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Automobilindustrie : Volkswagen wagt sich an das Billigauto

  • -Aktualisiert am

Vorbild für Volkswagen? Der Tata Nano – hier eine Fabrik des indischen Herstellers in der Provinz Gujarat – ist zwar billig zu haben, leidet aber unter Imageproblemen Bild: Foto Corbis

Der Markt für günstige Autos wächst. Nun will auch VW mitmischen. Die 13. Marke des Konzerns soll in China vom Band laufen. Aber kann VW überhaupt billig?

          5 Min.

          „Die letzten Schritte sind die schwersten“, sagte Martin Winterkorn, als er vor gut einer Woche auf der Bilanzpressekonferenz der Volkswagen AG nach dem „Budget Car“ gefragt wurde. So nennt VW das Billigauto, an dem Europas Branchenprimus nun schon seit eineinhalb Jahren herumbastelt. Es ist ein ebenso interessantes wie gefährliches Projekt. Interessant deshalb, weil der Markt für Automobile in der Preisklasse unterhalb von 8.000 Euro seit Jahren wächst und inzwischen rund 11 Prozent des Gesamtmarktes ausmacht. Gefährlich, weil man die Produktionskosten auf ein bisher unerreicht niedriges Niveau senken muss, um mit so einem fahrenden Billigheimer überhaupt Geld zu verdienen. Kein leichtes Unterfangen für den qualitäts- und standesbewussten Wolfsburger Konzern, zu dem neben VW, Škoda und Audi auch Edelmarken wie Bentley, Lamborghini und Porsche gehören.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Angesichts der komplizierten Kostenkalkulation schlug Winterkorns ursprünglicher Plan, bis Ende 2013 über den Bau des Billigautos zu entscheiden, fehl. Doch inzwischen hat die zuständige Projektgruppe unter Leitung des früheren Opel-Chefs Hans Demant so gute Fortschritte gemacht, dass der Freigabe nichts mehr im Wege steht. Im Verlauf der nächsten acht Wochen, so wurde in Konzernkreisen bestätigt, will der Vorstand grünes Licht geben. Bis zum Plazet des Aufsichtsrats kann es noch etwas länger dauern.

          VW folgt mit seinen Plänen für ein Billigauto in gewisser Weise dem Vorbild des Rivalen Renault. Denn die derzeit erfolgreichste und am meisten verkaufte Billigautomarke der Welt ist der zum Renault-Konzern gehörende rumänische Hersteller Dacia. Allein im Januar und Februar 2014 hat Dacia in Europa 36 Prozent mehr Autos verkauft als im gleichen Zeitraum des Vorjahres – knapp 56.000 Stück. Auf der Fahrzeugarchitektur namens „M0“, die das Grundgerüst für Autos im Einstiegssegment liefert, basieren bei Renault und Dacia jedes Jahr insgesamt rund 1,1 Millionen Autos.

          In Deutschland oder Westeuropa ist er nicht zu haben

          Hinzu kommen noch diverse Modelle der russischen Renault-Marke Lada. Das am meisten verkaufte Modell der gesamten Renault-Gruppe ist der Geländewagen Duster, der sowohl unter der Marke Dacia als auch unter der Marke Renault verkauft wird und rund ein Drittel weniger kostet als vergleichbare Wagen der Wettbewerber. Was den Erfolg von Dacia als Billigmarke ausmacht, ist die raffinierte Kostenkontrolle – in der Konzeption, der Produktion und der Vermarktung. Ein Beispiel aus der Modellentwicklung: Die Knöpfe für die Fensterheber in vielen Autos der Marke Dacia werden nicht an der Seite an den Türen angebracht, sondern in der Mitte unter dem Radio. Dieser kleine Kniff kommt billiger, weil dann die zentralen Kabelstränge benutzt werden können statt einer aufwendigen Extraverkabelung. „Es geht darum zu sparen, ohne dass der Nutzen des Kunden eingeschränkt würde“, sagt ein Renault-Manager. Auch in der Produktion wird streng auf die Kosten geachtet: Die Fabriken von Dacia befinden sich allesamt in Billiglohnländern und damit zugleich nahe an den Absatzmärkten für die Autos: in Rumänien in der Region mit dem schönen Namen Walachei sowie in Marokko, Russland, Indien und Iran.

          Auch die Kosten für die Vermarktung werden auf clevere Art und Weise im Zaum gehalten. Die Dacia-Händler verdienen zwar nur 5 Prozent Marge, dürfen diese aber im Unterschied zu Händlern anderer Marken komplett behalten. Außerdem produziert Dacia stets nur so viele Autos wie bestellt werden und muss deshalb nie eine Überproduktion mit Hilfe von Rabatten in den Markt drücken. Zudem wird nach der Einführungsphase eines Modells auf teure Werbung im Fernsehen und anderen Medien verzichtet.

          Einen wichtigen Unterschied zwischen Dacia und der VW-Billigmarke wird es freilich geben. In Deutschland oder Westeuropa wird der billige Jakob aus dem Hause VW nicht zu haben sein. Die Wolfsburger sind auf ihrem Heimatkontinent unangefochtener Marktführer und wollen ihren Kernmarken VW und Škoda nicht eigenhändig „von unten“ das Wasser abgraben. Der Konzern zielt zunächst nur auf einen Markt: China. Das Land ist mit zuletzt 3,5 Millionen verkauften Billigautos die mit Abstand größte Absatzregion in diesem Segment, gefolgt von Indien mit 1,5 Millionen Einheiten. Nach den internen Planungen soll das neue Budget Car von Ende 2016 an in China vom Band laufen. VW wird dafür wohl nicht noch eine neue Fabrik auf der grünen Wiese bauen, sondern an die schon vorhandene Produktionsbasis andocken.

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