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Casio-Comeback : Piep-piep-piiiiep

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Der schmale Grat zwischen schick und protzig: Casio ganz in Gold Bild: Casio

Die Digitaluhr ist wieder da. Lange schmückte sie nur noch die Handgelenke von Geizigen und Terroristen. Jetzt trägt man sie in Berlin-Mitte. Am liebsten in Gold.

          3 Min.

          Seit neustem piepst es wieder in der U-Bahn, im Vorlesungssaal, im Café oder im Meeting. Wie in den achtziger Jahren im Klassenzimmer. Die Digitaluhr ist zurück. Sie prangt an den Handgelenken junger Deutscher - meistens in goldener oder silberner Farbe. Und in der Uhren-Hitliste von Amazon Deutschland belegen Uhren mit digitaler Anzeige Platz eins, zwei und drei.

          Allerdings betrifft das nicht alle Digitaluhren. Johannes Woltz, der Galeria Kaufhof managt, sagt: „Die einzige Digitaluhr, die eine Renaissance erlebt, ist die Digitaluhr von Casio.“ Genauer: die Digitaluhr der Retro-Kollektion von Casio; die Kollektion, die es seit den neunziger Jahren gibt und deren Design an die allerersten Digitaluhren von Casio erinnert. „Von diesen Uhren verkaufen wir heute etwa doppelt so viel wie vor drei Jahren“, sagt Woltz.

          In den letzten Jahren trug man kaum noch Digitaluhren. Dabei waren sie einmal furchtbar modern. Die ersten Digitaluhren wurden in den siebziger Jahren auf den Markt gebracht. Marken wie die Hamilton Watch Company versuchten, die Digitaluhr als futuristisches Luxusgut zu verkaufen. Letztendlich setzten sich die Uhren aber durch, weil sie billig waren - und weil Ölkrise war. Casio brachte damals die preiswerte Casiotron auf den Markt. Wer sich keine teure Statusuhr leisten konnte, griff zur Digitaluhr.

          In den achtziger Jahren wurden die Digitaluhren mit allerlei technischen Zusatzfunktionen ausgestattet. Es gab Uhren mit Rechner, Solarzellen, Fernsehdisplay und in sämtlichen Preiskategorien.

          Die Retro-Kollektion wird immer beliebter

          In den neunziger Jahren kam die nächste Rezession - und die superbillige Casio F-91W kam auf den Markt, bis heute eine der meistverkauften Armbanduhren der Welt. Sie kann wenig mehr, als die Zeit anzuzeigen. Mitte der neunziger Jahre erlebte die Digitaluhr mit der G-Shock von Casio ihren letzten Hype. Die knallig bunten Modelle waren bei Schülern sehr beliebt. Danach kam das Handy, und es wurde ruhig um Casio & Co.

          Das einzige Modell, über das auch nach 2000 noch geredet wurde, ist die F-91W von Casio. Der Grund: Amerikanische Behörden hatten ein genaues Auge auf Besitzer dieser Uhr geworfen. Man vermutete, dass ein Zusammenhang zwischen dem Besitz der Uhr und terroristischer Aktivität bestehen könne. Die F-91W ist bei Bombenbastlern der Al Qaida beliebt - als Zeitzünder. Aus Guantánamo sind über 50 Häftlingsberichte bekannt, die die Uhr eingehend thematisieren. Bei einigen Häftlingen soll der Besitz der F-91W Grund für eine Verlängerung der Haft gewesen sein.

          Das US-Militär fand heraus, dass Al-Qaida-Terroristen bestimmte Casio-Modelle tragen Bilderstrecke
          Das US-Militär fand heraus, dass Al-Qaida-Terroristen bestimmte Casio-Modelle tragen :

          Für mehr als für Bombenzeitzünder (wo ihr immerhin eine recht bedeutende Funktion zukommt) taugte die Casio lange nicht. Wieso auch? Es gab superbillige Uhren auch von Swatch in Analog. Und man brauchte eigentlich gar keine Uhr mehr. Man hatte ja ein Handy. Das kann viel mehr als die Digitaluhr von Casio. Die beschränkt sich auf wenige Funktionen: Alarm, Stoppuhr, Kalender, Displaybeleuchtung und natürlich: die Zeit anzeigen. All das kann das Smartphone längst besser.

          Warum dann steigen die Verkaufszahlen? Es ist ganz einfach mit der Rückkehr der Casio: Sie ist Mode. Die Retro-Modelle treffen genau den Geschmack der Großstadtbewohner, die zu Zeiten des ersten Hypes vielleicht gerade geboren waren, beim zweiten Hype immerhin schon in der Schule.

          Die Uhren der Retro-Kollektion wurden immer schon in relativ großen Mengen produziert. Seit fünf bis sechs Jahren steigt ihre Beliebtheit. „Aufgrund der gestiegenen Nachfrage haben wir das Sortiment in den vergangenen Jahren vergrößert“, sagt Marc Czemper von Casio Europa. Neue Formen, neue Farben und neue Größen kamen auf den Markt. Es gibt Frauen- und Herrenmodelle. Die angesagtesten sind die Unisex-Modelle in Gold.

          Kommen bald auch die 90er Modelle zurück?

          Das zeigt die Amazon-Hitliste, und das sagen alle, die sich in Deutschland mit Uhren auskennen. Das meistverkaufte Modell ist zwar ausgerechnet die F-91W, die Terroristen-Uhr in Schwarz. Aber das liegt wohl vor allem am Preis, sie ist schon für zehn Euro zu haben, während die Edelstahlmodelle 40 bis 50 Euro kosten.

          Sie sind so gefragt, dass man sie mittlerweile in Kaufhäusern, im Einzelhandel, online und in Szeneläden kaufen kann. „Im urbanen Umfeld wird die Uhr auch von Lifestyle- und Modegeschäften im Sortiment geführt. Beispielsweise in Paris, Mailand, Barcelona und Berlin sind unsere Uhren sehr beliebt“, sagt Czemper.

          Für die meisten Uhrenhändler ist das aber trotzdem kein großes Geschäft. „Der durchschnittliche Einkaufswert beträgt bei uns 150 Euro“, sagt die Sprecherin des Online-Uhrenhändlers Uhrzeit. „Die Retro-Uhr von Casio macht nur einen ganz kleinen Teil des Geschäftes aus.“

          Sie ist einfach zu billig. Das Kerngeschäft deutscher Uhrenhändler sind Automatik-, Taucher- und hochwertige Markenuhren. Die werden von Menschen gekauft, die gut verdienen und auch schon etwas älter sind.

          Die neuen Casio-Kunden sind jung. So, wie es bei Casio immer war. Das will die Firma auch so und macht keine großen Werbekampagnen für die Masse. Sie sponsert Sportarten wie Snowboarden und Surfen. So schafften es Casios an die Handgelenke von Musik-Stars wie Justin Bieber und Eminem. Die tragen allerdings eher wieder die alten G-Shocks von Casio, deren große Zeit in den 90ern war. Vielleicht erlebt Casio ja bald ein weiteres Comeback.

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