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China : Luftschlösser statt Autoträume

Nichts für Privatkunden: Den E6 des chinesischen Herstellers BYD fahren vor allem Taxis Bild: REUTERS

Der Stern der gefeierten chinesischen Automarke BYD sinkt. Die ganze Branche befindet sich in Aufregung: Chinas Machthaber zeigen sich ungewohnt kritisch und warnen vor Überkapazitäten.

          Der Name ist Programm: Build Your Dreams - kurz BYD - heißt Chinas ehrgeizigster Autohersteller. Hinter dem Markennamen steckt nicht weniger als das Versprechen, Fahrzeuge nach den Träumen der Kunden zu formen. Derzeit allerdings entpuppen sich viele Träume als Luftschlösser. Der Absatz im Inland wächst langsamer als erwartet; die Markteinführung der Elektrofahrzeuge verzögert sich.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Kleinlaut musste sich das Unternehmen von seinem Ziel verabschieden, die Produktion in diesem Jahr zu verdoppeln und zum wichtigsten Hersteller Chinas zu werden. Selbst die um ein Viertel auf 600.000 Einheiten gesenkte Prognose scheint nicht sicher. Am Dienstag gab das Unternehmen bekannt, im August 19 Prozent weniger Autos verkauft zu haben als im Vorjahreszeitraum. Seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs um fast ein Drittel gefallen. „BYD wurde lange überschätzt, jetzt ist sein Stern im Sinken“, sagt Zhu Ming, ein Autoanalyst von J.D. Power in Schanghai. „Selbst die neuen Ziele sind kaum einzuhalten.“

          Die Welt traut BYD viel Größeres zu

          Als wesentliche Gründe für den schwindenden Erfolg von BYD gelten Qualitätsmängel in der Technik und dem Service sowie Schwierigkeiten mit den Händlern. Diese sitzen nach den hohen Werksauslieferungen des Vorjahres auf Ladenhütern, die sich nicht verkaufen lassen. Viele Verkaufsstellen erreichen die Mindestumsätze nicht, von denen die Prämien des Autobauers abhängig sind, und wechseln deshalb die Vertragspartner. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete am Dienstag, Händler in Chengdu, Peking, Zhejiang, Shandong, Henan, Dongyuan und Hangzhou hätten ihre Zusammenarbeit mit BYD gekündigt und sich anderen nationalen Herstellern zugewandt, vor allem dem Volvo-Aufkäufer Geely. Ein Händler in Hunan sagte, er habe auf BYD wegen der anfänglich hohen Gewinne und der Aussicht auf die Elektrofahrzeuge gesetzt. „Jetzt sind beide Träume geplatzt, es wird Zeit zu gehen.“

          Wang Chuanfu: „Mit der Batterieproduktion werden wir erst im März einsatzbereit sein”

          Lange wurde BYD, ein privater Autobauer aus der südchinesischen Stadt Shenzhen, im In- und Ausland gehätschelt. Zwar verkauft er vor allem billige Klein- und Mittelklassewagen nach japanischen Vorbildern; das im Ausland unbekannte Modell F3 ist der begehrteste Personenwagen in China. Die Welt traut dem wichtigsten Batteriehersteller der Welt aber viel Größeres zu: Er soll zur Speerspitze der Elektromobilität in China werden, in einem Markt, der dank hoher Subventionen in den neuen Antriebstechniken international führend werden will. Vor diesem Hintergrund sicherte sich der amerikanische Investor Warren Buffett 10 Prozent der BYD-Anteile, sondierte Volkswagen Kooperationen mit BYD und gründete Daimler ein Gemeinschaftsunternehmen zum Bau elektrischer Kleinwagen, das 2013 die ersten Autos auf den Markt bringen soll.

          In der Gunst der Behörden gesunken

          Doch in der Elektromobilität bleibt BYD den Nachweis seiner Fähigkeiten bisher schuldig. Anders als zunächst angekündigt wird die Eigenentwicklung E6 bisher nicht an Privatkunden verkauft. Vorerst fahren vorwiegend Taxis und Regierungsfahrzeuge in Shenzhen mit dem neuen Antrieb. „Niemand will das Auto haben“, sagt Song Jian, stellvertretender Vorsitzender des Automobilinstituts an der Pekinger Tsinghua-Universität. „Die Technik ist nicht ausgereift, es gibt keine Ladestationen, und das Auto ist trotz der Zuschüsse viel zu teuer.“ Vor wenigen Tagen musste BYD dies indirekt zugeben. Die Gesellschaft teilte mit, dass sich der eigentlich für dieses Jahr geplante Export nach Kalifornien ins kommende Jahr verschieben wird. „Mit der Batterieproduktion werden wir erst im März einsatzbereit sein“, gestand der Gründer und Vorstandsvorsitzende Wang Chuanfu ein, der als reichster Mann Chinas gilt.

          Offenbar ist BYD auch in der Gunst der Behörden gesunken. Dafür spricht nicht nur die kritische Berichterstattung in den staatlichen Medien oder über Xinhua. Riesig war der Imageschaden vor allem, als im Juli der geplante Werksbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Xi'an kurzfristig abgeblasen werden musste. Der sie begleitende Ministerpräsident Wen Jiabao wollte sich nicht in einem Unternehmen zeigen, dem öffentlich die unerlaubte Landnutzung für Fabrikhallen vorgeworfen wurde.

          Der größte Fahrzeugmarkt der Welt

          Chinas Machthaber zeigen sich in letzter Zeit der Automobilindustrie gegenüber kritischer als sonst. Am Wochenende warnte das mächtige Planungsministerium NDRC vor Überkapazitäten in der Branche. Fachleute hatten diese Gefahr schon vorher beschworen. Doch erstmals machte sie sich jetzt ein hoher Beamter zu eigen. Chinas Produktionskapazität habe Ende 2009 rund 13,6 Millionen Fahrzeuge betragen, rechnete der NDRC-Verantwortliche für industrielle Koordination, Chen Bin, auf einem Branchentreffen in Tianjin vor. Mit den begonnenen oder geplanten Werkserweiterungen werde der mögliche Ausstoß bis Ende 2015 auf 31 Millionen Einheiten mehr als verdoppelt. Das übersteige den Bedarf bei weitem und gefährde die Industrie ebenso wie die Wirtschaftsentwicklung des Landes. In 27 von Chinas 31 Verwaltungseinheiten gebe es Autofabriken, deren Lokalverwaltungen die Hersteller bei ihrer Expansion blind unterstützten, kritisierte Chen. Dieses Vorgehen müsse man resolut beenden.

          Noch freilich klagen die Hersteller eher über zu geringe als über zu hohe Kapazitäten. „Wir können mit der Nachfrage kaum Schritt halten“, heißt es bei VW in China, dem größten Personenwagenhersteller des Landes. Für die Gruppe ist das fernöstliche Land der wichtigste Markt der Welt, weshalb sie 6 Milliarden Euro unter anderem in zwei neue Werke investiert. BMW baut ebenfalls eine neue Fabrik. Auch für Mercedes nimmt die Bedeutung von China immer mehr zu. 2009 war das Land mit 13,64 Millionen verkauften Fahrzeugen erstmals der größte Markt der Welt.

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