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Verkehrskonzepte : Berlin rast – London rumpelt

  • -Aktualisiert am

Jede U-Bahn sollte so regelmäßig fahren, wie die in London. Bild: dpa

Ein Blick auf die Mobilität in Europas Metropolen zeigt große Unterschiede. Wer in Berlin wohnt, braucht keine halbe Stunde zur Arbeit, in London dauert es eine Dreiviertelstunde. Wer hat das beste Verkehrssystem?

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          Martin Winterkorn geht durch den Kuppelsaal des Hannover Congress Centers. Der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen-Konzerns ist am Vorabend der Computermesse Cebit in die niedersächsische Landeshauptstadt gekommen, um vor 2500 Gästen zu sprechen – darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel und der britische Premierminister David Cameron. Die Kernbotschaft: Das Auto steht vor einer neuen Ära der Digitalisierung, die grundlegende Auswirkungen auf die Mobilität der Zukunft haben wird.

          „Die beiden Jahrhunderterfindungen Auto und Computer rücken noch enger zusammen. Wir müssen die Mobilität der Zukunft noch intelligenter und noch vernetzter gestalten“, sagt der VW-Topmanager. „Die Informationstechnologie ist längst fester Bestandteil der Autoindustrie. Unsere Autos sind heute schon rollende Rechenzentren mit 1,5 Kilometer Kabeln, mehr als 50 Steuergeräten und der Rechnerleistung von 20 hochmodernen PCs. Jetzt geht es um die große Aufgabe, gemeinsam mit der IT-Branche die Mobilität noch intelligenter zu gestalten.“

          Das Geschäftsmodell der Autokonzerne ändert sich. Sie müssen neben dem Auto mehr anbieten – nämlich vernetzte urbane Mobilität. Dafür sorgt die zunehmende Verstädterung in aller Welt. Schon steigen viele Metropolenbewohner auf Mietfahrräder, Carsharing-Autos oder sogar auf den öffentlichen Nahverkehr um. Zwischen Autokonzernen, IT-Konzernen und Nahverkehrsbetrieben entbrennt ein Wettbewerb. Um das Geschäft mit der Vernetzung der Verkehrsträger konkurrieren Plattformen wie Smile (Wiener Stadtwerke), Moovel (Daimler) oder Qixxit (Deutsche Bahn). In Stuttgart etwa gibt es von 2015 an die Mobilitätskarte „ServiceCard“.

          Mobilität rund ums Auto - ein Milliardenmarkt

          Ziel des staatlich subventionierten Projektes ist die für den Kunden möglichst umstandslose Nutzung und Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel – vom Elektroauto-Carsharing über Verkehrsbetriebe und Bikesharing bis hin zu einer Bezahl- und Bonusfunktion. Den Autokonzernen dienen die neuen Angebote mit den immer beliebter werdenden Carsharing-Angeboten wie Car2go auch zur Bindung neuer Kunden.

          Daimler fasst dafür seine Online-Dienste rund ums Auto in einer Plattform zusammen – vom automatischen Reparaturangebot bis hin zu Anschlüssen für Carsharing, Taxivermittlungen und Nahverkehr ist alles dabei. Daraus erhoffen sich die Hersteller und Zulieferer auch zusätzliche Einnahmen. Daimler und Bosch gehen davon aus, dass sie allein mit solchen Zusatzdiensten in den kommenden Jahren bis zu 1 Milliarde Euro Umsatz machen. Im Sommer startet Daimler sein neues Serviceportal unter dem Namen „Mercedes Me“.

          Dass es sich bei den Mobilitätsdienstleistungen um einen wachsenden Milliardenmarkt handelt, zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little (ADL) über den Verkehr in 84 Metropolen rund um den Globus. Allein im Jahr 2010 wurden global mehr als 320 Milliarden Euro in urbane Mobilität investiert. Eigens für diese Zeitung angefertigte Ranglisten von ADL zeigen, welche Großstädte in Europa und insbesondere in Deutschland besonders gut für die Anforderungen der Zukunft gerüstet sind und wo es noch Nachholbedarf gibt (siehe Grafiken).

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          Dass der Verkehr effizienter werden muss, damit es an den Knotenpunkten der Megastädte nicht zum Kollaps kommt, leuchtet ein. Denn jeden Tag finden mehr als sechs Milliarden motorisierte Fahrten in Städten mit Privatfahrzeugen statt. Eine halbe Million Menschen werden jedes Jahr bei Straßenverkehrsunfällen getötet.

          Gut die Hälfte der Weltbevölkerung lebt schon in Städten – und bis zum Jahr 2050 wird dieser Anteil nach Einschätzung der Fachleute wohl auf zwei Drittel steigen. „Schon heute werden zwei Drittel aller Fahrten in Städten gemacht, und der Gesamtumfang der städtischen Fahrten wird sich bis 2050 verdreifachen“, sagt Studienautor Oleg Korniichuk. Um mit dem rasanten Anstieg fertig zu werden, brauche es erhebliche Investitionen. Sonst werde ein Stadtbewohner im Jahr 2050 durchschnittlich 106 Stunden im Jahr im Stau verbringen – doppelt so lange wie heute.

          Idealbild: Stockholmer Luft, Londoner U-Bahn

          Anhand der Studienergebnisse lässt sich das Bild der – am Verkehrssystem gemessen – idealen Stadt zeichnen: Dort müsste der öffentliche und private Nahverkehr so erschwinglich sein wie in Hongkong. Weltweit hat unter allen von ADL untersuchten Städten Hongkong am besten abgeschnitten. In der idealen Stadt müsste die Luft zudem – gemessen an den Stickstoff- und Feinstaubwerten – so gut sein wie in Stockholm. Sie müsste das Fahrradfahren so gut fördern wie Amsterdam und zugleich so wenig Verkehrstote verzeichnen wie Kopenhagen. Das Bikesharing müsste so alltäglich sein wie in Brüssel, das Fahrradwegenetz so dicht wie in Helsinki und die U-Bahn so regelmäßig fahren wie in London. In der idealen Stadt wäre das Carsharing so gut organisiert wie in Stuttgart, der Fahrradgebrauch so häufig wie in Wuhan und die Zeit für den Weg zur Arbeit so kurz wie in Nantes oder Berlin.

          Bei allem Ärger über tägliche Staus in Innenstädten: Die Bewohner westeuropäischer Großstädte können sich im globalen Vergleich glücklich schätzen. In fast jeder Hinsicht liegen die Verkehrssysteme der europäischen Metropolen weit vor denen der Megastädte in Asien oder Lateinamerika. Nur Hongkong ist eine positive Ausnahme von dieser Regel. Dort drängen sich schon immer so viele Menschen auf engem Raum, dass frühzeitig an guten Lösungen gearbeitet wurde. Nur so können sieben Millionen Menschen auf nur 1100 Quadratkilometern ohne Verkehrskollaps zusammenleben. Vernetzt werden die Verkehrsmittel dort durch die Octopus Card. Vorgestellt im September 1997 als erste Fahrkarte dieser Art für die städtische U-Bahn, hat sie sich zu einem weit verbreiteten bargeldlosen Zahlungsmittel entwickelt – und dient als Vorbild in aller Welt.

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