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Car-to-X-Technologie : Das vernetzte Auto geht 2015 in Serie

  • -Aktualisiert am

Vernetzt und gewarnt: Ein Blick auf das Display im Armaturenbrett zeigt die Staugefahr an Bild: ddp

Staus und Unfälle sollen zur Seltenheit werden. Ein Frankfurter Feldversuch zeigt: Die nötige Technik ist reif für den Alltag. Sie kostet einen Milliardenbetrag, spart aber noch mehr ein.

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          Das Auto der Zukunft ist vernetzt. Es kommuniziert drahtlos mit anderen Autos und mit der Verkehrsinfrastruktur, zum Beispiel mit Sensoren in Ampeln oder an Brücken. Das vernetzte Auto kann um die Ecke und sogar durch einen Lastwagen hindurch „schauen“ - das ist mehr, als jedes heute verfügbare Assistenzsystem vermag. Es warnt den Fahrer vor vielen Gefahren, die er sonst vielleicht zu spät erkennen würde: vor einem Baustellenbeginn, dem Stauende, dem Geisterfahrer oder vor dem Vorausfahrenden, der eine Vollbremsung hinlegt. Es warnt vor Seitenwind, Glatteis, verlorener Ladung oder einem auf der Straße liegengebliebenen Fahrzeug ebenso wie vor heranfahrenden Feuerwehrautos oder Krankenwagen - lange bevor der Fahrer die Gefahrenstelle erreicht und ohne ihm eine Reaktion vorzuschreiben.

          Es kann dem Fahrer sogar verraten, bei welchem Tempo er die grüne Welle nutzen kann und wo er noch einen freien Parkplatz findet. Dafür ist an zusätzlicher Technik nicht viel mehr nötig als ein WLAN-Router, ein wenig mehr Rechenleistung, gut funktionierende Mobilfunksysteme und einige Sensoren mehr an Autos, Ampeln und Brücken. Relativ normale Apparate also, die die Hersteller in den nächsten Fahrzeuggenerationen vermutlich gegen Aufpreis im Paket als Sonderausstattung anbieten.

          Das alles ist keine Science Fiction, sondern voraussichtlich schon in wenigen Jahren Realität in Deutschland. Das hat ein großer zweijähriger Feldversuch namens SIMTD mit 120 vernetzten Fahrzeugen auf den Straßen im Rhein-Main-Gebiet bewiesen, dessen wichtigste Ergebnisse am Donnerstag vorgestellt wurden. „Die Car-to-X-Kommunikation ist reif für den Alltagseinsatz“, sagt Christian Weiß, Koordinator des gesamten Projekts und Teamleiter beim Autohersteller Daimler. Beteiligt waren an dem 70 Millionen Euro teuren und zu mehr als der Hälfte staatlich subventionierten Experiment nicht nur Volkswagen, Daimler, BMW, Ford und Opel, sondern auch Zulieferer wie Bosch und Continental sowie Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer-Gesellschaft und die Technischen Universitäten in Berlin und München.

          Pausenlos wird vor irgendetwas gewarnt

          Glaubt man Vertretern der Industrie, dann steht dem Einsatz der neuen Technik nach 1,7 Millionen gefahrenen Testkilometern nichts mehr im Weg, und sie wird eine Zukunft mit immer weniger Staus, Unfällen und Umweltverschmutzung ermöglichen. Mehr als dreitausend Menschen im Jahr kommen jedes Jahr auf deutschen Straßen zu Tode. Bei einer vollständigen Durchdringung des Marktes mit der neuen Technik schätzt Daimler-Forscher Weiß allein die durch verhinderte Unfälle vermiedenen Kosten auf 6,5 Milliarden Euro jährlich in Deutschland. Den Effizienzgewinn durch besser fließenden Verkehr und den Umweltnutzen beziffert er mit 4,9 Milliarden Euro. Es winkt also ein volkswirtschaftlicher Gewinn von 11,4 Milliarden Euro. Dem stehen angeblich sehr überschaubare Kosten gegenüber. „Unsere Abschätzungen haben ergeben: Für jeden Euro, den die Kunden und die Gesellschaft in Car-to-X-Technologie investieren, erhalten wir mehr als 8 Euro als volkswirtschaftlichen Nutzen zurück“, sagt Ulrich Eichhorn, Geschäftsführer des Autoindustrieverbands VDA. Der Einsatz liege nur in der Größenordnung von 1 oder 2 Milliarden Euro.

          Die ersten positiven Effekte zeigten sich schon, wenn 5 Prozent der Autoflotte mit der Technik ausgerüstet wären. In Deutschland entspräche das etwa 2 Millionen Fahrzeugen. Zum Vergleich: Jedes Jahr werden allein 3 Millionen Neuwagen verkauft. Die Marktdurchdringung müsste sich also schon in wenigen Jahren erreichen lassen - wenn die neuen Funktionen auch den Geschmack der Kunden treffen. Sicher ist das nicht. Bei einer Probefahrt zeigte sich, dass die Wagen nahezu pausenlos vor irgendetwas warnen. „Wir arbeiten noch daran, was das richtige Ausmaß ist und ab wann die Warnungen und sonstigen Informationen den Fahrer überfordern“, sagt Monika Wagener, Sprecherin der Forschungsabteilung von Ford.

          Effizienter durch permanenten Datenaustausch

          Wie reagieren die Kunden auf die neuen Möglichkeiten? „Die Fahrerbefragung im Feldversuch zeigt ganz klar den Wunsch der Fahrer, Car-to-X-Funktionen zu nutzen“, sagt VDA-Fachmann Eichhorn. Dabei werde im Vergleich zu den bestehenden Techniken vor allem geschätzt, dass die Informationen lokal präzise und in Echtzeit übermittel würden. Ford zum Beispiel hat laut Sprecherin Wagener ein „elektronisches Bremslicht“ entwickelt - ein System, das Autofahrer im entfernt folgenden Straßenverkehr vor stark bremsenden Fahrzeugen warnt.

          In einer öffentlich-privaten Kooperation ist als erste reale Anwendung die im Feldversuch untersuchte Baustellenwarnung mit einer Verkehrslageerfassung vorgesehen. Der „Baustellenwarner“ wird im Korridor Rotterdam-Frankfurt-Wien von 2015 an realisiert. Schon bei geringen Ausstattungsraten sei ein für den Fahrer erlebbarer Nutzen zu erwarten, hofft Verkehrs-Ministerialrat Guido Zielke.

          Durch permanenten Datenaustausch können die Autofahrer eines Tages auch effizienter fahren. Fließt der Verkehr gleichmäßig, muss nicht so viel gebremst und beschleunigt werden; dadurch sinkt der Treibstoffverbrauch, und es entstehen neue Ersparnismöglichkeiten: Städte können Ampeln nach ökologischen Gesichtspunkten programmieren. „Wenn ein großer Lastwagen auf die Ampel zufährt, verlängert sich die Grünphase, weil Bremsen und Anfahren zu viel Kohlendioxid verursachen“, nennt Continental-Chef Elmar Degenhart ein einfaches Beispiel.

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