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Ehemaliger Nissan-Chef : Carlos Ghosn wieder auf freiem Fuß

Bild: Reuters

Mehr als 100 Tage nach seiner Festnahme in Japan hat der Automanager Carlos Ghosn das Gefängnis verlassen. Er muss in Japan bleiben und wird überwacht.

          Carlos Ghosn, der früher mächtige Chef der Autobauer Renault, Nissan und Mitsubishi, ist am Mittwoch am 108. Tag nach seiner Festnahme aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Ghosn, der kaum zu erkennen war, wurde am Nachmittag in einem uniform-ähnlichen Anzug mit Schutzmaske und einer blauen Kappe aus dem Gefängnis im Nordosten Tokios geführt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Ein kleiner Mini-Van, den Fernsehkameras aus Hubschraubern verfolgten, fuhr den angeklagten Ghosn fort. Der Franzose hatte zuvor in einer Stellungnahme erklärt, er sei unschuldig und wolle sich rigoros gegen die ungerechtfertigten Anschuldigungen verteidigen.

          Am Dienstag hatte das Bezirksgericht in Tokio den dritten Antrag Ghosns auf Freilassung auf Kaution genehmigt und einen Einspruch der Staatsanwaltschaft abgewiesen. Er darf das Land nicht verlassen, muss eine Videoüberwachung akzeptieren und darf Handy und Computer nur beschränkt nutzen. Seine Verteidiger hatten diese Bedingungen angeboten, um den Vorwurf vom Tisch zu wischen, dass der Manager Beweismittel oder potentielle Zeugen manipulieren könne.

          Schwerer Vertrauensbruch steht im Raum

          Ghosn, der kurz vor seinem 65. Geburtstag steht, war am 19. November am Flughafen in Tokio auf dem Rollfeld festgenommen worden. Ihm werden Verstöße gegen Berichtspflichten Nissans und ein schwerer Vertrauensbruch vorgeworfen, unter anderem weil er private Wertpapierverluste zeitweise auf Nissan übertragen hatte.

          Trotz internationaler Kritik ist die Untersuchungshaft von mehr als drei Monaten damit, zumindest nach neueren deutschen Maßstäben im Dieselskandal, nicht außergewöhnlich lang gewesen. Rupert Stadler, der Chef von Audi, verbrachte mehr als vier Monate in Untersuchungshaft, bevor er unter Auflagen freikam. Wolfgang Hatz, der ehemalige Entwicklungschef von Porsche, wurde erst nach neun Monaten gegen eine Kaution von 3 Millionen Euro freigelassen.

          Das Bezirksgericht in Tokio setzte die Kaution für Ghosn auf 1 Milliarde Yen (7,9 Millionen Euro) fest. Höhere Kautionszahlungen wurden in Japan in der Vergangenheit in einem Skandal um falsch ausgewiesenes Rindfleisch und in einem Erpressungsskandal festgelegt. In den Anklagen wegen Insiderhandel gegen Yoshiaki Murakami 2006 und gegen Takafumi Horie wegen Bilanzfälschung 2006 lagen die Kautionszahlungen bei 700 Millionen und 500 Millionen Yen. Manche Finanzanalysten vergleichen den Fall Ghosn mit diesen beiden Fällen, weil jedes Mal innovative Unternehmensführer an den Pranger gestellt worden seien.

          Ghosn sieht sich als Opfer

          Ghosn soll sich für die Zeit nach seinem Abschied von Nissan in insgesamt acht Jahren Einkommen von rund 9 Milliarden Yen (rund 70 Millionen Euro) zugeteilt und diese in den Finanzberichten Nissans nicht veröffentlicht haben. Der Vorwurf des schweren Vertrauensbruchs bezieht sich auf die zeitweise Übertragung verlusthaltiger Wertpapiere, mit der Ghosn dem Unternehmen ein Finanzrisiko von 1,85 Milliarden Yen (15 Millionen Euro) zuschob. Damit verbunden sind Vorwürfe über Zahlungen Nissans an einen Geschäftsmann in Saudi-Arabien, der Ghosn finanziell half. Ghosn bestreitet die Vorwürfe.

          Er hat in Interviews aus dem Gefängnis heraus erklärt, dass er sich als Opfer einer Verschwörung sehe. Spekuliert wird, dass Manager von Nissan ihn mit dem Plazet der japanischen Regierung stürzten, um zu verhindern, dass das japanische Unternehmen in einer Fusion mit Renault seine Eigenständigkeit verliere. Einer der kommenden Knackpunkte ist, ob Renault mit seinem 43-Prozent-Anteil den neuen Vorsitzenden des Verwaltungsrats von Nissan stellen kann oder nicht.

          Ghosn sei wohl etwas zu lange Chef gewesen, mutmaßte am Dienstag Hiroaki Nakanishi, der Chef des japanischen Wirtschaftsverbands Keidanren und Vorsitzender des Verwaltungsrats von Hitachi, vor Journalisten. Nakanishi vermutet, dass Ghosn wegen seiner langen Amtszeit zu mächtig geworden und nicht mehr zu kontrollieren gewesen sei. Seine Erklärung deckt sich mit Erzählungen Nissans, wie es zu dem Skandal kam. Über den möglichen Einfluss der japanischen Regierung auf den Sturz Ghosns wollte Nakanishi nicht spekulieren.

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