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Online-Händler Alibaba : Chaos um angeblichen Abgang von Jack Ma

Alibaba-Gründer Jack Ma im Dezember 2017 bei einer Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Buenos Aires Bild: Reuters

Der Alibaba-Gründer sagt einer Zeitung, er wolle sich aus Chinas bekanntestem Unternehmen zurückziehen und wieder Lehrer sein. Später dementiert der Konzern alles in einer kryptischen Mitteilung. Was ist da los?

          Bevor sich Bill Gates im Jahr 2008 aus dem Tagesgeschäft des von ihm gegründeten Microsoft-Konzerns zurückzog, verkündete er seine Entscheidung in einer voll besetzten Pressekonferenz vor Hunderten Journalisten – volle zwei Jahre vor dem eigentlichen Rücktritt.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Jack Ma, Gründer von Alibaba, dem zweitgrößten E-Commerce-Händler der Welt mit Sitz im chinesischen Hangzhou, ist ein Mann, der sich gern mit Bill Gates vergleicht. Doch für seine eigene Rücktrittsankündigung wählte er am Freitag einen etwas anderen Weg: einer Hongkonger Reporterin der in China zensierten „New York Times“ sagte Ma zwei Sätze: dass sein Abtritt als „Executive Chairman“ von Alibaba nicht das Ende einer Ära sei, sondern „der Beginn einer Ära“. Am Montag, schrieb die Zeitung, wolle Ma seinen Rückzug offiziell bekannt geben.

          Oder doch nicht? Am späten Samstagabend chinesischer Zeit, nachdem fast ein ganzer Tag seit der „New York Times“-Sensationsmeldung vergangen war, dementierte Alibaba den Rückzug über die Hongkonger „South China Morning Post“, die seit zwei Jahren dem Konzern gehört. Die Zeitung zitierte einen Alibaba-Sprecher, Ma bleibe Executive Chairman und werde am Montag einen Plan für eine Nachfolgeregelung vorstellen, der sich über „einen beträchtlichen Zeitraum“ erstrecke. Jack Ma ziehe sich nicht zurück. Die Meldung der „New York Times“ sei „aus dem Zusammenhang gerissen und faktisch falsch“.

          Merkwürdige Vorgänge um einen chinesischen Superstar

          Doch dann zitierte die „South China Morning Post“ wiederum Jack Ma selbst, der seinerseits von Rückzug sprach. Er sei stolz, dass Alibaba so gefestigt sei und über Strukturen verfüge, um eine Nachfolgemanagergeneration heranzubilden, die es ihm erlaube, „beiseitezutreten“, ohne „Erschütterungen“ im Konzern zu verursachen. Es gehe aber nicht darum, „zurückzutreten“, zitierte die „Post“ Ma dann wieder ein paar Absätze später.

          Chaos bei Alibaba: was ist da los? Er wolle mehr Zeit und mehr von seinem Vermögen, das von Bloomberg auf knapp 40 Milliarden Dollar geschätzt wird, für „Bildung“ aufwenden, hatte die „New York Times“ Ma am Freitag zitiert. „Ich liebe Bildung“. Das war es dann auch schon mit dem seltsamen „Interview“, von dem die Zeitung nicht sagte, wann und wie es Ma ihr gegeben hatte.

          ALIBABA GR.HLDG SP.ADR 1

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          Was sind das für Vorgänge um einen Mann, der sehr wahrscheinlich noch vor Präsident Xi Jinping der weltweit bekannteste Chinese der Gegenwart ist und in seinem Land von den Massen als Superstar verehrt wird? Dessen Zitate millionenfach wie die Worte eines Gotts in den sozialen Netzwerken verbreitet werden? Dessen Biographien an so gut wie jedem Zeitschriftenstand in jedem der weit über 200 Flughäfen im Land stehen und in jedem der Tausende Zugbahnhöfe verkauft werden?

