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Britische Fußballclubs : Die Luxus-Spielzeuge der reichen Männer

Stars wie Michael Ballack zeigen für Chelsea Einsatz Bild: AFP

Zahltag in Europas teuerster Fußballliga. Die britischen Spitzenclubs Manchester United und FC Chelsea versuchen ihre Bilanzen zu sanieren. Viele Clubs haben sich in Spielzeuge reicher Mäzene verwandelt. So lange sie zahlen, spielt die kaufmännische Vernunft kaum eine Rolle.

          Roman Abramowitsch hat sich zum Jahreswechsel nicht lumpen lassen. Um seine Silvesterparty auf der Karibikinsel St. Barths in Schwung zu bringen, ließ der Milliardär Popstars wie Prince und Gwen Stefani zu Privatkonzerten einfliegen. Umgerechnet mehr als 3 Millionen Euro soll die verschwenderische Fete den in London lebenden russischen Unternehmer gekostet haben. Doch das ist nur ein Trinkgeld im Vergleich zu einer anderen Rechnung, die Abramowitsch kurz zuvor beglichen hatte. Mit einem Federstrich ließ der Oligarch, der sein Vermögen in den neunziger Jahren im Ölgeschäft gemacht hatte, die Schulden des Fußballvereins FC Chelsea fast vollständig verschwinden.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Abramowitsch, dem der Londoner Spitzenclub seit sechs Jahren gehört, wandelte ein zinsloses Gesellschafterdarlehen in Eigenkapital um. Verbindlichkeiten von 340 Millionen Pfund (rund 380 Millionen Euro), die der FC Chelsea bisher gegenüber seinem steinreichen Gönner hatte, sind damit Vergangenheit. Für sein aufwendigstes Hobby ist dem Russen fast nichts zu teuer. Schon vor dem Schuldenkehraus zu Silvester hatte Abramowitsch insgesamt mehr als 750 Millionen Pfund in den Verein investiert. Zum Starensemble des Russen gehören unter anderem Michael Ballack, Didier Drogba und Frank Lampard.

          Sportökonom: Geschäftsmodelle auf Dauer nicht tragfähig

          Von Bilanzierungs-Wundern wie bei Chelsea können die Buchhalter des Rivalen Manchester United nur träumen. Auch dieser britische Spitzenclub sitzt auf Schulden von rund 700 Millionen Pfund. Doch die Gläubiger sind keine milliardenschweren Fußball-Fanatiker wie Abramowitsch, sondern vor allem Banken.

          Die amerikanische Unternehmerfamilie Glazer hatte Manchester United vor fünf Jahren zusammen mit mehreren Hedge-Fonds übernommen, für 790 Millionen Pfund und durch hohe Kredite finanziert. Jetzt versucht der Club seine Finanzen zu ordnen und hat die Deutsche Bank und JP Morgan als Berater angeheuert. Nachdem in der Wirtschaftskrise das schlimmste überstanden zu sein scheint, erwägt Manchester United die Begebung einer Anleihe, um seine Kredite zu refinanzieren.

          Die Schuldenberge, die beim FC Chelsea und Manchester United bewegt werden, sind im britischen Profifußball keine Ausnahme. Die Unternehmensberatung Deloitte schätzt, dass die 20 Vereine der Premier League, der höchsten britischen Spielklasse, 2008 auf Nettoverbindlichkeiten von 3,1 Milliarden Pfund saßen.

          Zwar haben die Umsätze der britischen Vereine, vor allem dank hoher Einnahmen aus dem Bezahlfernsehen, alle anderen europäischen Ligen längst abgehängt (siehe Grafik). Experten halten die wirtschaftliche Lage der Premier League dennoch für prekär. „Das Geschäftsmodell vieler Vereine ist auf Dauer nicht tragfähig“, warnt John Beech, Professor für Sportökonomie an der Coventry University.

          36 Millionen Pfund für Abfindungen gefeuerter Trainer

          Viele britische Profivereine haben sich von Wirtschaftsunternehmen in Luxus-Spielzeuge reicher Mäzene wie Abramowitsch verwandelt – und sind auf Gedeih und Verderb von deren Wohlwollen und finanzieller Potenz abhängig geworden. Während in früheren Jahren noch rund 30 britische Vereine börsennotiert waren, ist es heute nur noch eine Handvoll. Die starken Männer der Liga sind längst Geldgeber wie Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan, der vor zwei Jahren Manchester City gekauft hat. Der Milliardär aus Abu Dhabi will den Verein zum europäischen Spitzenclub hochrüsten.

          So lange die reichen Eigentümer zahlen, spielt die kaufmännische Vernunft nur eine untergeordnete Rolle. Der hochdefizitäre FC Chelsea hat in den vergangenen drei Jahren allein für Abfindungen gefeuerter Trainer 36 Millionen Pfund verpulvert. Nach Berechnungen von Deloitte hat die Premier League 1,1 Milliarden Pfund an sogenannten „weichen Schulden“ – Kredite von Eigentümern, auf die keine marktüblichen Zinsen gezahlt werden müssen. „Solche Darlehen sind gefährlich, denn sie verführen zu wirtschaftlichem Leichtsinn“, sagt der Fußball-Ökonom Beech. Wenn die Geldgeber mit den tiefen Taschen ausfallen, wie etwa beim FC Portsmouth, droht ein finanzielles Desaster.

          Der Europäische Fußball-Verband (Uefa) will die Luft aus der Blase im englischen Fußballgeschäft lassen. Michel Platini, der Präsident der Uefa, setzte im vergangenen Jahr eine „Agenda für finanzielles Fair Play“ durch, ein neues Regelwerk, das die Schuldenwirtschaft mittelfristig beenden soll. Denn für die anderen europäischen Fußball-Nationen ist die vom vielen Geld befeuerte Dominanz der britischen Vereine seit Jahren ein Ärgernis. Geld schießt Tore: In den vergangenen drei Spielzeiten kamen neun von zwölf Halbfinalteilnehmern der europäischen Champions League aus Großbritannien.

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