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Computerindustrie : Chipproduzent NXP misslingt das Börsendebüt

Die NXP-Fabrik in Caen im Nordwesten Frankreichs Bild: picture-alliance/ dpa

Nach langer Zeit wagt sich ein Halbleiterhersteller an die Börse. Finanzinvestoren haben Aktien des niederländischen Unternehmens in New York plaziert. Sie mussten jedoch hohe Abstriche machen.

          Der Start von NXP Semiconductors an der New Yorker Börse war holperig. Die Erstnotiz an der Technologiebörse Nasdaq ließ am Freitag auf sich warten, fiel dann aber sogleich um knapp 1 Prozent unter Ausgabekurs. Und die Eigentümer mussten ihre Ansprüche zurückschrauben. Die Finanzinvestoren Kohlberg Kravis Roberts (KKR) und Bain Capital als Haupteigentümer der ehemaligen Philips-Gesellschaft NXP plazierten 34 Millionen Aktien oder 14 Prozent des Grundkapitals zum Ausgabepreis von nur 14 Dollar.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Das ist ein Drittel weniger, als mit der Preisspanne von 18 bis 21 Dollar geplant war. Statt der erhofften 714 Millionen Dollar fließen nur 476 Millionen Dollar zu, womit der Börsengang bislang aber einer der größten in diesem Jahr in Amerika ist.Im Frühjahr, als sich ein andauernder Aufschwung auf dem Halbleitermarkt abzeichnete, war sogar die Rede von einem gewünschten Erlös von 1 bis 1,1 Milliarden Dollar.

          Der mit Abstand größte Teil von rund 90 Prozent der Einnahmen aus dem Emissionserlös sollte für den Abbau der hohen Schulden an den niederländischen Halbleiterproduzenten weitergeleitet werden. Doch schon im Juli bezweifelten Experten mit der Bekanntgabe der Börsenabsichten den Erfolg eines so hohen Emissionspreises.

          Damit fällt auch der Verlust des Engagements der Finanzinvestoren höher aus. Sie hatten einmal durchschnittlich 25,10 Dollar je Aktie gezahlt. Im August 2006 erwarben KKR und Bain sowie die drei Finanzinvestoren Apax (Vereinigte Staaten), Silverlake (Großbritannien) und Alpinvest (Niederlande) 80,1 Prozent an der ehemaligen Halbleitersparte des Philips-Konzerns. Zusätzlich zum gezahlten Kaufpreis von 3,45 Milliarden Euro übernahmen sie 4 Milliarden Euro Finanzverbindlichkeiten.

          Verkaufssperre für sechs Monate

          Philips hatte das 2007 in NXP Semiconductors umbenannte Unternehmen zu einem denkbar günstigen Zeitpunkt inmitten einer Aufschwungsphase auf dem Chipmarkt verkauft und nahm insgesamt 6,4 Milliarden Euro ein. Noch heute ist der niederländische Konzern mit 19,9 Prozent an NXP beteiligt. Mit dem Börsengang gibt es nun eine Verkaufssperre für sechs Monate. Selbst dann bleibt unklar, wann Philips einmal komplett aussteigen will. Zum Zeitpunkt des Verkaufs erzielte die Chipsparte 4,6 Milliarden Euro Umsatz und ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern von 307 Millionen Euro.

          Davon ist NXP derzeit weit entfernt. Ein Jahr nach dem Kauf begann im Sommer 2007 der erste Teil der Finanzkrise. Seitdem das Unternehmen im Mehrheitseigentum der Finanzinvestoren ist, haben sich Verluste von schätzungsweise 5,5 Milliarden Dollar oder umgerechnet 4 Milliarden Euro angehäuft. Im Geschäftsjahr 2009 machte NXP unter anderem wegen Ausgliederungen nur noch einen Umsatz von 3,8 Milliarden Dollar und musste einen Nettoverlust von 161 Millionen Dollar hinnehmen. Ein Jahr zuvor erreichte der Umsatz noch 5,4 Milliarden Dollar und der Nettoverlust immerhin 3,6 Milliarden Dollar.

          Die Ausstiegspläne von KKR, Bain und Co. verflüchtigten sich ziemlich schnell. Das Unternehmen musste umstrukturiert werden. Von den einst 37.000 Mitarbeitern sind heute 28 000 Beschäftigte übriggeblieben, davon 1800 in Deutschland an den Standorten Hamburg, Dresden, München und Stuttgart. Mit Rick Clemmer kam Anfang 2009 ein neuer Vorstandsvorsitzender. Der Vorgänger Frans van Houten ist zu Philips zurückgekehrt und soll Nachfolger des Vorstandsvorsitzenden Gerard Kleisterlee werden.

          Milliardenschwere Schuldenlast

          Noch immer drückt NXP eine Schuldenlast von 5,06 Milliarden Dollar zum Ende Juni gegenüber 5,18 Milliarden Dollar Ende März. Im Vergleich zu Wettbewerbern ist das Wachstum im zweiten Quartal 2010 mit plus 3 Prozent auf 1,2 Milliarden Dollar moderat ausgefallen, das operative Ergebnis soll 87 bis 93 Millionen Dollar erreichen.

          In NXP kommt nach vielen Jahren wieder ein Halbleiterunternehmen an die Börse. Allerdings sind die früheren Börsengänge alles andere als erfolgreich gewesen. Die Geschichte der vor zehn Jahren an die Börse gegangenen ehemaligen Siemens-Halbleitergesellschaft Infineon war meist mit negativen Schlagzeilen verbunden. Deren Tochtergesellschaft Qimonda war ebenfalls börsennotiert. Sie ging im vergangenen Jahr unter, womit eine geplante breite Plazierung gescheitert war.

          Nicht viel anders sah es in den Vereinigten Staaten aus. Das Börsendasein von Freescale, der ausgegliederten Chipsparte des amerikanischen Mobilfunkunternehmens von Motorola, war 2006 nur kurz und wurde von einem Investorenkonsortium übernommen. Die 2005 an die Börse gegangene Spansion, die von der Advanced Micro Devices (AMD) abgespalten wurde, ist seit ihrer Höchstnotierung von 18 Dollar im Jahr 2006 nun zum Pennystock geworden.

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