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Volkswagen-Konzern am Boden : Jetzt bei VW einsteigen?

TCI hat für seine Milliarden jetzt Vorzugsaktien gekauft, das heißt Papiere ohne Stimmrecht. Hohns Leute können auf der Hauptversammlung Rabatz machen, abstimmen dürfen sie nicht. Die Mehrheiten sind klar. Undenkbar, dass die Porsche/Piëch-Familie auch nur ein Scheibchen von ihren 51 Prozent verkauft. Schon gar nicht wird das Land Niedersachsen auf die Idee kommen, die 20 Prozent abzustoßen, sichert doch dieser Anteil jedem Ministerpräsidenten in Hannover wirtschaftlichen Einfluss und bundesweites Gehör. Und dass das VW-Gesetz fällt, wie TCI fordert, glaubt auch niemand. Gegen dieses Überbleibsel des Staatskapitalismus, das VW gegen alle Eindringlinge schützt, sind schon andere angerannt, ob aus Brüssel oder aus Zuffenhausen. Wendelin Wiedeking, der damalige Porsche-Chef, war sich sicher, bei seinem Angriff auf Wolfsburg 2008/2009 die Bastion zu schleifen. Doch er hatte keine Chance: Angela Merkel persönlich hat damals interveniert. Das VW-Gesetz blieb unangetastet.

Noch ist der Skandal nicht ausgestanden

Wer auf die große Revolution in Wolfsburg hofft, zumindest auf eine baldige Liberalisierung spekuliert, sollte sich darum zweimal überlegen, ob er VW-Aktien kauft. Spannend ist die Vorzugsaktie aus einem anderen, profaneren Grund: Die Börse hat den Konzern für die Diesel-Schurkereien so böse abgestraft, dass womöglich der Boden erreicht ist, zumindest glaubt das eine zunehmende Zahl von Profis. Der Konzern hat fast die Hälfte seines Börsenwerts verloren, ist 53,9 Milliarden Euro weniger wert als zu der Zeit, als von der kriminellen Energie der VW-Ingenieure noch nicht die Rede war und die Aktie auf einem Rekordwert notierte. Das ist noch gar nicht so lange her, es war im März 2015.

Noch ist der Skandal nicht ausgestanden, längst nicht alle Finanzfachleute sind von VW überzeugt – die Analystengemeinde ist gespalten. Massenhaft Autos sind noch zurückzurufen, die Schuldigen sind zu bestrafen, die Leidtragenden zu entschädigen. 16 Milliarden Euro hat VW dafür zurückgestellt. Der finanzielle Schaden sei eingepreist, sagen nun die Optimisten an der Börse, der Konzern steht das durch. Schließlich ist er noch immer einer der größten Autohersteller der Welt, Kopf an Kopf mit Toyota.

Sehr vieles spricht für die Aktie

Außerdem: Ein Golf bleibt ein Golf. Und wenn’s den Wagen für die Hälfte gibt, wer wäre da so dumm, nicht zuzugreifen? Warum sollte das bei der Aktie anders sein? So reden all jene, die glauben, VW hat das Gröbste hinter sich, die Lage lichtet sich, der Konzern ist finanziell robust. Wer im Vertrauen darauf, dass die Firma den Dieselskandal überlebt, im Herbst VW-Anleihen gekauft hat, hat jedenfalls hübsch verdient. An Liquidität ist kein Mangel. Eben hat der Konzern wieder neue Anleihen ausgegeben. „Der Markt lechzt nach den VW-Papieren“, sagt ein Investmentbanker.

Und falls es ganz dick kommt, hat VW Vermögen, das zu Geld zu machen wäre. Ein Verkauf einzelner Automarken wie Audi oder Škoda mag unwahrscheinlich sein, eine Trennung von den Ducati-Motorrädern wäre schon einfacher. Und für die Lkw-Sparte spielen Investmentbanken einen Börsengang bereits durch. Die Voraussetzungen dafür schafft der Konzern, indem er den Trucks mehr Eigenständigkeit erlaubt, im Notfall sind so Milliarden zu mobilisieren. Nur wird das heute niemand offiziell sagen, schließlich wecken solche Szenarien die Begehrlichkeiten der amerikanischen Behörden, mit denen im Dieselskandal die Strafen verhandelt werden.

All dies spricht für die Aktie. So gewinnt Chris Hohn womöglich auch ohne siegreiche Rebellion. Mag sein, dass TCI nur ein Trittbrettfahrer ist, der die Erholung der VW-Aktie zusätzlich befeuert – und wieder aussteigt, sobald die Rendite eingefahren ist. Was soll daran schlimm sein? So hat es Hohn schon oft gemacht, etwa unlängst bei Airbus oder vor vielen Jahren bei der Deutschen Börse. Wer mitgemacht hat, wurde ebenfalls belohnt – mit steigenden Kursen.

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