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Corona-Ausbruch : Werksstillstand kostete Tönnies 2,5 Millionen Euro am Tag

Clemens Tönnies auf der Pressekonferenz zum Corona-Ausbruch im Fleischwerk im Juni 2020 Bild: dpa

Der Chef des größten deutschen Fleischkonzerns nennt erstmals konkrete Zahlen zu den Kosten des Corona-Ausbruchs. Doch über die Gesamtrechnung gibt es noch Streit. Tönnies wittert einen ganz anderen „Skandal“.

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          Inzwischen ist Clemens Tönnies wieder nach Witzen zumute. „Stellenweise kam ich mir vor, wie der Erfinder von Covid persönlich“, sagt der Eigentümer von Deutschlands größtem Fleischbetrieb zu der Berichterstattung über den Corona-Ausbruch in seinem größtem Werk in Rheda-Wiedenbrück im Sommer. Auf dem Deutschen Fleisch-Kongress hat sich Tönnies so präsentiert, wie man ihn kennt: mit dunklem Anzug, weißem Hemd und flotter Zunge. Das alte Selbstbewusstsein ist zurückgekehrt, was auch damit zu tun haben mag, dass sich die Aufregung um die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie in den vergangenen Wochen gelegt hat und das Werk inzwischen wieder auf Volllast arbeitet. Der Streit darum, wer für die aus dem Corona-Ausbruch folgenden Kosten im Kreis Gütersloh aufkommt, ist indes noch lange nicht geklärt.

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          In der Rechnung kommt einiges zusammen: Die Schließung des Tönnies-Werks, so wird der Manager auf Nachfrage der F.A.Z. erstmals konkret, hat das Unternehmen an jedem Tag 2,5 Millionen Euro gekostet, was sich bei 30 Tagen Stillstand auf 75 Millionen Euro summiert. Weil sich eine Vielzahl seiner Arbeiter in dem Werk in Ostwestfalen mit dem Corona-Virus infiziert hatte, musste Tönnies das Werk schließen, für die Kreise Gütersloh und Warendorf folgten wegen der daraufhin überschrittenen Sieben-Tage-Inzidenz strenge Beschränkungen. Um sein Werk wieder öffnen zu dürfen, musste Tönnies ein Hygienekonzept erarbeiten und Filtertechnik und Plexiglasscheiben installieren. Für die technische Ausstattung hat das Unternehmen nach Angaben seines Chefs gut 7 Millionen Euro ausgegeben.

          Corona-Tests dürften Millionen kosten

          Doch geht es noch um viel mehr Geld. Auf Druck der Politik hatte Tönnies im Sommer angeboten, für alle Bewohner im Kreis Gütersloh die Kosten für einen Test zu tragen, was bei gut 120.000 Tests, von denen damals die Rede war, schnell eine mittlere einstellige Millionensumme erreicht. Die Anwälte beider Seiten verhandeln nach Informationen der F.A.Z. miteinander, wie viele der coronabedingten Belastungen von 9,7 Millionen Euro im Kreis wirklich auf Dritte wie Tönnies zurückzuführen sind. „Der Deckel wird mit Sicherheit größer werden“, hatte der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) im Sommer gesagt. Doch hat der Kreis derzeit mit dem generellen Corona-Geschehen zu viel zu tun, um Bilanz zu ziehen. Noch immer sind Bundeswehr-Soldaten und neu eingestellte Mitarbeiter für die Kontaktverfolgung dort im Einsatz.

          Noch gültig ist nach Angaben des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums die Antwort des Ministers Karl-Josef Laumann (CDU) auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion vom Ende September. Die Landesregierung prüft demnach mögliche „Anspruchsgrundlagen für Schadenersatzansprüche“. Gleichzeitig gibt es verschiedene Meinungen zu Lohnkostenerstattung, die Tönnies wegen der Stilllegung seines Werkes beantragt hat. Laumann hatte immer wieder betont, dass die Regierung alles dafür tun wolle, dass kein Geld fließe. Wegen der 50.000 Anträge, die es im Land insgesamt zu Lohnkostenerstattung gebe, sei der Antrag von Tönnies aber noch nicht bearbeitet worden.

          Volkswagen halte auch niemand für „zu groß“

          Tönnies selbst weist immer wieder darauf hin, dass ihm noch niemand mitgeteilt habe, welchen Rechtsverstoß sein Unternehmen begangen habe bei dem massenhaften Corona-Ausbruch. Als Trotzreaktionen will er es jedenfalls nicht verstanden wissen, dass sein Unternehmen zuletzt vor allem mit Investitionen im Ausland wie etwa in Spanien oder China aufgefallen ist. Das sei schon zum Jahresbeginn in der Strategie festgeschrieben gewesen. „Jeder, der mich kennt, weiß wie gern ich in Ostwestfalen lebe – ich gehe hier auch nicht weg“, sagt Tönnies. Die Diskussion um Großschlachtbetriebe hält der Manager für „Romantik“. Durch die Konzentration des Lebensmitteleinzelhandels seien die Weichen dafür schon vor 30 Jahren gestellt worden. Nur Hochleistungsbetriebe könnten die Nachfrage bedienen. „Es hat noch niemand gefragt, ob VW in Wolfsburg zu groß ist oder ob die zu viele Autos bauen“, sagt Tönnies.

          „Ein Skandal für sich“

          Noch offen ist, ob die Festanstellung früherer Werkvertragsarbeiter langfristig Auswirkung auf die Kosten des Unternehmens hat. In der Branche war die Zusammenarbeit mit Subunternehmern über Jahrzehnte üblich, gut die Hälfte der 7000 Beschäftigten im Werk in Rheda war früher nicht direkt bei Tönnies gestellt. Dem vom Kabinett beschlossenen Gesetzentwurf zum Verbot von Werkverträgen in Schlachtbetrieben ist Tönnies im Herbst zuvorgekommen, als er ankündigte, innerhalb von sechs Monaten alle Mitarbeiter aus den Kernbereichen Schlachtung und Zerlegung direkt anzustellen. „Wir haben das entschieden, weil wir die Angriffspunkte weg haben wollten“, sagt Tönnies, als Marktführer sei man schließlich die „erste Adresse“ für Kritik.

          Beim Austeilen hält sich der Fleisch-Unternehmer allerdings auch nicht zurück. Weil das Werk in Rheda in der Quarantäne verplombt wurde, habe Tönnies 322 Lastwagen mit Fleisch zur Tierbeseitigung fahren müssen, statt sie zu verarbeiten. „Die Rechnung ist noch offen, da suche ich einen Adressaten“, sagt Tönnies. „Das ist ein Skandal für sich.“

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