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Carsten Rodbertus : Der Prokon-Gründer probt den Aufstand

Auf Abstand: Carsten Rodbertus (rechts) und Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin Bild: dpa

Carsten Rodbertus hat das Windkraftunternehmen Prokon in die Pleite geführt. Jetzt torpediert er den Sanierungsplan. Doch die Staatsanwaltschaft ist ihm auf den Fersen.

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          Seit Carsten Rodbertus sein Unternehmen Prokon an die Wand gefahren hat, hagelt es Strafanzeigen. Darin wird dem Gründer und langjährigen Chef des insolventen Windparkbetreibers, der über den Verkauf von Genussrechten an mehr als 75.000 Anleger gut 1,4 Milliarden Euro eingesammelt hatte, unter anderem Betrug und Insolvenzverschleppung vorgeworfen. Nun verdichten sich die Hinweise, dass die zuständige Staatsanwaltschaft Lübeck in Kürze ein förmliches Ermittlungsverfahren gegen Rodbertus einleitet.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Doch auch das wird den gescheiterten Öko-Visionär wohl nicht von seiner Mission abbringen, wieder Zugriff auf Prokon zu gewinnen und die Sanierungspläne des Insolvenzverwalters Dietmar Penzlin zu Fall zu bringen. Penzlin hat die Genussrechtsinhaber am 22. Juli zur Gläubigerversammlung nach Hamburg geladen. Rodbertus setzt derzeit alles daran, auf diesem Treffen eine Mehrheit der Stimmen hinter sich zu bekommen. Über seine Internetseite sowie über Rundschreiben an die Anleger, über deren Adressen er verfügt, obwohl ihn Penzlin längst aus dem Unternehmen geworfen hat, greift er die Pläne des Insolvenzverwalters scharf an.

          Rodbertus behauptet, Penzlin wolle das Unternehmen zerschlagen. Dies leitet er daraus ab, dass der Insolvenzverwalter einige Unternehmensteile abspalten oder schließen will, die aus Sicht des Juristen wirtschaftlich nicht mehr tragbar sind. Dazu zählt neben dem Finanzvertrieb, der bereits eingestellt ist, auch die Produktion einer eigenen Windkraftanlage namens „P3000“, von der es bislang erst zwei Prototypen gibt. Für dieses Projekt will Penzlin einen Käufer finden. Auch eine Tochtergesellschaft von Prokon in Magdeburg, die Biodiesel herstellt, will er an einen Investor abgeben.

          Rodbertus sind diese Pläne ein Dorn im Auge. Er trommelt für seine Idee, das Unternehmen ohne Verkäufe von Betriebsteilen in Gänze fortzuführen und zu sanieren. Er rechnet vor, dass Prokon angeblich schon im kommenden Jahr einen Mittelzufluss (Cash-flow) von gut 158 Millionen Euro erzielen könnte. Penzlin widerspricht vehement: „Das ist eine Täuschung.“ Realistisch seien nur etwa 67 Millionen Euro. Rodbertus’ Zahlenspiele hält er insgesamt nicht für nachvollziehbar: „Nach seiner Darstellung könnte man fast meinen, Prokon sei überhaupt nicht insolvent“, sagte Penzlin im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er erinnerte daran, dass Prokon das Jahr 2013 unter dem Strich mit einem Verlust von 478 Millionen Euro abgeschlossen hat.

          Aggressive Falschbehauptungen

          Ein weiteres Versprechen, mit dem Rodbertus um Unterstützung buhlt, betrifft das Genussrechtskapital der Anleger. Sollten sie Penzlins Insolvenzplan zustimmen, so warnt der Pleitier, verlören sie einen großen Teil ihres Kapitals. Er jedoch verspricht den Anlegern, dass Prokon innerhalb der nächsten 3 bis 5 Jahre 90 bis 100 Prozent der Verbindlichkeiten zurückzahlen und überdies noch 2 bis 3 Prozent Zinsen zahlen könne. Der Insolvenzverwalter hält diese Prognose für vollkommen abwegig: „Rodbertus’ Zahlen haben mit der Wahrheit leider nichts zu tun.“

          Dass Rodbertus fortlaufend in aggressiver Weise Falschbehauptungen von sich gebe, diene dem Ziel, sich die Vollmachten von Genussrechtsinhabern zu erschleichen. „Ich kann die Anleger nur eindringlich davor warnen, auf die Vereinfachungen des Herrn Rodbertus hereinzufallen.“ Auch bei der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) schüttelt man entsetzt den Kopf: „Rodbertus hat ein Millionenvermögen vernichtet. Und jetzt hantiert er wider besseres Wissen mit falschen Zahlen, um wieder an die Macht zu kommen“, sagt der SdK-Sprecher Daniel Bauer.

          Großes Verkaufstalent

          Die Aktionärsschützer unterstützen Penzlins Sanierungskonzept, wonach das Kerngeschäft mit Windparks in Deutschland und Polen fortgeführt werden soll. Auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und der Verein „Freunde von Prokon“ stehen hinter dem Insolvenzverwalter. Trotzdem fürchtet Bauer, dass Rodbertus in der Gläubigerversammlung genügend Stimmen auf sich vereinen könnte, um Penzlins Restrukturierungsplan zu vereiteln und die Wahl eines anderen Insolvenzverwalters durchzusetzen. Angeblich hat der gefallene Unternehmer schon eine Fülle von Vollmachten in der Tasche.

          Ihm hilft sein großes Verkaufstalent. Rodbertus sitzt in seinem Haus in Hohenaspe nahe Itzehoe und ruft den ganzen Tag Anleger an. Dabei wird er angeblich von einem Dutzend gefeuerter Prokon-Mitarbeiter unterstützt, die früher für den Verkauf von Genussrechten zuständig waren. Der Berliner Rechtsanwalt Christoph Kaltmeyer, der nach eigener Aussage 400 Prokon-Anleger vertritt, hegt den Verdacht, dass Rodbertus während seiner Zeit als Geschäftsführer Vermögen beiseite geschafft haben könnte. „Wir prüfen, ob wir Rodbertus mit einem Arrestverfahren in Anspruch nehmen.“ Auch Penzlin prüft Schadensersatzansprüche in Millionenhöhe.

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