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Continental-Aufsichtsratsvorsitz : Wolfgang Reitzle soll bei Conti Frieden stiften

Wolfgang Reitzle Bild: Frank Röth

Das Familienunternehmen Schaeffler hält 90 Prozent am Autozulieferer Continental. Doch die Unternehmenskulturen gelten als völlig zerstritten. Nun soll der schillernde Manager Wolfgang Reitzle als neuer Chef des Conti-Aufsichtsrats den Streit befrieden.

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          Wolfgang Reitzle soll die neu entstehende Autozuliefergruppe von Schaeffler und Continental AG befrieden. Der Vorstandsvorsitzende des Dax-Konzern Linde AG ist als Aufsichtsratsvorsitzender von Continental vorgesehen. Das teilte Continental am Mittwoch mit.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Der 60 Jahre alte Reitzle soll am 29. September auf einer Aufsichtsratssitzung des Hannoverschen Autozulieferers zum Vorsitzenden des Gremiums gewählt werden. Dazu wird er zuvor in den Aufsichtsrat bestellt. Der bisherige Vorsitzende und Berater der Schaeffler-Familie als Großaktionär von Conti, Rolf Koerfer, wird als normales Aufsichtsratsmitglied im Gremium bleiben. Tui-Chef Michael Frenzel wird aus dem Aufsichtsrat ausscheiden.

          Reitzle wird sein Mandat als Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Telekom und des Gabelstaplerherstellers Kion (früher Linde) niederlegen, um der anspruchsvollen und zeitraubenden Aufgabe als Schlichter im Konzern Conti/Schaeffler gerecht zu werden.

          Ein Neutraler soll den Vorsitz übernehmen

          Reitzle muss eine Basis für die Integration der mittlerweile völlig zerstrittenen Unternehmenskulturen zu finden. Denn in diesem Sommer ist es zu einem erbitterten Machtkampf zwischen der börsennotierten Continental und dem Familienunternehmen Schaeffler, die 90 Prozent der Aktien hält, gekommen. Auf der Strecke blieb Conti-Vorstandsvorsitzender Karl-Thomas Neumann, der zunehmend bei Schaeffler in Ungnade gefallen war und der gegen die Franken opponierte. Er wurde Mitte August durch den Schaeffler-Manager Elmar Degenhart ersetzt. Dessen Ernennung ist Bestandteil eines Kompromisses im Conti-Aufsichtsgremium. Im Gegenzug gibt Koerfer den Vorsitz im Kontrollgremium ab. Stattdessen soll ein Neutraler das Gremium leiten.

          Wolfgang Reitzle begann seine Karriere nach dem Maschinenbaustudium Mitte der 70er Jahre bei BMW und stieg dort rasant auf. Er galt Ende in den 90er Jahren als Kandidat für den Vorstandsvorsitz des Münchner Autobauers. Die Arbeitnehmerseite lehnte ihn jedoch ab und Reitzle wechselte zu Ford. Dort leitete er die Premiummarken Jaguar und Volvo. Im Mai 2002 wechselte Reitzle schließlich die Branche. Er machte den Wiesbadener Investitionsgüterkonzern Linde zum welweit führenden Anbieter von Industriegasen. Privat sorgte Reitzle immer wieder für Schlagzeilen. 2001 heiratete er die ZDF-Moderatorin Nina Ruge in der Toskana. In seiner Veröffentlichung „Luxus schafft Wohlstand“ argumentierte er, dass Luxus - anders als in früheren Zeiten - heute zum Motor des Fortschritts werden könne.

          Reitzle hat gute Beziehungen zu den Gläubigerbanken

          Reitzle wird nun offensichtlich zugetraut, eine Grundlage für die im kommenden Jahr zu erwartende Zusammenführung beider Unternehmen zu schaffen. Er gilt als Neutraler, der beide Unternehmensteile zusammenführen kann. Er kennt als früherer Manager von BMW und von der früheren Ford-Luxuswagengruppe Premier Automotive Group (Land Rover, Volvo, Jaguar, Aston Martin) alle Beteiligten - von Schaeffler bis zu Conti. Und er pflegt beste Beziehungen zu den Gläubigerbanken der hoch verschuldeten Unternehmen, allen voran der Commerzbank.

          Reitzle schaffte es, nach der Übernahme des britischen Konkurrenten BOC 2006 relativ laut- sowie reibungslos und schneller als geplant in den Linde-Konzern zu integrieren, obwohl zwei Unternehmenskulturen aufeinanderprallten und es sich zunächst um eine unfreundliche Übernahme handelte.

          Reitzle soll erst vor wenigen Wochen von der Familie Schaeffler angesprochen worden sein. Sein Name war schon Anfang August gehandelt worden. Da aber sei er noch nicht mit dem Thema befasst gewesen, hieß es. Zahlreiche Namen wurden als Aufsichtsratschef genannt. Die Gerüchte schossen so sehr in den Himmel, dass sogar der frühere Vorstandschef von BMW und Volkswagen, Bernd Pischetsrieder, genannt wurde. Ein Manager, der einem Autohersteller zuzuordnen ist, galt jedoch seit jeher als unwahrscheinlich, da die Autozulieferer mit allen Produzenten arbeiten müssen. Auch Helmut Panke, früher BMW-Chef, wurde ebenso als Name in die Runde geworfen wie Thyssen-Krupp-Vorstand Ulrich Middelmann. Schließlich wurde auch Hans-Olaf Henkel ins Gespräch gebracht, der bereits Conti-Aufseher ist. Doch bestimmte Kreise halten ihn wegen seiner Affinität zu Schaeffler als zu parteiisch.

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