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F.A.Z. Exklusiv : Betriebsrat prüft Contis Sparpläne

Conti vor dem Umbbau Bild: dpa

Die Arbeitnehmervertreter gehen in die Offensive. Verschiedene Betriebsräte haben eigene Berater beauftragt, die Alternativen zum geplanten Abbau von Stellen und möglichen Werksschließungen ausloten sollen.

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          Seit Ende September sind die Beschäftigten von Continental in Aufruhr. Damals hatte das Management mitgeteilt, die Kosten senken zu wollen, wovon global rund 20.000 der 244.000 Mitarbeiter des Autozulieferers betroffen sind. In Deutschland müssen 7000 von 62 .000 Beschäftigte mit Veränderungen rechnen, zu denen auch betriebsbedingte Kündigungen gehören können. Teil des Plans ist es, Werke zu schließen oder deutlich zu verkleinern, wogegen zuletzt Hunderte Beschäftigte im bayerischen Roding und im hessischen Babenhausen auf die Straße gegangen waren. Dabei wollen es die Betriebsräte aber nicht belassen. Sie haben eigene Berater mandatiert, welche die Sparpläne des Vorstands prüfen sollen.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Nach Informationen der F.A.Z. haben die Arbeitnehmervertreter in Roding die Beratungsgesellschaft Validated Advice beauftragt. Sie soll dem dortigen Betriebsrat helfen, Alternativen für das Werk zu entwickeln, das der Vorstand im Jahr 2024 schließen will. Auch in Babenhausen, wo Conti unter anderem die Serienproduktion analoger Tachometer einstellen will, ist die Beratungsgesellschaft aktiv. Im sächsischen Limbach-Oberfrohna lassen sich die Betriebsräte von der gewerkschaftsnahen EWR Consulting unterstützen. Außerdem läuft dort schon länger ein Projekt mit der TU Chemnitz, deren Fachleute prüfen, inwieweit Brennstoffzellen für den Standort eine Alternative sind. Bislang bauen die Beschäftigten dort vor allem hydraulische Komponenten für Dieselmotoren.

          Effizienzprogramm soll auf Spur gesetzt werden

          Die Zeit drängt, denn wegen der schwachen Autokonjunktur und der bevorstehenden Umbrüche durch neue Antriebstechnologien will das Management sein Effizienzprogramm schnell umsetzen. Wie aus informierten Kreisen verlautet, könnte der Aufsichtsrat schon in der übernächsten Woche zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenkommen, um über den aktuellen Stand der Gespräche zu beraten und neue Beschlüsse zu fassen. Zwar kann die Kapitalseite im Kontrollrat ihre Pläne notfalls auch gegen die Stimmen der Arbeitnehmerbank durchsetzen.

          Trotzdem wolle man Argumente sammeln und eigene Konzepte entwickeln, sagt ein Arbeitnehmervertreter. „Die Pläne des Vorstands gehen viel zu weit, das können wir nicht einfach hinnehmen.“ Ein Sprecher von Conti sagte, der Konzern sei derzeit in Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern. Die Verhandlungen liefen „sehr konstruktiv“.

          Spekulationen um Werk in Dortmund

          Den groben Plan für sein Sparprogramm, um dessen Details jetzt gerungen wird, hatte das Unternehmen nach einer Aufsichtsratssitzung am 25. September veröffentlicht. Gleichzeitig hatte der Vorstand um Konzernchef Elmar Degenhart deutlich gemacht, dass weitere Einschnitte folgen könnten. Potential für mehr Effizienz sieht er offenbar an vielen Stellen. So wird nach Informationen der F.A.Z. geprüft, wie die Werke in Dortmund und Bebra/Mühlhausen durch eine gemeinsame Steuerung oder andere Eingriffe effizienter zusammenarbeiten können. Auch dort haben die Betriebsräte dem Vernehmen nach EWR Consulting eingeschaltet, um eigene Pläne zu entwickeln.

          Ein Stellenabbau ist offenbar nicht ausgeschlossen, doch will sich Conti nicht zu Details äußern. Der Konzern sei in einer „Prüfsituation“, sagte eine Sprecherin der Sparte Vitesco, die bis Oktober unter dem Namen Powertrain firmierte, und zu der das Werk in Dortmund gehört. Bebra/Mühlhausen sind sogenannte Zebra-Werke, die neben Kraftstoffpumpen und anderen Bauteilen für Vitesco beispielsweise auch Komponenten für die Sparte Chassis & Safety fertigen.

          Conti hatte zuletzt die Turbulenzen auf den Automärkten immer stärker zu spüren bekommen. Mit einer schnellen Besserung rechnet der Vorstand nicht, weshalb er vor wenigen Wochen den Bilanzwert seiner Übernahmen der vergangenen Jahre, den sogenannten Goodwill, korrigiert hatte. Einschließlich weiterer Wertminderungen beläuft sich die Sonderlast auf 2,5 Milliarden Euro, was dem Konzern im laufenden Jahr einen Verlust einbrockt. Gleichzeitig hat sich das Management von seinen Plänen für einen Börsengang von Vitesco verabschiedet und plant nun, die Sparte über ein Spin-off abzuspalten. Dabei bekommen Aktionäre von Conti zusätzlich zu ihren bisherigen Anteilen neue Papiere von Vitesco ins Depot gebucht. Viele Arbeitnehmervertreter sehen das kritisch. Anders als im ursprünglichen Börsenplan werde Conti nicht mehr an Vitesco beteiligt sein, was mehr Unsicherheit bedeute, heißt es.

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