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Rassismus-Debatte : Britische Unternehmen holt Sklaven-Vergangenheit ein

Die Innenräume der britischen Versicherungsbörse Lloyd's of London Bild: AFP

Wegen früherer Verbindungen zur Sklaverei hat unter anderem der Versicherer Lloyd’s of London finanzielle Unterstützung für schwarze und andere Minderheiten angekündigt. Auch einige Banken und eine Pub-Kette müssen sich rechtfertigen.

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          Das Versicherungsunternehmen Lloyd’s of London sowie weitere britische Traditionskonzerne, darunter die Kneipenkette Greene King, holt ihre Verbindung mit dem Sklavenhandel in der Vergangenheit ein. Lloyd’s of London, dessen Anfänge ins Jahr 1688 zurückreichen, zeigte sich zerknirscht. „Es tut uns leid, welche Rolle der Lloyd’s-Markt im 18. und 19. Jahrhundert im Sklavenhandel spielte“, teilte das Unternehmen mit. Es sei „eine entsetzliche und schändliche Zeit der englischen wie auch unserer Geschichte“ gewesen. Lloyd’s wuchs damals zu einem der führenden Schiffsversicherer und machte auch mit der Versicherung von Schiffen der Sklavenhändler Geschäfte. Das Unternehmen will jetzt in Programme investieren, um schwarze Mitarbeiter und Bewerbungen von ethnischen Minderheiten zu fördern.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Wie die Zeitung „Daily Telegraph“ meldete, haben eine ganze Reihe von Gründern oder früheren Geschäftsführern von Traditionsunternehmen von Geldzahlungen profitiert, die der britische Staat nach der gesetzlichen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1833 an ehemalige Sklavenbesitzer leistete – als „Entschädigung“ für deren verlorenes „Eigentum“.

          Zu den Profiteuren zählte beispielsweise Benjamin Greene, einer der Gründer der heutigen Pub-Kette Greene King. Er erhielt für die Freilassung seiner mehr als zweihundert Sklaven in Plantagen auf der Karibikinsel St. Kitts vom britischen Staat rund 4000 Pfund „Kompensation“, wie aus einer Datenbank des University College London hervorgeht. Nach heutigem Wert ist dies schätzungsweise eine halbe Million Pfund. Der Chef der Kette, Nick Mackenzie, sagte gegenüber dem „Telegraph“: „Es ist unentschuldbar, dass einer unserer Gründer von der Sklaverei profitierte und in den 1800er-Jahren gegen ihre Abschaffung argumentierte.“ Das Unternehmen werde jetzt eine „substantielle Investition“ zugunsten der sogenannten BAME-Gemeinschaft leisten, wie in Britannien schwarze, asiatische und andere ethnische Minderheiten („Black, Asian and Minority Ethnic“) bezeichnet werden.

          Weitere Unternehmen, deren Gründer oder Manager, teils auch von Vorläuferunternehmen, Sklaven besaßen und dann von staatlichen Zahlungen profitierten, waren laut der Zeitung die Barclays Bank, die Royal Bank of Scotland, die HSBC und eine Belfaster Bank, die heute der Danske Bank gehört. Bei Barclays soll einer der Geldgeber der Vorgängerbank Colonial Bank, William Tetlow Hibbert, für Sklaven, die auf seinem Grundbesitz in Jamaika arbeiteten, insgesamt nach heutigem Geldwert mehr als 4 Millionen Pfund „Entschädigung“ erhalten haben. Barclays sagte auf Anfrage der Zeitung, die Geschichte des Unternehmens werde untersucht. „Wie können nicht ändern, was vor uns war, wir können nur ändern, wie es weitergeht.“

          Im Fall der HSBC soll der erste Manager der London Joint Stock Bank, die über Umwege in HSBC aufging, auf der Insel Nevis Sklaven besessen und vom Staat nach heutigem Geldwert mehr als eine Viertelmillion Pfund erhalten haben. Insgesamt zahlte der britische Staat nach der Abschaffung der Sklaverei in den 1830er Jahren Millionen-Summen an frühere Sklavenbesitzer. Großbritannien nahm dafür 20 Millionen Pfund Schulden auf, nach heutigem Geldwert geschätzt mehr als 2 Milliarden Pfund, die nach Auskunft des Finanzministeriums erst im Jahr 2015 vollständig abbezahlt worden sind.

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