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Leihräder : Chinesen entdecken das Fahrrad neu

Wo geht‘s am Stau vorbei? Die Mobike-Fahrräder werden immer beliebter. Bild: Bloomberg

Im größten Automarkt der Welt radeln jetzt hippe Großstädter auf knalligen Leihfahrrädern am Stau vorbei. Der Gesundheit der Bevölkerung könnte das gleich auf doppelte Weise helfen.

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          Als erstes tauchten sie auf den Smartphones auf, wie so vieles in Chinas digitaler Gegenwart: ein Foto von zwei silberfarbenen Fahrrädern mit Aluminiumspeichen in Orange, einfachste Bauart und doch ein Hingucker. Es war im Mai dieses Jahres, als Li Muyuan das Bild auf dem Kurznachrichtenkanal Wechat postete, den praktisch jeder Chinese benutzt. „Damit fahre ich jetzt immer zur Arbeit“, schrieb Muyuan und stellte den Straßenkartenausschnitt mit dem drei Kilometer langen Streckenverlauf dazu.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          „Jetzt verpasse ich nie mehr das Frühstück in unserer Kantine“, schrieb Muyuan. Da war es gerade mal einen Monat her, dass das Start-up Mobike in der Hafenstadt an Chinas Ostküste das erste seiner auffälligen Leihfahrräder an die Straße gestellt hatte. Ein halbes Jahr später tauchen die Gefährte in Signalfarbe gefühlt alle zehn Meter im Verkehr auf. Halb Schanghai scheint sich diesen Winter auf Mobikes durch die endlosen Straßenschluchten fortzubewegen. Was natürlich nicht der Realität entspricht: 100.000 Räder will das Unternehmen bis Jahresende fahren lassen – in einer Stadt, mit 25 Millionen Einwohnern.

          Investoren setzen auf Leihräder

          Dennoch: In Chinas Städten sei gerade eine Revolution im Gange, glauben die Investoren des Start-ups und anderer Anbieter von Leihrädern, die ihre Geldbörsen weit geöffnet haben um beim Comeback des Fahrrads im größten Automarkt der Welt von Anfang an dabei zu sein: Mit einer halben Milliarde Dollar wird Mobike-Wettbewerber Ofo Berichten zufolge bewertet, der wie der Konkurrent in der Hauptstadt Peking ansässig ist. Dessen Räder in Knallgelb sind bisher auf den Campusgeländen von 200 Universitäten zu finden, genutzt von täglich 7000 Studenten in zwanzig Städten landesweit.

          Auf welchen Betrag Mobike taxiert wird, ist nicht bekannt, nur so viel: Unter den Investoren befindet sich Chinas größter Internetkonzern Tencent, daneben der berühmte Wagniskapitalfonds Sequoia aus Kalifornien – und der deutsche Bertelsmann-Konzern, der im September bei Mobike eingestiegen ist.

          Einfach Handhabe, Räder überall

          Wagniskapitalgeber Mao Shengbo, Partner bei Panda VC, glaubt, Mobike werde bald zu einem „Einhorn“, einem Unternehmen, das mit über einer Milliarde Dollar bewertet wird. So viel wie einst Facebook und Uber in ihren Anfangsjahren zwischenzeitlich wert waren. Doch was nur macht den Verleih von Fahrrädern so teuer, den es in München bereits zur Jahrtausendwende gab und der dem chinesischen Mobike gerade mal die Nutzungsgebühr von einem Yuan pro halber Stunde einbringt, umgerechnet 14 Cent?

          Der erste Teil der Antwort liegt in der Funktionsweise von Mobike, die so einfach zu handhaben ist wie nirgendwo sonst auf der Welt. Der QR-Code auf dem Fahrrad wird mit dem Smartphone gescannt, und das Schloss öffnet sich. Der Vorgang dauert zwei Sekunden, wenn alles funktioniert. Das Beste aber ist: Die Räder stehen einfach überall – schließlich kann der Nutzer auch am Ende der Fahrt einfach absteigen und das Gefährt genau dort stehen lassen, wo er möchte. Die Räder haben keine Station und sind mit der Smartphone-App blitzschnell auffindbar als wäre es das eigene.

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