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Christine Hohmann-Dennhardt : Eine wirtschaftsferne Juristin für Daimler

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Sie gilt als streng, kühl, kompetent und fleißig: Christine Hohmann-Dennhardt Bild: dpa

Sie ist ehemalige Verfassungsrichterin, linke Sozialdemokratin und nicht gerade wirtschaftsnah. Dennoch hat der Daimler-Konzern Christine Hohmann-Dennhardt in den Vorstand befördert. Nicht nur mit Blick auf die Frauenquoten-Debatte eine ungewöhnliche Wahl.

          Frauen sind in Vorstandsetagen noch immer ziemliche Exoten, wie derzeit heftig beklagt wird. Doch der Einstieg von Christine Hohmann-Dennhardt in die Führungsriege des Autobauers Daimler ist noch aus anderen Gründen ungewöhnlich: Dass ein bisheriger Bundesverfassungsrichter in die oberste Etage eines Dax-Konzerns einzieht, hat es noch nie gegeben. Und Sozialdemokraten vom linken Flügel ihrer Partei finden sich ebenfalls ausgesprochen selten in der Machtzentrale eines Großkonzerns.

          Mit der Berufung Hohmann-Dennhardts auf den neuen Vorstandsposten für Recht und Integrität hat sich der Aufsichtsrat des Stuttgarter Autobauers also eine Personalentscheidung vorgenommen, mit der wohl niemand gerechnet hatte – und die für das Unternehmen nicht frei ist von Unwägbarkeiten. Eine Spezialistin für Wirtschaftsrecht ist die 60 Jahre alte Juristin jedenfalls ganz und gar nicht: Am Verfassungsgericht war sie vor allem für Familienrecht zuständig. Noch kurz vor dem Schluss ihrer Amtszeit hat sie im Ersten Senat maßgeblich dazu beigetragen, die Rechte von Transsexuellen zu stärken.

          Als „linke Reformerin“ trat sie für die Freigabe weicher Drogen ein

          Ihre Laufbahn begann die gebürtige Leipzigerin und Tochter eines Maurermeisters als Sozialrichterin in Hessen. Nach einer Zwischenstation als Sozialdezernentin von Frankfurt ernannte Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) Hohmann-Dennhardt im Jahr 1991 zur Justizministerin; nach den Landtagswahlen von 1995 musste sie den Grünen Platz machen und wechselte ins Kunst- und Wissenschaftsressort. Vier Jahre später folgte der Sprung nach Karlsruhe. Dort blieb sie ihrer Linie als „linke Reformerin“ treu: Als Ministerin war sie für die Freigabe weicher Drogen eingetreten. Am höchsten Gericht ging sie dann noch über den Entscheid ihrer Kollegen hinaus, die das Abhören von Schwerkriminellen in Wohnräumen durch strenge Auflagen fast unmöglich machten – zusammen mit der später an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewechselten Renate Jaeger stritt sie in einem Minderheitenvotum für ein vollständiges Verbot des sogenannten Lauschangriffs.

          Für Unternehmen, die wie Daimler wegen Schmiergeldzahlungen und mutmaßlicher Kartellabsprachen von deutschen und amerikanischen Justizbehörden aufs Korn genommen wurden, ist die Einrichtung eines Postens für die Durchsetzung von Regeltreue (Compliance) mehr als ein Modethema. Mit Hohmann-Dennhardt hat der Automobilkonzern für dieses nun auf die Vorstandsebene beförderte Amt jedenfalls eine unbestechliche Paragraphenkennerin ausgesucht.

          Streng, kühl und stets elegant

          Streng und kühl wirkt die stets elegant gekleidete Juristin mit pechschwarzen Haaren auf Außenstehende. Aber sie gilt in Karlsruhe zugleich – was auch dort keineswegs selbstverständlich ist – als kompetent und fleißig. Wegen ihres unermüdlichen Eintretens für die Bürgerrechte wird sie jedoch wohl kaum das Schicksal des ehemaligen Compliance-Beauftragten der Deutschen Bahn, Wolfgang Schaupensteiner, ereilen: Der ehemalige Staatsanwalt aus Frankfurt hatte in dem Unternehmen so gründlich nach Indizien für Korruption geforscht, dass er wegen diverser „Datenschutzskandale“ den Hut nehmen musste.

          Die verheiratete Mutter zweier Kinder kann sich aber nicht nur für Grundrechte und Paragraphen begeistern. So hat sie CDs der Sängerin Carla Bruni schon aufgelegt, als das frühere Fotomodell aus Italien noch lange nicht mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy verheiratet war. Bundespräsident Christian Wulff wird Hohmann-Dennhardt heute die Entlassungsurkunde in die Hand drücken. Dann ist der Weg frei für den Stuttgarter Aufsichtsrat, sie ins künftige Amt zu holen – in einem Alter, in dem Vorstände meist in den Ruhestand treten.

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