          Self-Made-Milliardär

          Alibaba selbst hatte vor dem Dementi am Abend früher am Samstag noch eine eilig zusammengeschustert wirkende Erklärung abgegeben, die den Abgang von Ma weder bestätigt noch dementiert hatte. Der Patriarch, hieß es darin in drei dürren Sätzen, nehme im Unternehmen sowie bei seinen Wohltätigkeitsprojekten „an jedem Tag“ die „Rolle des Lehrers“ ein. „Er träumt an jedem Tag davon, ein Lehrer zu sein.“

          Die chinesische Parteipresse, sonst nicht dafür bekannt, Exklusivmeldungen der „New York Times“ sofort eins zu eins zu übernehmen, zitierte die Sätze Jack Mas von seiner Liebe zur Bildung sofort in voller Breite. Der Milliardär besitze ja sogar schon eine eigene Universität, hieß es in den Pekinger Verkündungsorganen: eine Weiterbildungsstätte namens Hupan in Hangzhou, an der knapp 50 Unternehmer und Manager in drei Jahren für 360.000 Yuan (rund 45.000 Euro) von Universitätspräsident Jack Ma persönlich darin unterrichtet werden, wie man ein Unternehmen mit einem Börsenwert von 420 Milliarden Dollar aufbaut (das ist die derzeitige Marktkapitalisierung von Alibaba an der New York Stock Exchange). 

          Bereits am Freitag hatte Ma in einem Interview mit Bloomberg darüber gesprochen, dass er sich der Bildung widmen und wieder mehr lehren wolle, sollte er sich von Alibaba zurückziehen. Bevor Ma das Unternehmen 1999 gründete, war er Englischlehrer an einer Art Fachhochschule in Hangzhou. Die Sprache hatte er sich selbst beigebracht, in dem er amerikanische Touristen ansprach und diese um Hangzhous schönen Westsee führte.

          Nachfolge unklar

          In der Tat stellt sich die Frage, warum Jack Ma seine Rolle als Alibaba-Chef gerade jetzt aufgeben und sich wieder als Lehrer verdingen sollte. Schließlich geht der Konzern möglicherweise schweren Zeiten entgegen, wenn die chinesische Wirtschaft weiter schwächelt und von einem großen Handelskrieg mit den Vereinigten Staaten voll erwischt würde. Bereits heute ist in China mancherorts von Krise die Rede.

          Ohnehin ist unklar, wer Jack Ma in seiner Rolle als „Executive Chairman“ folgen sollte. Den Titel gibt es in Deutschland so nicht – die Position kommt am ehesten einem äußerst aktiven Aufsichtsratschef gleich. Seine Aufgaben als „CEO“ des Unternehmens, der das Tagesgeschäft leitet, hatte Ma bereits vor fünf Jahren vor dem später folgenden Börsengang von Alibaba in New York abgeben. Heute ist Daniel Zhang Vorstandsvorsitzender der Gruppe, ursprünglich ein Finanzfachmann von Pricewaterhousecoopers (PWC). Er gehört nicht zur 18-köpfigen Gründungsgeneration von Alibaba, führte aber seit 2007 verschiedene von dessen Plattformen, etwa das Einkaufsportal Taobao.

          Neuer Chairman – sollte sich die anfängliche Meldung vom Abgang doch noch bestätigen – könnte Joe Tsai werden, der zusammen mit Jack Ma das Unternehmen gegründet hat und bisher als sein Stellvertreter an der Internationalisierung des Konzerns gearbeitet hat. Ma wird wohl im Aufsichtsrat bleiben.

          An Widerständen aus Peking gescheitert?

          Der klein gewachsene Jack Ma, der in Hangzhou zwei Jahre vor Beginn der Kulturrevolution geboren wurde, ist bis heute das Gesicht von Alibaba. Das erfolgsverwöhnte Unternehmen hat Hunderte Millionen Chinesen zum ersten Mal mit dem Internet in Verbindung gebracht, in dem es ihnen online bestellte Waren bis in die hintersten Winkel und Bergdörfer des riesigen Milliardenreichs lieferte. Ma ist der Botschafter des chinesischen Aufstiegs von einem der ärmsten Länder der Welt zu einer Supermacht, von der die amerikanische Führung glaubt, dass sie nicht nur die militärische, sondern vor allem die wirtschaftliche Vormachtstellung der Vereinigten Staaten infrage stellen könnte.

          Nachdem der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa in der vergangenen Woche in Peking am Afrika-Gipfel mit Chinas Präsident Xi Jinping teilgenommen hatte, besuchte er vor dem Rückflug noch die Alibaba-Zentrale in Hangzhou – so wie viele Staats- und Regierungschefs aus aller Welt vor ihm. Herumgeführt wurde er dabei natürlich von Jack Ma.

