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Buchhandel : Ein anderes Weltbild

  • -Aktualisiert am

Carel Halff, der Vorsitzende der Weltbild-Geschäftsführung gibt sich zurückhaltend was den Verkauf betrifft Bild: Weltbild

Die katholische Kirche ist der größte deutsche Buchhändler. Jetzt will sie sich von ihrer Weltbild-Gruppe trennen. Zu sehr kollidieren Geschäft und Glaube. Doch der Verkaufsprozess steht noch am Anfang; Holtzbrinck ist allerdings der Wunschkandidat.

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          Es gibt Bestseller, die bei Deutschlands größtem Buchhändler nicht zu haben sind. „Nein“, sagt am Montagmittag die Dame von der telefonischen Kundenbetreuung der Augsburger Weltbild-Verlagsgruppe. Nein, der Thriller „Das Sakrileg“ von Dan Brown sei leider „ausverkauft“. Dafür sind aber gleich mehrere Bücher lieferbar, die sich kritisch mit dem von der katholischen Kirche heftig bekämpften Roman auseinandersetzen.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gut möglich, dass Browns Leser demnächst auch bei Weltbild wieder fündig werden. Dafür allerdings muss wohl erst das Unternehmen verkauft werden. Denn Weltbild gehört bisher der katholischen Kirche - und das birgt einiges Konfliktpotential. Als der Buchhändler vor Jahren für das damals neue „Sakrileg“ kräftig die Werbetrommel rührte, brach ein Sturm der Entrüstung über die Augsburger Kaufleute herein. „Das gab einen Riesenärger“, erinnert sich ein Beteiligter. Browns kühne Thesen, etwa dass Jesus Christus mit Maria Magdalena verheiratet gewesen sei, kamen in den 14 katholischen Diözesen, denen Weltbild gehört, gar nicht gut an. Jetzt soll offenbar Schluss sein mit dem Zwiespalt zwischen geschäftlichen und theologischen Interessen. Die Kirchenleute wollen sich von ihrem Buchhändler trennen.

          Keine wirtschaftlichen Gründe

          Carel Halff, der Vorsitzende der Weltbild-Geschäftsführung, gibt sich am Montag noch eher zurückhaltend. „Der Prozess steht noch am Anfang. Es gibt noch keine Gespräche mit Interessenten“, sagt Halff. Alle Möglichkeiten seien denkbar, auch ein Verkauf oder eine Partnerschaft. In informierten Kreisen gilt allerdings ein Komplettverkauf als weitgehend sicher.

          Bild: F.A.Z.

          An wirtschaftlichen Gründen liegt es nicht, dass sich die Bischöfe nach neuen Eigentümern umsehen. Der Marktführer im deutschen Buchhandel, der vor 60 Jahren in Fulda mit der katholischen Zeitschrift „Mann in der Zeit“ begonnen hat, ist ein florierendes Unternehmen. Im Geschäftsjahr 2007/08 (30. Juni) ist der Umsatz der Weltbild-Gruppe um 21 Prozent auf 1,94 Milliarden Euro gestiegen. Darin enthalten sind allerdings auch konzerninterne Geschäfte. Konsolidierte Umsätze und Ergebniszahlen nennt das Unternehmen, das auch im Ausland aktiv ist, nicht.

          Der Verantwortung bewusst

          Der Umsatzsprung beruht zwar zu einem Teil auf der erstmalig ganzjährigen Einbeziehung der Buchhandelskette DBH (Hugendubel, Buch Habel, Schmorl & von Seefeld, Ganghofersche, Weiland, Wohlthat'sche, Weltbild, Jokers), die Weltbild gemeinsam mit Hugendubel betreibt. Aber zum großen Teil sei der Mehrumsatz auf internes Wachstum zurückzuführen. Im Inland sei man um knapp 10 und im Ausland um gut 10 Prozent gewachsen, heißt es. Allein die Onlineshops (Weltbild.de, Jokers.de, buecher.de, bol.com) hätten im abgelaufenen Jahr um 37 Prozent auf 451 Millionen Euro zugelegt. Das Unternehmen erzielt damit mehr als ein Fünftel seiner Umsätze über das Internet. Weltbild will das Internetangebot und das stationäre Angebot noch stärker verzahnen. Dieses Jahr sorgt allein schon die zum 1. Juli erfolgte Übernahme von 40 Buchhandlungen in Karstadt-Kaufhäusern für weiteres Wachstum. Damit betreibt die DBH-Holding in Deutschland mehr als 500 Buchgeschäfte.

          Im Weltbild-Lager wird der Wert der Gruppe mit 400 bis 500 Millionen Euro angesetzt. „Wertmaximierung hat beim Verkauf des Unternehmens aber nicht oberste Priorität“, sagt ein Beteiligter. Soziale Kriterien wie die Beschäftigungssicherung für die rund 7400 Mitarbeiter spielten eine große Rolle. Finanzinvestoren seien als Käufer unerwünscht, wird hinter den Kulissen versichert. So klar sagt das Weltbild-Aufsichtsratschef Klaus Donaubauer nicht. Doch auch er unterstrich am Montag gegenüber dieser Zeitung, die Eigentümer seien sich ihrer „Verantwortung als kirchliche Gesellschafter“ bewusst.

          „Holtzbrinck wäre ein Wunschkandidat“

          Zwar dementiert das Unternehmen, dass eine Zerschlagung der Gruppe geplant sei. Doch gibt es Überlegungen, einzelne Teile getrennt zu verkaufen. Vorstellbar sei dies etwa für den hochprofitablen Online-Buchhändler bol.com in den Niederlanden, der Weltbild zur Hälfte gehört. Die Beteiligung gilt als Perle in der Weltbild-Gruppe. Miteigner ist der schwäbische Großverlag Holtzbrinck (“Handelsblatt“). Auch der Buchverlag Droemer Knaur, den Weltbild ebenfalls zusammen mit Holtzbrinck kontrolliert, könnte getrennt verkauft werden. Der Partner aus Stuttgart wird als möglicher Käufer für die gesamte Gruppe umworben. „Holtzbrinck wäre ein Wunschkandidat“, heißt es. Vor allem hinsichtlich Droemer Knaur und an bol.com beruht die Zuneigung auf Gegenseitigkeit. „Wir werden sicherlich eine Offerte erwägen“, sagte Jochen Gutbrod, stellvertretender Vorsitzender der Holtzbrinck-Geschäftsleitung, der F.A.Z.

          Es dürfte freilich noch weitere Interessenten geben. Als heißer Kandidat gilt die Buchhandelskette Thalia, die zum Parfümhändler Douglas gehört und Marktführer im stationären Buchhandel ist. „Kartellrechtlich wäre das wohl möglich“, sagt ein Branchenkenner. Ein Thalia-Sprecher wollte sich nicht zu dem Thema äußern. Die Familie Hugendubel, heute bereits Weltbild-Partner im Filialgeschäft, könnte sich ebenfalls um das Unternehmen bemühen. Zudem rechnen Marktteilnehmer mit potentiellen Käufern aus dem Ausland. Gegen null tendiert dagegen das Interesse von Bertelsmann. Der größte europäische Medienkonzern ist im Buchhandel auf dem Rückzug.

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