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Britische Fluggesellschaften : Die Brexit-Gefahr für Easyjet & Co.

Easyjet-Airbus in London-Gatwick Bild: Bloomberg

Britanniens Fluggesellschaften drohen durch den EU-Austritt einschneidende Veränderungen. Darum geht es.

          Die britische Billigfluggesellschaft Easyjet rüstet sich mit einem neuen Standbein auf dem europäischen Kontinent für den bevorstehenden Brexit. Die Briten gründen in Österreich eine Tochtergesellschaft, die auch eine österreichische Fluglizenz erhalten soll. Die neue Sparte Easyjet Europe mit Sitz in Wien werde es der Fluggesellschaft ermöglichen, auch nach dem EU-Austritt Großbritanniens „Flüge in ganz Europa und auch innerhalb von EU-Staaten anzubieten“, teilte das Unternehmen mit. Das Zulassungsverfahren in Österreich sei weit fortgeschritten und Easyjet hofft auf eine Betriebserlaubnis in naher Zukunft.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Easyjet ist nicht die einzige Airline, die durch den Brexit unter Handlungsdruck geraten ist. Auch für die British-Airways-Muttergesellschaft IAG und den in Irland beheimateten europäischen Billigflug-Marktführer Ryanair könnte der EU-Austritt der Briten einschneidende Veränderungen mit sich bringen. Nach dem britischen Brexit-Votum beim Referendum im Juni 2016 ist der Aktienkurs von Easyjet binnen weniger Tage um ein Drittel gefallen und hat die Verluste bis heute nicht ganz wettgemacht. Auch die Papiere von IAG und Ryanair verloren damals stark an Wert. Nach dem derzeitigen Zeitplan wird Großbritannien die EU im Frühjahr 2019 verlassen.

          Einsatz für Luftfahrtabkommen zwischen Brüssel und London

          Für die Fluggesellschaften zeichnen sich beim Brexit zwei große Probleme ab: Einerseits ist unklar, ob und inwiefern britische Anbieter wie British Airways und Easyjet weiterhin in der EU Flüge anbieten dürfen. Denn der EU-Austritt setzt auch ein Fragezeichen hinter Großbritanniens weitere Mitgliedschaft im sogenannten European Common Aviation Area (ECAA), einem Luftfahrtabkommen, das den gegenseitigen Marktzugang für Airlines in Europa gewährleistet.

          Die zweite große Unbekannte ist die Eigentümerstruktur: Wenn Fluggesellschaften Verbindungen innerhalb der EU anbieten wollen, dann muss ihre Aktionärsbasis zumindest zur Hälfte aus EU-Bürgern bestehen. So schreiben es die gesetzlichen Spielregeln im stark regulierten Luftfahrtmarkt vor. IAG und Easyjet, aber auch Ryanair haben jedoch viele britische Aktionäre – und würden deshalb diese Auflage nach dem EU-Austritt des Königreichs womöglich nicht mehr erfüllen.

          Mit der neuen Tochtergesellschaft in Österreich hat Easyjet wohl zumindest einen Teil der Unwägbarkeiten beseitigt – aber eben nicht alle. So soll die neue Struktur sicherstellen, dass die Briten nach dem Brexit weiterhin Flüge innerhalb der EU anbieten können, also etwa von Berlin nach Paris. Unklar bleibt dagegen, ob auch Easyjet-Flugverbindungen zwischen Großbritannien und der EU nach dem Austritt wie bisher angeboten werden können. Der Wettbewerber Ryanair warnte bereits, der Flugbetrieb zwischen dem Königreich und der EU müsse 2019 eventuell vorübergehend gestoppt werden.

          38 Prozent der Aktionäre aus der EU

          In Österreich ist die Ansiedlung von Easyjet Chefsache: Die ersten Gespräche mit Carolyn McCall, der Vorstandschefin der Fluggesellschaft, hätten bereits im Oktober 2016 stattgefunden, sagte der österreichische Bundeskanzler Christian Kern. Er sprach von einem „hart erkämpften, aber umso schöneren Gewinn für Österreich“. Nach Angaben des Unternehmens werden durch die Gründung von Easyjet Europe neue Arbeitsplätze in Österreich entstehen, aber keine Stellen von Großbritannien nach Österreich verlagert. Easyjet betreibt derzeit rund 100 Flugzeuge in sechs EU-Mitgliedstaaten außerhalb Großbritanniens und beschäftigt dort etwa 4000 Mitarbeiter.

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          Unterdessen könnte die Frage der Eigentümerstruktur nach Einschätzung von Fachleuten vor allem für den British-Airways-Eigner IAG zum Problem werden. IAG-Chef Willie Walsh forderte in dieser Woche bei einem Treffen mit EU-Parlamentariern, der Staatenbund müsse seine „obskuren“ Eigentumsregelungen für Fluggesellschaften überdenken. Britische Aktionäre müssten auch nach dem Brexit zur EU-Eigentümerquote gezählt werden. Die derzeitigen Restriktionen seien überflüssig. Manchen Schätzungen zufolge stammt nur rund ein Viertel der IAG-Aktionäre aus der EU. Damit droht die Airline-Gruppe, zu der neben BA auch Iberia, Aer Lingus und Vueling gehören, die Schwelle von 50 Prozent deutlich zu verfehlen. IAG selbst legt die Eigentümerquote nicht offen.

          Wettbewerber wie der Ryanair-Chef Michael O‘Leary reden bereits davon, IAG drohe nach dem Brexit die Zerschlagung. Denkbar wäre auch, dass Aktionäre, die nicht aus der EU stammen, gezwungen werden, Anteile zu verkaufen. Der IAG-Chef Walsh wiegelt dagegen ab: Er sei „zuversichtlich“, dass die Konzernstruktur durch den Brexit nicht gefährdet sei, versicherte Walsh diese Woche. Auch Ryanair und Easyjet würden die 50-Prozent-Schwelle der Aktionärsbasis wohl verfehlen. Easyjet rechnet allerdings damit, nur knapp unter der Quote zu liegen. Ryanair geht davon aus, dass 38 Prozent seiner Aktionäre aus der EU sind.

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