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Britische Bespitzelung : Kronprinz in Nöten

Angehender Medientycoon in Bedrängnis: James Murdoch Bild: REUTERS

Es ist eine atemberaubende Spitzelaffäre: Pressesprecher, Politiker und selbst Mitglieder der Königsfamilie wurden offenbar jahrelang von einer britischen Zeitung abgehört. Das macht dem Medienmanager Murdoch zu schaffen.

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          Es war nur ein kurzer Abstecher, den James Murdoch am Dienstag nach München machte. Aber es waren ein paar Stunden zum Durchatmen für einen der mächtigsten Medienmanager in Europa. In Bayern plauderte Murdoch auf dem Podium eines Branchenkongresses unter anderem über den von seinem Unternehmen kontrollierten Münchner Bezahlsender Sky Deutschland. Bisher war dieser das größte Milliardengrab des deutschen Fernsehens. „Seit gestern“ sei der Sender nun ein profitables Geschäft, verkündete Murdoch und an der Frankfurter Börse stieg prompt der Sky-Aktienkurs.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Daheim in London ist es für James Murdoch, den Kronprinzen im weltumspannenden Medienimperium seines Vaters Rupert, derzeit deutlich ungemütlicher als im beschaulichen München. Die Europazentrale des News-Corp-Konzerns im Osten der britischen Hauptstadt wird von einer weitreichenden Spitzelaffäre erschüttert. Das Murdoch gehörende und für seine Enthüllungsgeschichten gefürchtete Boulevardblatt „News of the World“ hat jahrelang illegal Telefongespräche von Prominenten angezapft - und zwar offensichtlich im ganz großen Stil.

          Bespitzelung im großen Stil

          Was nun immer stärker ans Licht kommt und immer größere Kreise zieht, ist atemberaubend: Filmstars wie die Schauspielerin Sienna Miller, Fußballmanager, Pressesprecher, Politiker und Mitglieder der Königsfamilie wie Prinz William sind unter den Bespitzelungsopfern. Vor dem Abhörnetz der rabiaten Boulevardjournalisten konnte sich offenbar niemand sicher fühlen. Selbst der bis vor wenigen Monaten amtierende frühere Premierminister Gordon Brown soll sich an die Polizei gewandt haben. Vergangene Woche hat die unappetitliche Affäre, deren Einzelheiten in den vergangenen vier Jahren nur häppchenweise bekanntwurden, endgültig auch Downing Street erreicht: Andy Coulson, Pressechef und enger Vertrauter des heutigen Premierministers David Cameron, trat wegen der Vorwürfe zurück. Coulson war früher Chefredakteur der „News of the World“.

          Seither brennt es. Für James Murdoch, den angehenden Medientycoon, der in einigen Jahren in die Fußstapfen des großen Vaters treten soll, wird das Thema immer unangenehmer. Der 38 Jahre alte Junior leitet von London aus das Europa- und Asien-Geschäft der News Corp. Die „News of the World“ ist zwar nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe des Konzerns, aber es dreht sich in London direkt vor seinen Augen. James Murdoch hat die lange schwelende Affäre unterschätzt. Es sieht so aus, als habe das Unternehmen mit seiner Duldung versucht, das Ausmaß der Bespitzelungsaktionen zu vertuschen.

          Die Abhöraffäre kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt

          Inzwischen hat sich der mächtige Vater eingeschaltet - und er ist wütend. Rupert Murdoch ist 80 Jahre alt, aber er lenkt von New York aus noch immer als Vorstandschef die Geschicke der News Corp, der unter anderem das Filmstudio 20th Century Fox, das „Wall Street Journal“ und eine der führenden amerikanischen Fernsehketten gehören. Diese Woche machte der rüstige Senior auf dem Weg zum Weltwirtschaftsforum in Davos Station in London, um nach dem Rechten zu schauen. Extrem verärgert sei der Vater über die Eskapaden, heißt es. Er soll eine „Null-Toleranz-Richtlinie“ gegenüber Journalisten und Managern, die in die Vorgänge verwickelt sind, ausgegeben haben.

          Der Unmut des Medienzaren hat handfeste geschäftliche Gründe. Die Abhöraffäre kocht zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt hoch: Murdoch ist gerade dabei, den hochprofitablen Bezahlsender BSkyB, an dem ihm bisher 38 Prozent gehören, ganz zu übernehmen. Die Konkurrenz, von der öffentlich-rechtlichen BBC bis zur „Financial Times“, läuft Sturm gegen die Pläne, und die Vorwürfe sind Wasser auf die Mühlen der Gegner. Murdochs News Corp ist mit vier überregionalen Zeitungen und als Hauptaktionär von BSkyB bereits die mächtigste Mediengruppe im Land. Soll ein Unternehmen, dessen Journalisten derart skrupellos vorgehen, wirklich noch mehr Medienmacht bekommen? Der Einfluss der Murdochs in Großbritannien reicht schon heute weit. Zwar sind Fernsehen und Zeitungen im Internetzeitalter nicht mehr so wichtig wie einst, aber ob früher Tony Blair oder heute David Cameron - Spitzenpolitiker beider großer Parteien im Land suchen die Nähe zu der Meinungsmacher-Familie. Die Murdochs haben mit ihren Anliegen Zugang zu den Schaltstellen der Politik. Das könnte sich nun auszahlen: Die Medienaufsicht Ofcom hat Bedenken gegen die Sky-Übernahme von Murdoch angemeldet, doch der zuständige Kulturminister Jeremy Hunt zögert, den heiklen Fall der Kartellbehörde zur genauen Prüfung zu übertragen. Er wolle erst abwarten, welche Kompromissangebote die Murdochs zu unterbreiten hätten.

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