          Hätte sich dieser vor fünf Jahren von seinem Posten zurückgezogen, wären wohl kaum jene Fragen aufgetaucht, die das Chaos um einen angeblichen Abgang nun aufwirft: etwa, ob Jack Ma möglicherweise an Widerständen aus der politischen Führung in Peking gescheitert ist. Denn seitdem ist die Volksrepublik ein anderes Land. Präsident Xi Jinping hat wie kein anderer Führer vor ihm seit Beginn der wirtschaftlichen Öffnung des Landes im Jahr 1978 die Wirtschaft wieder stärker unter die Kontrolle der herrschenden Kommunistischen Partei gebracht.

          Die Experimentierfreiheit früherer Tage ist vorbei

          Nicht nur, dass die Manager der Staatsunternehmen wieder stärker ihre Tagesbefehle vom Sitz der Parteiführung westlich der Verbotenen Stadt in Peking erhalten. Auch die Privatunternehmen geraten immer stärker in den Fokus der Staatsmacht. Erst am Freitag war bekannt geworden, dass der offiziell private Mischkonzern HNA nach einer über 40 Milliarden Dollar schweren Einkaufstour in aller Welt nun wohl seinen Anteil an der Deutschen Bank verkaufen dürfte und in Frankfurt die Rolle als Großaktionär verliert – die Folge des direkten Befehls der Parteiführung.

          Andere Unternehmer wie der Gründer des Versicherungskonzerns Anbang wurden in gerade mal einen Tag dauernden Prozessen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Immobilien- und Unterhaltungskonzern Wanda, ein weiteres Schwergewicht in Chinas Privatwirtschaft, hat sich ebenfalls der aus Peking vorgegebenen Strategie gefügt und internationale Beteiligungen verkauft. Man wolle stattdessen ab sofort in die „Gürtel- und Straße“-Initiative investieren, teilte der früher großsprecherisch auftretende Wanda-Gründer Wang Jianlin im Frühjahr mit. Dabei handelt es sich um Pekings 1 Billion Dollar teures Außenpolitik- und Infrastrukturvorhaben, ein Lieblingsprojekt Xi Jinpings, mit dem dieser die Welt für China einnehmen will.

          Auch in der chinesischen Internetwirtschaft ist es vorbei mit der Experimentierfreiheit früherer Tage, die Alibaba erst groß gemacht hat. Als Chinas Regierung jüngst verkündete, die Zahl neuer Videospiele zu begrenzen, verlor Alibabas großer Rivale Tencent mal eben 20 Milliarden Dollar an Börsenwert.

          Arbeit für Alibaba ist auch Arbeit für den Staat

          Ant Financial, ein Fintech-Konzern, der mehr wert ist als Goldman Sachs, von Alibaba kontrolliert wird und eigentlich im kommenden Jahr an die Börse gehen soll, hat seinerseits jüngst heftigen Gegenwind aus Peking erhalten. Der Führung missfällt der Erfolg des Privatunternehmens, das mit seiner einst von Jack Ma gegründeten Bezahlapp Alipay im chinesischen Alltag allgegenwärtig ist und den Staatsbanken die Einlagen ihrer Kunden streitig macht. „Wie ein Vampir“ sauge Ant Financial das „Blut aus den Banken“, hieß es in einem Kommentar des Staatsfernsehens – eine deutliche Warnung.

          Jack Ma selbst redet inzwischen betont vorsichtiger über das Verhältnis zwischen Wirtschaft und chinesischem Staat. Während er früher gerne sagte, man solle nicht mit der Regierung ins Bett steigen, lobt er inzwischen öffentlich die Ein-Partei-Herrschaft und beteuert, Alibaba profitiere von deren Stabilität. Als die F.A.Z. in der Hangzhouer Firmenzentrale vor einem Jahr nach der Nähe zur Regierung fragte, gaben hochrangige Entwickler freimütig zu Protokoll, dass ein Arbeitsplatz bei Alibaba auch immer Arbeit für den Staat beinhalte – was die zwei anwesenden Damen aus der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit mit freudigem Nicken bestätigten.

          Inzwischen soll Jack Ma angeblich gar nicht mehr hauptsächlich auf dem chinesischen Festland wohnen, sondern im weitaus liberaleren Hongkong. Es könnte durchaus sein, dass er des verschärften politischen Klimas in China überdrüssig geworden ist – und sich nun wie schon Bill Gates vor ihm als Wohltäter zurückzieht. Chinas Wirtschaft könnte irgendwann um einen ihrer Helden ärmer sein – doch offensichtlich noch nicht heute.

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