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Chipindustrie : „Hier herrscht Eiszeit“

Der 300-Millimeter-Wafer von AMD Bild: dpa

Die Finanzmarktkrise hat die Chipindustrie erreicht. Die Lage ist gespannt, die Aussicht schlecht. Nur bei AMD nicht: Waleed Al Mokarrab Al Muhairi, Chef der Investitionsgesellschaft ATIC, ist mit einer halben Milliarde Euro bei dem Prozessorenhersteller eingestiegen.

          Große Krise, große Chance: Waleed Al Mokarrab Al Muhairi lässt sich nicht beirren - nicht durch das Beben an den Börsen, nicht durch Rezessions- und nicht durch Deflationsgefahren. Während die Chipindustrie auf die größte Krise ihrer Geschichte zusteuert, Taiwans Powerchip die Kapitalausgaben kürzt, Japans Elpida im Minus steckt, Europas NXP und Qimonda Tausende Stellen streichen, legt der Chef der Investitionsgesellschaft ATIC aus dem Golfemirat Abu Dhabi ein halbe Milliarde Euro auf den Tisch. Er steigt beim defizitären Prozessorenhersteller AMD zum Großaktionär auf, hält nun 5 Milliarden Euro für dessen Umbau bereit und treibt die Aufspaltung des Konzerns in ein Entwicklungs- und ein Produktionshaus voran.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein Ende ist nicht in Sicht

          AMD ist erst der Anfang. „Diese Krise wird die Branche verändern“, meint Jen-Hsun Huang, Chef des kalifornischen Grafikchipherstellers Nvidia. Nach seinen Worten hat das traditionelle Geschäftsmodell der 300-Milliarden-Dollar-Industrie ausgedient. Kaum ein Anbieter wird es sich noch leisten können, von der Entwicklung bis zur Fertigung eines Chips alles aus einer Hand anzubieten. „Das ist einfach zu teuer“, meint er. Spezialisierung und Arbeitsteilung seien das Gebot der Stunde. AMD beschreite nun jenen Weg, den Nvidia mit seiner Gründung Anfang der neunziger Jahre als reine Chip-Design-Firma gegangen war.

          Andere werden folgen, und deren Reihe ist lang: Gerade kappte NEC Electronics die Gewinnprognose. Der Waferhersteller Sumco sah das Geschäft im September kollabieren. Texas Instruments muss die Kosten senken. Selbst die gewinnreichen Branchenführer Intel, TSMC und Samsung sind vorsichtig. Die Krise an den Finanzmärkten hat die Halbleiterindustrie erreicht. „Hier herrscht Eiszeit“, erklärte Brian Shieh, Präsident von Powerchip. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die großen Analystenhäuser korrigieren ihre Prognosen nach unten. Nach Angaben des Branchenverbandes ZVEI gingen die Umsätze der deutschen Branche allein von August zu September um fast 14 Prozent zurück.

          Dichte hat ihren Preis

          Die deutschen Infineon und Qimonda arbeiten schon seit Jahren mit Verlust. Ein Umbauprogramm folgt dem nächsten. Erfolge sind Fehlanzeige. Dabei war nach Informationen dieser Zeitung Infineon schon vor Wochen ein Plan präsentiert worden, Chipwerke auszugründen, an einen ausländischen Auftragsfertiger zu verkaufen, um sich auf gewinnversprechende Entwicklungsarbeit zu konzentrieren. Eine Antwort blieben die Münchner schuldig. Ein Sprecher dementierte eine Anfrage.

          Doch die Deutschen müssen reagieren. Angesichts der Lage auf den Märkten suchen die ersten Konkurrenten ihr Heil in Fusionen. So verschmelzen die europäischen Hersteller ST Microelectronics und Ericsson gerade ihre Geschäfte mit Mobilfunkchips. Toshiba übernimmt Teile der Halbleitersparte von Sony. Unter dem Dach von IBM schlossen sich acht Hersteller zu einer Allianz zusammen, um Forschungsergebnisse und Entwicklungskosten zu teilen.

          Werden doch die Steuer- und Speicherbausteine, ohne die kein Computer, kein Handy, kein Auto mehr funktionieren, kleiner und feiner, die Werke zur Produktion komplexer und teurer. Ein fingernagelgroßer Chip ist heute mit Hunderten von Millionen Transistoren bestückt, vor 40 Jahren waren es 3000. Diese Dichte hat ihren Preis. Nach Angaben von IC Insights beliefen sich die Kosten für eine Fabrik Anfang der siebziger Jahre auf 6 Millionen Dollar; heute sind es 4, bald werden es 5 Milliarden Dollar sein. Das wird bis auf das Branchentriumvirat kein Anbieter mehr aus eigener Kraft zahlen können - und selbst Intel, TSMC und Samsung machen bei der Entwicklung neuer Chipfabriken gemeinsame Sache.

          Zuversicht auf bessere Tage

          Während Intel das vergangene Quartal mit einer Gewinnsteigerung abschloss, verwies Vorstandschef Paul Otellini auf „den anstehenden Stress durch die Krise an den Finanzmärkten“. Samsung hat bereits stressreiche Wochen hinter sich. Der weltgrößte Hersteller von Speicherchips verzeichnete im dritten Quartal einen Rückgang des Betriebsgewinns um zwei Drittel. Der Versuch, den Bereich Flash-Speicher zu stärken, schlug fehl. Die amerikanische San Disk lehnte ein 4,5 Milliarden Euro hohes Angebot zur Übernahme ab, verkaufte Teile seiner Produktion an Toshiba. Doch auch die Japaner tun sich schwer. „Die Preise im Speichergeschäft erodieren“, erklärte Präsident Atsutoshi Nishida. Für die nächsten zwei Jahre sei die Branche unter Wasser, erwartet Paul O'Donovan vom Analystenhaus Gartner. „So hält schon heute jeder den Atem an.“

          Jeder? Nicht ganz, denn der sich aus den sprudelnden Öleinnahmen speisende Investmentfonds ATIC aus Abu Dhabi holte mit der milliardenschweren Investition in den Prozessorenhersteller AMD tief Luft und schaffte den langersehnten Einzug in die Hochtechnologie. Nun peilt der Fonds nach den Worten seines Chefs Al Mokarrab über die kommenden zwei Jahrzehnte den Technologietransfer von West nach Ost an. Ziel sei es, mit Hilfe von AMD ein arabisches Hochtechnologiezentrum aufzubauen. Je schwerer die Krise, desto höher die Chance; Al Mokarrab hält auch in der Eiszeit der Branche an seiner Zuversicht auf bessere Tage fest.

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