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Cebit : Amateure unerwünscht

Aufbauarbeit: Die Cebit wird neu justiert Bild: dapd

Die Computermesse Cebit will sich in Zukunft auf das Fachpublikum konzentrieren. Für Otto Normalverbraucher steigt der Eintrittspreis auf 60 Euro.

          Es gibt Messen, die sind was für den Spaß, und es gibt Messen, die sind was fürs Geschäft. Als die Cebit Computermesse Mitte der achtziger Jahre aus der Taufe gehoben wurde, war sie eine Messe für beides. Der Computer hatte schon die Verwaltungen vieler Unternehmen erobert, nun machte er sich in Gestalt kleiner mausgrauer und paketschwerer Kisten daran, auch die Kinder-, Arbeits- und Wohnzimmer in aller Welt zu erobern. Die Cebit war mit am Ball.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Schon Anfang der siebziger Jahre hatte der Ausstellungssplitter „Büroindustrie“ der Hannover Messe eine eigene Messehalle erhalten. Der Bereich wuchs rasch. Binnen anderthalb Jahrzehnten kam zur ersten eine zweite, eine dritte und eine vierte Halle hinzu. Dann kam die Cebit als eigenständige Messe. Sie zog jedes Jahr Tausende Aussteller und Hunderttausende Besucher an, sie sorgte für Schwung in der Branche, machte Schlagzeilen und schwang sich zur größten Computermesse der Welt auf.

          Was hoch steigt, kann tief fallen. Nach dem Platzen der Spekulationsblase an den Internetmärkten, nach Jahren des schleichenden Besucher- sowie Ausstellerschwunds hat sich der Vorstand der Deutschen Messe AG nun darangemacht, die Cebit aus ihrem Schlummerdasein zu reißen und ihr ein neues Konzept zu verpassen. Professioneller soll sie werden, zielorientierter und ein Publikumsmagnet für die Profis der international fast 3 Billionen Euro großen Branche.

          Ist doch IT heute mehr als nur Computer und Software. Die klassischen Industriebranchen wie Auto- und Maschinenbau, Chemie und Pharma digitalisieren ihre Geschäftsprozesse durch. Alles wird messbar, zählbar, berechenbar. Das lässt das Dienstleistungsgeschäft der IT-Anbieter boomen. Mit dem Einzug von Smartphones und Tabletcomputern in die Unternehmen erlebt die vor Jahrzehnten schon einmal starke zentrale Datenverarbeitung (EDV) in Gestalt des heute sogenannten Cloudcomputing eine Renaissance.

          Zuletzt blieben einige Hallen leer

           

          So spricht die Branche von Computerprogrammen aus der Steckdose, von Big Data und Smart Data, von IT-Infrastruktur auf Bestellung und von Analysen riesiger Datenmengen binnen eines Wimpernschlags; sie spricht von Betriebssystemen, von Apps und Apponomics, Netzwerkrechnern mit der Leistung eines Supercomputers. Die schöne neue Welt von morgen. Nur von Hannover sprach man da zuletzt sehr wenig.

          Nach der vergangenen Cebit im März dieses Jahres zählten die Messemacher von Hannover mit 285.000 Besuchern 12 Prozent weniger Publikum und hatten sich mehr als die begrüßten 3500 Aussteller erhofft. Einige Hallen blieben leer, das Treiben auf dem Messegelände hielt sich in Grenzen. Während in den vergangenen Jahren die Handy-Messen Mobile World Congress in Barcelona und die Konsumelektronikmesse CES in Las Vegas der Cebit den Schneid auf den Konsummärkten abgekauft haben, trat Messe-Vorstand Oliver Frese nun die Flucht nach vorn an.

          Er ging vor die Presse und verkündete, die im März kommenden Jahres wieder stattfindende größte Computermesse der Welt werde mit den mittlerweile angestammten Konferenzprogrammen nur noch auf die geballte Fachkompetenz setzen. Haben die Spanier und Amerikaner die Masse, so will Hannover die Klasse. Es will den Entscheidern aus den Unternehmen, den Verwaltern der großen IT-Budgets eine Plattform geben.

          So habe der Vorstand den Samstag aus dem Cebit-Programm gestrichen, werde die Messe künftig von montags bis freitags stattfinden lassen, die Eintrittspreise für Otto Normalverbraucher gegenüber dem Vorjahr um die Hälfte auf 60 Euro anheben, ihre erst vor wenigen Jahren entworfenen Themenschwerpunkte von vier auf acht erweitern und dem geneigten Amateurpublikum wie Videospielern den Rücken kehren. Frese hat damit vor allem eines im Blick: Klasse statt Masse.

          Nicht gucken, sondern Geschäfte abschließen

          Ein Grund, die Messe zu hundert Prozent auf das Geschäft zwischen den Firmen auszurichten, sei die Veränderung in der IT-Welt, die sich in sämtliche Unternehmensbereiche ausdehnte. „IT-Entscheidungen werden ja immer öfter in den jeweiligen Fachabteilungen getroffen und nicht mehr in den IT-Abteilungen“, sagte Frese. Eine weitere Professionalisierung im Auftritt sei nicht mehr zu umgehen. Aussteller und Besucher wollen nicht nur gucken, sie wollen auch Geschäftsabschlüsse machen.

          Das hatten von SAP bis IBM, Dell und Datev hinter vorgehaltener Hand viele der großen Aussteller in den vergangenen Jahren immer wieder signalisiert. Planspiele, die Cebit zu verlassen und auf die eigenen Hausmessen zu setzen, hatten sie alle. Alte Verbundenheit und neue Hoffnung ließen sie immer wieder kommen. Der Präsident des Branchenverbandes Bitkom, Dieter Kempf, begrüßte die Veränderungen. „Ich bin sicher, die Cebit wird wieder mehr Glanz bekommen“, erklärte er. Mit dem neuen Konzept dürfte es auch leichter fallen, mehr hochkarätige Branchengrößen nach Hannover zu locken.

          Frese gab im Rahmen seines Ankündigungsmarathons passenderweise auch gleich noch klare Ziele vor. Die Zahl der Besucher muss wieder steigen, möglichst schnell, möglichst deutlich. Am besten gleich wieder über die Marke von 300.000. Und auch die Aussteller sollen wieder zahlreicher erscheinen. „Viertausend“, sagt er. Mindestens.

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