https://www.faz.net/-gqe-8i88u

Geschäftsreisen : Auszug aus der Business Class

Geschäftsreisender in Washington D.C Bild: AP

Immer mehr Geschäftsreisende sitzen im Flug gedrängt wie Urlauber. Der Geschäftsreiseverband sieht die Edelklasse auf kurzen Strecken schon vor dem Aus. Der Exodus hat mehrere Gründe.

          Allen E-Mails, Videokonferenzen und Web-Seminaren zum Trotz – deutsche Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter so oft auf Geschäftsreisen wie nie zuvor. Das ist das Ergebnis der jüngsten Marktanalyse des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR). „Der persönliche Kontakt ist trotz aller Schritte der Digitalisierung immer noch entscheidend für das Geschäft“, sagt VDR-Hauptgeschäftsführer Hans-Ingo Biehl. 2015 gaben Unternehmen hierzulande erstmals mehr als 50 Milliarden Euro für Reisen ihrer Manager und Angestellten aus, die Kosten stiegen binnen eines Jahres um 3,4 Prozent. Hauptgrund ist, dass mehr Beschäftigte zu Außenterminen aufbrechen. Mehr Komfort unterwegs gibt es aber nicht.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der VDR hat für seine Untersuchung 800 Personen befragt, die in Unternehmen vom Mittelständler bis zum Konzern für das Organisieren von Geschäftsreisen verantwortlich sind. Die Antworten belegen einen anhaltenden Exodus aus der teureren Business Class der Fluggesellschaften hin zu günstigeren Sitzen. Es scheine bei Flügen im Inland und innerhalb Europas „nur eine Frage der Zeit zu sein, ob die Business Class eines Tages gänzlich verschwindet“, folgert der Verband. Nur 2 Prozent der Reisenden aus kleineren Unternehmen und 4 Prozent aus Großbetrieben buchten auf innerdeutschen Strecken die höherwertige Klasse. Vor einem Jahrzehnt war es mehr als jeder Zehnte.

          Ausländische Fluggesellschaften holen auf

          An dieser Entwicklung scheinen die Fluggesellschaften nicht unschuldig zu sein. „Der Mehrwert der Business Class ist auf Europastrecken für Geschäftsreisende kaum noch zu erkennen. Aus Sicht der Unternehmen rechtfertigt das nicht mehr den Mehrpreis für den Flug“, sagt Biehl. Doch auch Kostensenkungsprogramme haben zum Auszug aus der Business Class beigetragen. „In der Finanzkrise 2008 und 2009 haben Unternehmen zuerst die Reisekosten in den Blick genommen, um zu sparen. Ein einmal erschlossenes Sparpotential wird dann nicht gern wieder aufgegeben“, erklärt Biehl. Beinahe überflüssig, zu erwähnen, dass nur noch weniger als jede hundertste geschäftliche Fernreise in der komfortablen First Class angetreten wird.

          Was die Budgets der Arbeitgeber entlastet, ist nicht immer zum Wohl der Beschäftigten. „Mitarbeitern wird zugemutet, in der engeren Economy Class nach Asien zu fliegen, um dann vor Ort direkt eine Millionen-Transaktion abzuschließen“, gibt der VDR-Geschäftsführer zu bedenken. 2004 nahm noch die Mehrheit der Reisenden aus Großunternehmen in der Edelklasse Platz, aktuell ist es nur noch ein Drittel. Dass Fluggesellschaften Premium-Economy-Sitze mit etwas mehr Beinfreiheit als in der Touristenklasse einbauten, begünstigte den Trend noch. Jeder zehnte Beschäftigte eines Betriebs mit mehr als 500 Beschäftigten bucht in der neugeschaffenen Klasse, laut den VDR-Zahlen ging das komplett zu Lasten der Business Class.

          Die veränderte Platzwahl setzt Fluggesellschaften unter Druck. Hinzu kommt, dass es für deutsche Unternehmen nicht mehr auf Anhieb selbstverständlich ist, bei nationalen Airlines zu buchen. „Zahlreiche ausländische Fluggesellschaften haben in Deutschland einen guten Ruf, es gibt für Unternehmen keinen Grund mehr, mit denen nicht zu fliegen“, sagt Biehl. Zur Spitzengruppe der wichtigsten Beförderer auf Interkontinentalstrecken gehört erstmals eine nichteuropäische Gesellschaft: Emirates aus Dubai rangiert nun zwischen der führenden Deutschen Lufthansa und Air Berlin.

          Sicherheit gewinnt an Bedeutung

          Wenn sie schon nicht mehr Komfort bekommen, werden deutschen Beschäftigten doch mehr Außentermine ermöglicht. Lange gab es in Unternehmen bloß einen kleinen Kreis Vielreisender. Der Anstieg der Fahrten und Flüge verteilt sich nun auf mehr Beschäftigte. Insgesamt wurden 2015 fast 183 Millionen dienstliche Reisen gezählt – 4 Prozent mehr als 2014 und 25Prozent mehr als 2009. War noch vor fünf Jahren nur einer von vier Beschäftigten mindestens einmal im Jahr geschäftlich unterwegs, sind es nun fast 40 Prozent. Laut Biehl ist das auch eine Reaktion auf veränderte Bedürfnisse der Beschäftigten: „Gerade junge Mitarbeiter wollen mobil sein, dabei sind ihnen unterschiedliche Mobilitätsangebote wichtiger als die Frage, ob sie einen Dienstwagen bekommen.“

          Mehr Reisen lassen auch das Thema Sicherheit an Bedeutung gewinnen. Die Anschläge der vergangenen Monate in Paris, Istanbul und Brüssel sind nicht spurlos an den Reiseverantwortlichen deutscher Unternehmen vorbeigezogen. Zwar werde nur auf wenige Fahrten verzichtet, Auslandsaufenthalte würden aber im Hinblick auf das Thema Fürsorgepflicht gründlicher geplant. „Geschäftsreisende waren lange relativ sorglos unterwegs, das hat sich geändert. Diese Entwicklung muss man nicht dramatisieren, aber man darf sie auch nicht tabuisieren“, sagt Biehl. Unternehmen hierzulande hätten noch Nachholbedarf bei der Sorge um ihre reisenden Beschäftigten. „Man muss immer berücksichtigten, dass nach einem Zwischenfall Handynetze ausfallen können und der Mitarbeiter auf diesem Weg nicht mehr erreichbar ist“, mahnt er. In einigen Schwellenländern sei es zudem wichtig, dem Mitarbeiter vorzugeben, welche Wege er gehen darf, welches Taxiunternehmen er rufen darf und welches er meiden soll. „Vor allem im Mittelstand haben das noch nicht genügend Unternehmen erkannt“, sagt Biehl. Während 81 Prozent aller Großunternehmen angeben, sich mit der Sicherheit ihrer Mitarbeiter zu beschäftigten, sagten das erst 53 Prozent der kleinen Betriebe.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.