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Buchbranche : Kurzfristig Jubel - langfristig Katzenjammer

Gute Nachrichten für die Branche: der deutsche Buchmarkt ist im europäischen Vergleich stabil geblieben Bild: Eilmes, Wolfgang

Der Branchenverband des Buchhandels kann es kaum glauben, spricht von Sensation: Im stationären Buchhandel steigen wider Erwarten die Umsätze. Aber der Jubel könnte schnell vorbei sein.

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          Die Experten sind überrascht. Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, spricht von einer „kleinen Sensation“. Entgegen allen Erwartungen zeigt sich der stationäre Buchhandel in diesem Jahr äußerst widerstandsfähig. Er hat allein im Mai seinen Umsatz um fast 7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat steigern können. Seit Anfang des Jahres ist für die gesamte deutsche Buchbranche (Verlage einschließlich Handel und Internet) ein Plus von 3,3 Prozent aufgelaufen.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Skepis führt die gute Situation der Branche, vor allem des stationären Buchhandels, darauf zurück, dass die seit einem Jahr laufende Imagekampagne „Vorsicht Buch“ erfolgreicher ist als gedacht. Zudem glaubt er, dass die Konsumenten als Folge der Diskussionen um Amazon (Konditionendruck auf die Verlage, Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter) sich wieder mehr Kunden dem örtlichen Buchhandel zuwenden. „Amazon ist der Kulturkiller Nummer eins“, hebt Skipis die Sicht der Branche noch einmal hervor.

          Eine Prognose für den weiteren Umsatzverlauf wagt Jürgen Horbach, Schatzmeister und Wirtschaftssprecher des Börsenvereins, aufgrund der überraschend guten Zahlen aber nicht. Zu groß sind die Unsicherheiten über die weitere Entwicklung der elektronischen Bücher und des Absatzes gedruckter Bücher über das Internet. Im abgelaufenen Jahr hat die deutsche Buchbranche 9,52 Milliarden Euro umgesetzt. Das war gegenüber dem Vorjahr ein Rückgang um 0,8 Prozent. Damit ist der deutsche Buchmarkt im europäischen Vergleich stabil geblieben.

          Bild: F.A.Z.

          Nur in Österreich hat die Branche um 1 Prozent zugelegt, in allen anderen Ländern sind weniger Bücher verkauft worden bis zu einem Umsatzrückgang von 11 Prozent in Spanien. Hinter der Stagnation in Deutschland verbergen sich aber durchaus größere Veränderungen. Der stationäre Buchhandel verliert seit drei Jahren mit zunehmender Geschwindigkeit an Umsatz. Er verlor fast 4 Prozent nach 3 Prozent in den beiden Vorjahren. Demgegenüber konnten die Internetbuchhändler knapp zweistellig zulegen.

          Der Internetumsatz von 1,6 Milliarden Euro - dazu gehören sowohl die über Internet bestellten Bücher als auch die heruntergeladenen elektronischen Bücher - geht fast ganz am stationären Handel vorbei. Er kommt vor allem Amazon und Weltbild zugute. Gerade einmal 0,5 Prozent seines Umsatzes macht der klassische Buchhandel mit elektronischen Büchern (E-Books), obwohl von seinem einzelhandelsrelevanten Umsatz (Belletristik, Kinder- und Jugendbuch sowie Sachbuch) schon 110 Millionen Euro oder 2,4 Prozent allein mit elektronischen Büchern umgesetzt werden.

          Die deutschen Verlage realisieren sogar fast 10 Prozent ihres Umsatzes mit elektronischen Angeboten. Darunter sind viele Verlage, die Fachzeitschriften oder Fachliteratur nur noch elektronisch anbieten. Dem Einzelhandel ist es bisher nicht gelungen, seine Kompetenz auch auf das elektronische Buch zu übertragen. Dessen ist man sich durchaus bewusst.

          Nach einer Umfrage der Organisation GfK für den Börsenverein gehen die Händler davon aus, dass sich ihr Umsatz mit elektronischen Büchern in diesem Jahr zwar auf 1 Prozent verdoppelt und bis 2015 auf mehr als 3 Prozent noch einmal verdreifachen wird. Das aber wird nicht ausreichen, um den Rückgang im traditionellen Sortiment auszugleichen. Dessen Umsatz wird bis 2015 um 16 Prozent schrumpfen, glauben die Händler.

          Auf den erhöhten Vertrieb elektronischer Bücher setzt man dennoch nicht. Als Reaktion auf die schrumpfenden Umsätze wollen die Händler vor allem die Kunden stärker an sich binden, in erster Linie durch mehr Veranstaltungen. Die Entwicklung hin zur Elektronik sei zwar stetig, aber nicht dramatisch, sagte Skipis. In Deutschland sei die Treue zum Buch stärker als in anderen Ländern. Deutschland sei nicht umsonst der drittgrößte Buchmarkt der Welt überhaupt und gemessen an den Einwohnern sogar der global größte Buchmarkt.

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