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Grüne Technologie : Kühlschränke gegen Klimawandel

Sparpotential: Offene Kühltheke in einem Sainsbury’s-Supermarkt Bild: AFP

Technologie und Digitalisierung können den CO2-Ausstoß senken. Doch vieles geht noch viel zu langsam.

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          Die exakte Anzahl aller Kühlschränke auf der Welt ist nicht bekannt. Aber es sind eine ganze Menge. Sie verbrauchen Strom, und ihr CO2-Ausstoß belastet das Klima. Ließe sich die Effizienz der Geräte verbessern, wäre das ein gewaltiger Hebel im Kampf gegen die Erderwärmung. Der deutsche Technologiekonzern Siemens hat sich deshalb die offenen Kühlschränke einer britischen Supermarktkette vorgenommen. In Großbritannien stehen diese Geräte laut Siemens für immerhin ein Prozent des gesamten Stromverbrauchs. „Mit unseren digitalen Technologien wurde ein Hochleistungsluftflügel entwickelt, der den Kältevorhang steuert und die Kälte im Kühlschrank hält“, sagt Siemens -Vorstand Cedrik Neike der F.A.Z. 5000 Geschäfte in Großbritannien seien mittlerweile schon umgerüstet. Dadurch würden im Jahr rund 1,2 Terawattstunden Energie eingespart und 300.000 Tonnen CO2 vermieden. Würde man alle Supermarktkühlschränke im Vereinigten Königreich umstellen, könnte man laut Siemens mit den Einsparungen bis zu 800.000 Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          „Technologie kann einen riesigen Beitrag zum Klimaschutz leisten“, sagt Neike, der das Geschäft mit Industriekunden verantwortet. Immer mehr Unternehmen suchten nach technischen Lösungen, um ihren CO2-Fußabdruck zu senken. Häufig geschehe dies mit einem „digitalen Zwilling“, also der Entwicklung des Produktes in der digitalen Welt, das alle Eigenschaften simulieren kann. Siemens geht auch in eigener Sache so vor: Die Siemensstadt in Berlin, ein gewaltiges Bauprojekt, entsteht zunächst komplett im „Metaversum“, wie es neuerdings heißt. So verhindere man ineffiziente Fehlplanungen, erklärt Neike. Der digitale Zwilling ist keine neue Idee, die deutsche Industrie war auf diesem Gebiet früh dran. Doch nun muss laut Neike der nächste Schritt folgen. „Wir brauchen Transparenz und Vergleichbarkeit beim CO2-Fußabdruck von Produkten und Zusammenarbeit zur Verfolgbarkeit in der Wertschöpfungskette“, sagt der Manager während des Weltwirtschaftsforums in Davos. In den Schweizer Bergen will er in verschiedenen Gesprächsrunden darauf hinarbeiten.

          In diesem Jahr ist der Krieg in der Ukraine zwar das beherrschende Thema in Davos und hat einige andere Themen in der öffentlichen Wahrnehmung in die zweite Reihe gedrängt. Dazu gehört auch der Kampf gegen den Klimawandel, zumal die schwedische Aktivistin Greta Thunberg in diesem Jahr dem Anliegen kein Gesicht verleiht. Zum Glück, sagt ein Teilnehmer, dann könne man endlich sachlich über Inhalte reden. Der Hoffnungsträger solcher Runden heißt Greentech. Gemeint ist der Einsatz von Technologie gegen den Klimawandel.

          Eine Portion Mut ist gefragt

          Jean-Pascal Tricoire ist bei diesem Thema in seinem Element. Als Vorstandschef des französischen Siemens-Wettbewerbers Schneider Electric hat er seinen Konzern erfolgreich auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, was allgemein anerkannt wird. Auch er sieht Effizienzsteigerungen als Erfolg versprechenden Weg zur Klimarettung. Allerdings nimmt er seinen eigenen Berufsstand in die Pflicht: „Seine IT-Kosten kennt ein Vorstandschef in der Regel sehr genau, aber die Energiekosten kennt kaum jemand“, moniert der Franzose während einer Diskussionsrunde des Weltwirtschaftsforums. In seinem Konzern setze er voll auf Vernetzung und Datentransparenz, wodurch enorme Sparpotentiale sichtbar würden. Im nächsten Schritt müsse nun die Kooperation über Unternehmensgrenzen hinweg kommen, weshalb Tricoire seine Datenplattformen auch für Dritte öffnen will.

          Aus diesem Ansatz will Christian Klein gerade ein Geschäftsmodell machen. Als Vorstandschef des Softwarekonzerns SAP steht er im Kontakt mit einem riesigen Kundennetzwerk. Klein will sie untereinander verknüpfen und nach übergreifenden Lösungen für ganze Branchen suchen. „Das Problem ist zu groß für einen allein“, sagt der Manager, die Aufgabe müsse man als Teamsport verstehen. Denn nur 20 Prozent des CO2-Ausstoßes fielen im Durchschnitt direkt im Unternehmen an, die restlichen 80 Prozent in der Lieferkette. Mit der Datenaustausch-Plattform Catena-X, auf der Schwergewichte der Industrie von der Deutschen Telekom über Siemens bis zu Bosch vertreten sind, habe man für die Autoindustrie schon das richtige Vehikel gefunden, sagt Klein. Selbst die großen Hersteller BMW, Daimler und der Volkswagenkonzern machen mit. Ziel sei es, einen ökologischen Fußabdruck über die gesamte Wertschöpfungskette zu liefern. Mit dem Sportschuhhersteller Allbirds kann SAP auf ein Referenzprojekt verweisen. Kunden können auf der Packung nachlesen, wie nachhaltig die Sneaker produziert werden. Möglich macht das die Software von SAP, die alle Informationen aus der Lieferkette verknüpft. Die höheren Preise für diesen Service akzeptieren die Verbraucher. Künftig, davon ist Klein überzeugt, werde dies zum Standard werden.

          Der Einsatz neuer Technologien ist häufig mit hohen Kosten verbunden, die sich meist erst deutlich später rechnen – wenn überhaupt. Das gilt besonders für Infrastrukturprojekte. „Aber ohne moderne Infrastruktur keine Digitalisierung“, sagt José Álvarez-Pallete, Vorstandschef von Telefónica und erinnert sich, dass der Kapitalmarkt nicht von jeder Investition begeistert gewesen sei. Heute könne jedoch ein modernes 5G-Telefonnetz mit 20 Prozent des Energieverbrauchs betrieben werden, der für ein 4G-Netz anfällt. Aus Sicht von SAP-Chef Klein stünden Manager bei grünen Investitionen häufig vor der Frage, ob sie dafür der Kapitalmarkt abstraft. Er warte noch immer auf die Schlagzeile: „Die Marge ist zwar unter Druck, aber schön, dass die Datencenter von SAP jetzt mit grünem Strom betrieben werden.“

          Es brauche eine Portion Mut, solche Investitionsentscheidungen dennoch zu fällen. Auch Álvarez hält solche Schritte angesichts der Dringlichkeit des Klimawandels für unabdingbar. „Wir sehen alle die Botschaft an der Wand – wir denken aber, dass sie für jemand anderen ist.“

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