jedoch keine belastbaren Prognosen möglich. Wenn nötig, werde man mit dem Eigentümer Bund und mit dem Haushaltsausschuss des Bundestages über die Verschuldungsgrenze sprechen.

          Im vergangenen Jahr hatte der Konzern mit 24,2 Milliarden Euro Schulden die politisch festgelegte Grenze schon erreicht. Lutz sagte, klar sei schon jetzt, dass die Bahn ihr Ziel verfehlen werde, die Zahl der Reisenden im Fernverkehr von 150 Millionen auf 157 oder 158 Millionen im Jahr zu steigern. Er zeigte sich dennoch zuversichtlich, dass es gelingen werde, „die Krise zu überwinden und die Renaissance der Bahn fortzusetzen“. Über einen Zeitpunkt, wann der Betrieb wieder „hochgefahren“ werden könne, wollte Lutz nicht spekulieren. „Wir fahren auf Sicht.“ Szenarien für eine Rückkehr zur Normalität werden aber auch bei der Bahn durchgespielt. Der Bahnchef ließ indes offen, ob dann eine Zeit lang etwa nur jeder zweite Sitzplatz im ICE verkauft wird.

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