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F.A.Z. exklusiv : „Es gibt in der Commerzbank einen geordneten Prozess“

Martin Zielke (l), Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, und Stefan Schmittmann, Aufsichtsratsvorsitzender, im Mai 2019 Bild: dpa

Aufsichtsratschef Schmittmann beruhigt die Commerzbank-Mitarbeiter: Die Bank sei nicht führungslos. Doch ein neuer Aufsichtsratsvorsitzender ist noch nicht in Sicht, im Gegenteil. Der heißeste Kandidat steht wohl nicht zur Verfügung.

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          Der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende Stefan Schmittmann ist dem Eindruck entgegen getreten, die Commerzbank sei nach den angekündigten Rücktritten von ihm und dem Vorstandsvorsitzenden Martin Zielke nun führungslos. „Machen Sie sich keine Sorgen, es gibt hier einen geordneten Prozess“, schrieb Schmittmann an die Mitarbeiter. Auf die Frage, wer die Bank jetzt eigentlich führe, sagte Schmittmann: „Ich werde meine Aufgaben die nächsten vier Wochen wahrnehmen.“ Auch Zielke habe ja angeboten, falls vom Aufsichtsrat gewünscht, noch bis Jahresende zur Verfügung zu stehen, beruhigte der Aufsichtsratsvorsitzende die Mitarbeiter.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In einer Art Interview im Intranet der Commerzbank, das der F.A.Z. am Sonntag vorlag, erläutert der Aufsichtsratsvorsitzende das weitere Vorgehen. Da Schmittmann am Freitag angekündigt hat, zum 3. August aus dem Aufsichtsrat auszuscheiden, muss für ihn nun auf Vorschlag von Aktionären oder des Vorstandes ein neues Aufsichtsratsmitglied per Gericht nachbestellt werden. „Wenn dieses neue Mitglied bestellt ist, dann wird der komplette Aufsichtsrat aus seiner Mitte einen neuen Vorsitzenden wählen“, sagte Schmittmann. Dazu könnte es nach Informationen der F.A.Z. schon am 8. Juli kommen.

          Ein Sitz für Cerberus?

          Wer dieses neue Aufsichtsratsmitglied wird, scheint offen. „Das Werben dazu hat gerade erst begonnen“, hieß es am Sonntag in Kreisen des Aufsichtsrats. Es liegt allerdings nahe, dass der Finanzinvestor Cerberus einen Sitz erhält. Der zweitgrößte Aktionär hatte mit seinen Vorwürfen zwar nicht im Ton, aber in der Sache dem Vernehmen nach viel Unterstützung von anderen Aktionären erhalten – bis hin zum Bund, der mit 15,6 Prozent größter Aktionär ist. Cerberus hatte in zwei Briefen im Juni dem Commerzbank-Vorstand vorgeworfen, zu sehr auf Wachstum und zu wenig auf Kostensenkungen zu setzen und alle vom damals neuen Vorstandsvorsitzenden Martin Zielke im Jahr 2016 ausgegebenen Ziele verfehlt zu haben.

          Auf die Frage im Intranet, ob sogar der neue Aufsichtsratschef von Cerberus bestellt werden könnte, sagte Schmittmann. „Wer zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt wird, ist völlig offen. Nicht die Aktionäre bestimmen den neuen Vorsitzenden, sondern das Gremium wählt aus seiner Mitte einen neuen Vorsitzenden.“

          Dass jedoch das neue, noch nicht gefundene Aufsichtsratsmitglied auch idealerweise sofort den Vorsitz übernimmt, erscheint nicht abwegig. Denn unter den aktuellen Mitgliedern drängt sich nur Nicholas Teller, ein früherer Commerzbank-Vorstand, auf. Teller steht aber nach Informationen der F.A.Z. bisher nicht zur Verfügung.

          Der Bund mischt sich ein

          Bleiben die beiden Aufsichtsratsmitglieder des Bundes, Jutta Dönges und Frank Czichowski, die er erst im Mai neu in den Aufsichtsrat entsandt hat. Mit dem Austausch seiner Aufsichtsräte hatte der Bund gezeigt, dass er die Kontrolle des Vorstandes ernster nehmen will. Zuvor hatte er Rat von einer Unternehmensberatung eingeholt, welche Strategie die Commerzbank einschlagen sollte. Mit der Übernahme des Aufsichtsratsvorsitzes würde der Bund seine seit dem Einstieg in die Commerzbank im Winter 2008/2009 gepflegte offizielle Nicht-Einmischung in die Geschäftspolitik vollends aufgeben.

          Schmittmann bestreitet, der Bund oder Cerberus hätten ihn zum Rückzug gedrängt. Vielmehr übernehme auch er die Verantwortung dafür, dass die im September 2019 weiterentwickelte Strategie der Commerzbank mit ihren als enttäuschend wahrgenommenen niedrigen Gewinnzielen nicht überzeugt hat. „Es ist doch vollkommen klar, dass die Strategie Commerzbank 5.0 als nicht ambitioniert genug wahrgenommen wurde. Sie hat definitiv keine ausreichende Akzeptanz im Kapitalmarkt gefunden. Das zeigt der Aktienkurs. Und dafür übernehmen Martin Zielke und ich die Verantwortung“, sagt Schmittmann.

          Wenn der Trainer geht

          Er vergleicht seine Rolle mit der eines Vereinspräsidenten und die von Zielke mit der eines Trainers. Zielke sei zu ihm gekommen, um eine einvernehmliche Aufhebung seines noch drei Jahre laufenden Vertrags anzubieten, weil ihm der Kapitalmarkt nicht die Zeit für eine als strategischen Neuanfang empfundene tiefgreifende Transformation der Commerzbank gebe.

          Daraufhin sei er sehr nachdenklich geworden: „Wenn der Trainer der Mannschaft wechselt, dann muss man sich auch als ,Vereinspräsident’ die Frage stellen: Trifft diese Einschätzung auch auf mich zu?“, sagte Schmittmann im Intranet und fügt hinzu: „Jetzt kann man es sich leicht machen und sagen, es reicht der Trainerwechsel. Ich bin für mich aber zu dem Schluss gekommen, dass auch ich hier in der Verantwortung stehe und sie auch übernehmen sollte. Die Bank, das Vorstandsteam und die Mitarbeiter leisten hier gute Arbeit, und das sollte nicht überlagert werden von immer wieder aufflammenden Personaldebatten oder Diskussionen.“

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